Der E-Scooter-Check: Klimafreundliches Verkehrsmittel oder bloß ein cooles Hobby?

rnTrend Elektrotretroller

Der E-Scooter kommt. Der Bundesrat hat den Gesetzes-Rahmen für das Fahren mit Elektrotretrollern geschaffen. Ab diesem Sommer kann es wohl auch in Castrop-Rauxel losgehen. Aber wird es das?

von Dieter Duewel

Castrop-Rauxel

, 31.05.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Kaum ein Trend hat sich in den letzten Jahren stärker ausgeprägt als der zur Nachhaltigkeit. Dabei gewinnt vor allem Elektromobilität an Bedeutung. So schnellen Verkaufszahlen von E-Bikes und Pedelecs in die Höhe.

Jetzt gibt es einen neuen Trend: Immer mehr Menschen entdecken den Elektro-Tretroller, auch E-Scooter genannt. Er hat den Charme eines wendigen und kompakten Fortbewegungsmittels. Ohne Umweltbelastung und Staustress verspricht man sich zügiges Vorankommen im Straßenverkehr.

Kein Parkplatz und eine einfache Steckdose

Der E-Scooter lässt sich ohne Treten fahren, benötigt keinen Parkplatz, lässt sich zusammenklappen und kann zu Hause an der Steckdose aufgeladen werden. Klingt perfekt - aber ist das alltagstauglich und sinnvoll auch in Castrop-Rauxel?

Die aus den USA stammenden Tretroller haben europäische Metropolen wie Paris, Kopenhagen, Lissabon oder Wien erobert. Hier nutzen Berufstätige und Studenten die Fahrzeuge, um den letzten Kilometer zwischen Bus oder Bahn und Arbeitsplatz oder Uni zurückzulegen. In Wien gibt es über 6000 Roller, die man per App leihen kann. Es häufen sich aber Beschwerden über herumliegende Scooter, falsch geparkte Fahrzeuge und Touristen, die die Regeln nicht kennen.

Auch in Paris, wo man mit 40.000 Scootern bis Ende des Jahres rechnet, plant die Verwaltung strengere Bestimmungen für die Zulassung und Benutzung der Roller.

Bundesrat legte Regeln am 17. Mai fest

In Deutschland fahren bisher wenig elektrische Tretroller durch die Gegend. Und meistens illegal. Es fehlte das Gesetz. Nun hat der Bundesrat am 17. Mai die Regeln für das Fahren mit E-Scootern festgelegt. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist das Fahren bei uns nicht überall erlaubt und nicht für alle Altersklassen freigegeben.

Die wichtigsten gesetzlichen Regelungen für das Fahren mit E-Scootern

  • Erlaubt ist das Fahren von elektrischen Tretrollern nur auf Radwegen und auf der Straße, sofern es keinen Radweg gibt.
  • Das Fahren der E-Scooter ist erst ab einem Alter von 14 Jahren erlaubt.
  • Fahrer von Elektrokleinstfahrzeugen müssen keine Fahrerlaubnis besitzen.
  • Die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit beträgt 20 km/h. Die Leistung des Elektromotors der Fahrzeuge ist auf 500 Watt begrenzt.
  • Es besteht keine Helmpflicht, auch wenn das Tragen eines Helms dringend empfohlen wird.
  • Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Versicherung: Laut Verkehrsministerium zahlen unter 23-Jährige rund 90 Euro pro Jahr, ältere Fahrer rund 60 Euro pro Jahr. Um eine Haftpflichtversicherung abzuschließen, benötigt man eine Betriebserlaubnis (ABE) vom Hersteller.

Jedoch ist der Startschuss für das legale Fahren mit E-Scootern noch nicht gefallen. Während der Abstimmung im Bundesrat war die Rede von „diesem Sommer“. Dann dürfen Hersteller eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) beim Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) beantragen.

Anderl und Schmitz sind in den Startlöchern

Wie sieht es mit Elektrotretrollern in unserer Stadt aus? Zu sehen sind sie bisher kaum. Volker Anderl von Zweirad Anderl in Ickern und Gertrud Schmitz von Zweirad Schmitz in Rauxel kennen das Thema - beide Händler gehen aber nicht davon aus, dass es 2019 zu einem E-Scooter-Boom kommt. Sie hocken aber in den Startlöchern.

„Da die Modelle, die bereits auf dem Markt sind, fast alle keine Zulassung haben, halten sich die Hersteller und Händler noch bedeckt“, sagt Gertrud Schmitz. „Wir haben den E-Tretroller BMW X2City seit einigen Monaten vorrätig, da er schon die Zulassung hat. Ähnliche Modelle könnte ich mir schon im Castroper Straßenverkehr vorstellen.“

Volker Anderl ist sich sicher, dass der E-Scooter ein Erfolg wird. Er will sich aber erst im Herbst intensiv damit beschäftigen: „Ich habe das Modell JD Citybug vorrätig, allerdings nicht in großen Stückzahlen. Ich warte mit weiteren Einkäufen, bis man weiß, welche Roller zugelassen sind.“

Er sieht die Scooter vor dem Hintergrund der boomenden E-Mobilität: „Die Zahl der Pedelecs und E-Bikes hat enorm zugenommen, teilweise fahren die Menschen schon mit Anhänger zum Einkaufen oder jeden Tag recht weite Strecken zur Arbeit.“

Der E-Scooter-Check: Klimafreundliches Verkehrsmittel oder bloß ein cooles Hobby?

Zweirad Schmitz-Geschäftsführerin Gertrud Schmitz und Zweirad-Mechanikermeister Gerd Gallowski präsentieren den E-Scooter BMW X2City, der bereits für den Verkehr im Bundesgebiet zugelassen ist. © Dieter Düwel

„Castrop ist eigentlich nicht geeignet“

Jedoch gibt sich Anderl skeptisch, was das Fahren mit Elektro-Tretrollern in Castrop-Rauxel betrifft: „Castrop ist eigentlich nicht geeignet für E-Scooter. Das ist eher was für Großstädte wie Dortmund oder Bochum, wo man eine Strecke mit Bus oder Bahn fährt und den Rest mit einem Scooter. In unserem Stadtgebiet sind die Wege relativ lang, und wenn man mit dem Roller zwei Kilometer gefahren ist, macht das keinen Riesenspaß mehr.“

Welche Vorteile versprechen sich Kunden vom Kauf eines E-Scooters? Dazu Volker Anderl: „Ich hatte einen, dessen Sohn zum Training immer mit dem Fahrrad fuhr. Das wurde ihm zweimal gestohlen. Jetzt hat er einen Scooter. Den kann er zusammenklappen und mitnehmen. Einen Roller habe ich an einen Wohnwagenbesitzer verkauft, der damit im Urlaub zum morgendlichen Brötchenholen fahren will.“

Gertrud Schmitz sieht die Attraktivität der Scooter ebenfalls in der Praktibilität: „Der Vorteil ist, dass man sie ins Auto oder den Wohnwagen packen kann, beispielsweise um Städte zu besichtigen, wenn man auf Reisen ist.“

Sehr stabil, recht große Räder - aber 2300 Euro

Wer nicht mehr mit dem Kauf eines E-Scooters warten will, sollte nach Ansicht der Zweiradhändler auf jeden Fall auf Qualität achten, besonders was Stabilität und Leistung betrifft. Gertrud Schmitz: „Ein E-Tretroller wie der BMW X2City ist sehr stabil und recht groß mit 16-Zoll-Rädern. Damit kann man ungefähr eine Stunde fahren, mit einer Reichweite von 25 Kilometern. Natürlich hat Qualität ihren Preis.“ Volker Anderl weist darauf hin, „dass man vor allem einen leistungsstarken Akku benötigt, um eine ausreichende Reichweite zu erhalten“.

Was man beim Kauf eines E-Scooters beachten sollte

  • E-Scooter gibt es mit verschiedenen Motoren. Die Wahl des Motors hängt von den geplanten Fahrstrecken ab. Wird es hügelig und sollen täglich mehrere Kilometer zurückgelegt werden, sollte man lieber ein paar Euro mehr für ein stärkeres Antriebsaggregat anlegen.
  • Die Akkus werden per Ladebuchse und Ladegerät an die Steckdose angeschlossen. Abnehmbare Akkus gibt es auch, allerdings steigt dann der Preis für den Roller erheblich. Drei bis vier Stunden kann ein Ladevorgang dauern, dann kann man wieder rund 20 Kilometer weit damit fahren.
  • Viele Modelle verfügen über Scheibenbremsen, die kräftiger zupacken als Trommelbremsen.
  • Die Räder- und Reifengröße richtet sich nach dem Modell. Selten ist der Duchmesser größer als 28 Zentimeter. Kleinere Reifen lassen sich auf Kopfsteinpflaster schlechter fahren. Viele Roller besitzen keine Tachos. Das wiederum bedeutet in der Praxis, dass die Fahrer immer nur schätzen können, ob sie noch nicht zu schnell sind.
  • Die Preisskala für E-Scooter beginnt bei rund 200 Euro. Die Kapazität der Akkus in dieser Preisklasse reicht allerdings oft nur bis 20 Kilometer. Wenn man täglich von der Bahn ein paar Kilometer zur Arbeit und zurück fahren möchte, sollte man mindestens 500 Euro investieren. Die beiden zugelassenen Modelle sind allerdings im Moment noch erheblich teurer. Der BMW X2City liegt preislich bei 2300 Euro, der Metz Moover bei 2000 Euro.

Obwohl ein E-Scooter-Boom hier noch nicht begonnen hat, werden schon kritische Stimmen laut. Unter ökologischen Gesichtspunkten sieht das Verkehrsministerium zwar die neuen Tretroller als ideale Ergänzung beim Ausbau der E-Mobilität, jedoch steht dem die Herstellung und der Stromverbrauch des Akkus gegenüber. Manche verlieren schon nach einem halben Jahr ihre volle Leistungsfähigkeit. Und die Entscheidung des Bundesrats, E-Rollerfahrer auf Radwege fahren zu lassen, hat den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club) auf den Plan gerufen. Man befürchtet Unfälle.

Martin Kühl Lukas, Sprecher des ADFC Castrop-Rauxel, sagt: „Die vorhandenen

Radwege reichen schon für den normalen Radverkehr kaum aus. Die Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass die Roller dann auf Fußwege ausweichen und damit wird es dort sehr gefährlich angesichts der möglichen Geschwindigkeiten

dieser Geräte.“

„Dann muss der Autoverkehr Platz abgeben“

Kühl-Lukas erinnert an die Schulnote „4“ für Castrop-Rauxel beim Fahrradklimatest, wobei vor allem zu schmale und häufig zugeparkte Radwege kritisiert wurden. Er vermutet, dass es dort künftig noch mehr Betrieb und Platzprobleme geben wird: „Wenn Fahrräder, Pedelecs und E-Scooter die Städte vom Autoverkehr entlasten sollen, muss der Autoverkehr Platz abgeben. Dies wird erst gelingen, wenn pro Einwohner und Jahr nicht wie bisher fünf bis sieben Euro für den nicht-motorisierten Verkehr ausgegeben werden, sondern 30 Euro.“

Kollege Konrad Krause vom ADFC Sachsen ärgert ein anderer Fakt: „Ich kann nicht nachvollziehen, dass wir einerseits über zu dicke Kinder und Jugendliche klagen, ihnen dann aber auch noch den Roller elektrisieren, um ein paar hundert Meter weit zu kommen.“

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