Immer mehr Lastenfahrräder sind im Straßenbild zu sehen. © Mario Berger
Lastenräder

Der Lastenfahrrad-Trend: Über Fahreigenschaften, Fans und Fördergelder

Raus aus dem Auto und rauf aufs Rad, um Einkäufe zu erledigen oder Kinder zur Kita zu fahren: Immer mehr Familien beteiligen sich so an der notwendigen Verkehrswende. Aber in Castrop-Rauxel...?

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es Transporträder. Jetzt erfahren sie eine Wiederbelebung, natürlich technisch auf dem neuesten Stand. Über 100.000 Lastenräder wurden im vergangenen Jahr allein in Deutschland verkauft, die meisten davon mit Elektroantrieb. Und die Tendenz: steigend.

Die Räder werden immer ausgeklügelter, es gibt auch faltbare Exemplare und solche, die Betonmischmaschinen transportieren können.

Volker Anderl von „2Rad Anderl“ in Ickern bestätigt diesen Trend. Er sagt, er sehe die Bikes seit drei bis vier Jahren verstärkt in Castrop-Rauxel: „Ich verkaufe Lastenräder vor allem an umweltbewusste Kunden, die damit ihre Einkäufe erledigen und ihre Kinder transportieren. Für sie ist das Rad praktischer und schneller, man spart sich die nervende Parkplatzsuche in der Innenstadt und ist einfach entspannter unterwegs“, sagt Anderl.

Volker Anderl beobachtet eine steigende Nachfrage nach Lastenrädern. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Mit der Rikscha zum Arzt

Allerdings sind die Räder teuer. „Für ein Pedelec muss man schon 3000 Euro auf den Tisch legen“, so der Fahrradexperte. Und: „Nach oben sind keine Grenzen gesetzt.“

Er erzählt: „Das teuerste, das ich bisher verkauft habe, kostet 15.000 Euro und ist in einem Altenheim im Einsatz. Damit werden die Senioren beispielsweise zum Arzt gefahren. Sie fühlen sich wie in einer Rikscha und haben großen Spaß.“

Traditionsbäckerei setzt auf Cargo Bikes

Zu seinen Kunden gehören aber auch Gewerbetreibende wie die benachbarte Bäckerei Auffenberg in Ickern. „Seit März 2020 fahren wir unsere Waren mit den beiden Lastenrädern aus“, erklärt die Chefin Isabel Auffenberg. „Ich war am Anfang sehr skeptisch, aber inzwischen sind wir über 2000 Kilometer damit gefahren.“ Fahrten zu den Kunden oder zu Besprechungen in den Filialen werden nur noch mit dem Lastenrad gemacht.

Vor allem Bäckergeselle Christian Tann, der seit fast 30 Jahren in der Traditionsbäckerei beschäftigt ist und keinen Führerschein hat, profitiert davon: „20 Jahre lang hat mich meine Frau mit dem Auto mitten in der Nacht zur Backstube gebracht. Jetzt bin ich mit dem Lastenrad in sieben Minuten am Arbeitsplatz. Und das Ganze ist auch noch umweltschonend.“

Isabel Auffenberg und Christian Tann wollen auf ihre Lastenräder nicht mehr verzichten. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Isabel Auffenberg möchte auf ihre Cargo Bikes nicht mehr verzichten, auch wenn es zunächst einige Probleme gab: „Wir mussten uns erst daran gewöhnen, dass die Räder etwas anders gefahren werden. Ich habe drei Stunden gebraucht, um mich darauf sicher zu fühlen. Vor allem in der Nähe von Bordsteinen muss man sehr vorsichtig sein.“

Die Kaufentscheidung: einspurig oder mehrspurig?

  • Lastenräder gibt es in verschiedenen Varianten. Die entscheidende Frage ist, ob man sich nach einem ein- oder mehrspurigen Transportrad mit Frontladung umsehen sollte.
  • Einspurige Fahrräder dieses Typs fahren sich gut in der Kurve und verfügen über stabile Mittelständer. Dadurch können Sie auch bequem im Stand beladen werden.
  • Mehrspurige Lastenräder (Dreiräder) sind in den Kurven, vor allem ohne Ladung, gewöhnungsbedürftig. Im Stand mit der Feststellbremse geparkt, bieten sie eine sehr gute Standfestigkeit.
  • Sollen im Alltag schwere Lasten regelmäßig transportiert werden, bietet sich ein Elektro-Lastenrad an.

Mit der „Bakfiets“ zur Kita

Ebenso erging es Johanna Luther, die die „Bakfiets“ hauptsächlich zum Transport ihrer beiden Töchter nutzt: „Ich musste mich schon auf die spezielle Fahrweise einstellen, aber jetzt möchte ich nicht mehr darauf verzichten.“

Seit die Familie sich dazu entschloss, statt zwei Autos nur noch eins zu fahren, werden die beiden Töchter Rosemarie (4) und Lieselotte (8) jeden Morgen mit dem holländischen Lastenrad zu Kita und Schule gebracht. Auch den Weg zur Arbeit und zum Einkaufen kann sich Johanna Luther ohne das einspurige E-Bike nicht mehr vorstellen.

Johanna Luther transportiert täglich ihre Töchter mit dem Bakfiets zu Kita und Schule. © Dieter Düwel © Dieter Düwel

Die Freizeitaktivitäten der Familie werden ebenfalls durch das Lastenrad bestimmt. „Wir machen oft Ausflüge damit. Das ist wie Urlaub. Es ist ein tolles Fahrgefühl“, sagt die Mama. „Die beiden Mädchen genießen die Fahrten, weil sie vorne sitzen und alles sehen können“, so Johanna Luther. Sie bekam ihr Rad relativ günstig eine Jobrad-Finanzierung.

Urlaub mit dem Lastenrad ohne Akku

Während die meisten Lastenradfahrer mit Akku-Unterstützung unterwegs sind, vertraut Mario Berger weiterhin auf seine Körperkraft: „Ich habe mich vor vier Jahren für den Kauf eines Cargo Bikes entschieden, und zwar ohne Motor, da zu der Zeit die Akkus noch recht schwach waren“, erzählt der 41-Jährige. „Ich unternehme mit meiner Familie schon seit langer Zeit Tagestouren bis zu 80 Kilometern. Da reicht der Akku einfach nicht aus.“

Auch im Urlaub ist die Familie jedes Jahr mit Lastenrad, Anhänger und Campingausrüstung am Niederrhein, im Münsterland oder im Emsland unterwegs. Mario Berger weiß die Vorzüge des Bikes zu schätzen: „Es ist vor allem wartungsarm und hält fit, auch wenn es an Steigungen schon mal etwas mühsam wird.“

Für Familie Berger geht’s nur noch mit dem Lastenrad in den Campingurlaub. © Mario Berger © Mario Berger

Vor gut einem Jahr verkaufte die Familie ihr Auto. Nun werden alle Wege zum Einkaufen oder für den Transport der Kinder mit dem Lastenrad erledigt, wie Mario Berger berichtet: „Das Rad hat mich voll überzeugt. Ich habe damit bereits 3800 Kilometer absolviert. Wir werden jetzt ein zweites Bike für meine Frau Jessica kaufen, allerdings mit Akku.“

ADFC fordert mehr Lastenräder

Für eine Förderung von Lastenrädern setzt sich der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club ein. Martin Kühl-Lukas vom ADFC Castrop-Rauxel hält es für notwendig, in der Castroper Altstadt und in Ickern mehr Bikes auf die Straße zu bringen, sowohl von Privatpersonen als auch von Gewerbe und Handwerk. „Der EUV ist hier Vorreiter und nutzt bereits Lastenräder“, erzählt er.

Welche Regeln muss ich im Straßenverkehr beachten?

  • Für Fahrer von Lastenrädern gelten dieselben Regeln wie für alle Radfahrer. Wenn ein Fahrradstreifen vorhanden ist, muss dieser genutzt werden. Allerdings dürfen Lastenräder auch am Fahrbahnrand geparkt werden. Ladung, Tiere und Kinder müssen bei der Fahrt ordnungsgemäß gesichert werden.
  • Darüber hinaus gibt es seit 2020 in der StVO ein eigenes Lastenrad-Symbol, mit dem zum Beispiel Parkplätze und Ladezonen speziell für Lastenräder ausgeschildert werden können. Das Symbol trägt die offizielle Unterschrift „Fahrrad zum Transport von Gütern oder Personen – Lastenfahrrad“.

Kühl-Lukas fügt eine praktische Zukunftsidee hinzu: „Auf dem Oberdeck des Parkplatzes im EKZ könnte für alle Paketdienstleister eine Sammelstelle eingerichtet werden. Von dort würden dann die Pakete die ‚letzte Meile‘ per Lastenrad zu den Kunden gebracht. In Herne fährt UPS mit einem Lastenrad durch die Fußgängerzone. Das bedeutet weniger Lärm, weniger Abgase, weniger Parkplatzsorgen.“

Konkrete Förderung für den Kauf gibt es von Bund und Land NRW für Firmen, die man offenbar auch addieren kann, wenn man entsprechende Anträge stellt. In Datteln, Recklinghausen und anderen vielen anderen Kommunen gibt es sogar Zuschüsse für Privatleute, die sich ein Lastenrad oder einen Fahrradanhänger anschaffen. In Castrop-Rauxel allerdings nicht. Eine Übersicht gibt es im Internet auf cargobike.jetzt.

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
In Castrop-Rauxel geboren und in der Heimatstadt geblieben. Schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet. Besonders interessiert am Sport und den tollen Radwegen im Revier.
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Dieter Düwel