Der Schalla-Prozess beschäftigt die Richter schon ein Jahr

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Vor mehr als 26 Jahren starb Nicole-Denise Schalla. Die Schülerin wurde auf dem Heimweg erwürgt. Der Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder hat das Schwurgericht das ganze Jahr beschäftigt.

Castrop-Rauxel

, 02.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ralf H. ist kein besonnener Mensch. Keiner, der es schafft, ruhig zu bleiben, auch wenn es in seinem Inneren brodelt. Der 54-jährige Castrop-Rauxeler ist vielmehr ein aufbrausender, hoch emotionaler Typ, der mit seinen Worten keine Rücksicht auf Etikette und Gepflogenheiten nimmt.

Seinen ersten polternden Auftritt hatte Ralf H. bereits am zweiten Verhandlungstag, noch im Dezember 2018. „Respekt“ forderte er da für seine Person ein. Und vehement wies er darauf hin, dass er sich von vielen Seiten zu Unrecht vorverurteilt fühlt. „Ich habe noch nie einen Menschen getötet und war auch noch nie kurz davor“, sagte H. an diesem Tag. Die Wortwahl mag sich seitdem immer mal wieder verändert haben. Inhaltlich bleibt der Angeklagte aber bis zum heutigen Tag dabei.

Ein Indiz spricht gegen den Angeklagten

Allerdings ist da ein Indiz, das gegen ihn spricht. An der unbekleideten Leiche der im Oktober 1993 ermordeten Schülerin hatte die Polizei schon damals viele Spuren gesichert. Erst im Sommer 2018 gelang es jedoch, eine einzelne Hautschuppe auf ihre DNA hin untersuchen zu können. Die Schuppe stammt mit übergroßer Sicherheit vom Angeklagten.

Doch so klar und eindeutig, wie sich der Fall seitdem für viele Prozessbeobachter darstellt, ist er beileibe nicht. Denn es gibt auch andere Spuren vom Tatort. Und die beiden Verteidiger Christian Dreier und Gencer Demir werden nicht müde, die Richter dazu zu bringen, auch diese in den Blick zu nehmen.

Da waren zunächst zwei blonde Haare. Eins hing in einer Hecke am Tatort, das andere wurde ebenfalls am toten Körper von Nicole-Denise Schalla gefunden. Ralf H. beteuerte, dass er niemals blond gewesen sei. Zu seinem Leidwesen ließen sich die Haare aber nicht mehr auf DNA untersuchen. Deshalb wurden sie auch schon vor Jahren vernichtet.

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Das einzige Geheimnis, das sie vorher noch preisgaben, lautete: Der Träger dieser Haare hat sehr wahrscheinlich Blutgruppe B. Ralf H. wehrte sich in diesem Jahr lange dagegen, freiwillig eine Blutprobe abzugeben, um seine Blutgruppe ermitteln zu können. Nachdem die Richter die Zwangsentnahme angeordnet hatten, handelten sie sich wieder einen wütenden Monolog des 54-Jährigen ein. Das Ergebnis der Probe: Ralf H. hat Blutgruppe B.

Der Schalla-Prozess beschäftigt die Richter schon ein Jahr

Der Angeklagte Ralf H. neben Verteidiger Gencer Demir. © Martin von Braunschweig

War das also der endgültige Durchbruch? Mitnichten. Der Vorsitzende Richter Peter Windgätter sagte zwar ab dem Frühsommer gefühlt an jedem dritten Verhandlungstag: „Wir müssen mit dem Verfahren auch wirklich irgendwann mal zu Potte kommen.“ Doch dann folgten wieder Anträge der Verteidigung, neue Untersuchungen, weitere Zeugenvernehmungen.

Weitere Haarspuren aus dem Herbst 1993

Im November stießen die Verteidiger schließlich beim nochmaligen Durchforsten der Ermittlungsakte auf weitere Haarspuren aus dem Herbst 1993. Und als die Richter daraufhin auch selbst noch einmal nachschauten, war der Aufschrei noch mal so groß: Sage und schreibe 18 Haare gibt es noch, die an der Leiche gesichert, aber offensichtlich niemals untersucht worden waren.

Ralf H. war mal wieder außer sich. „Das ist doch eine Farce“, polterte er. Die Haare werden nun derzeit auf mögliche DNA-Muster untersucht. Das Ergebnis könnte den Prozessverlauf völlig auf den Kopf stellen.

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Zwei Menschen, die dieses ganze Hin und Her eines langen Prozessjahres mit einer unglaublichen Ruhe über sich ergehen lassen haben, sind die Eltern der ermordeten Schülerin. Die Schallas haben noch an keinem einzigen Verhandlungstag gefehlt. Und auch, als sie für die neuerlichen DNA-Untersuchungen um die Abgabe einer Speichelprobe gebeten wurde, hat Nicoles Mutter keine Sekunde gezögert.

Für sie steht fest, dass der Richtige auf der Anklagebank sitzt. Was die Richter entscheiden, wird sich im Januar oder Februar zeigen.

Mein Thema 2019

In der Serie „Mein Thema 2019“ blicken unsere Redakteure aufs Jahr in Castrop-Rauxel zurück. Welches Thema hat sie am meisten begeistert, mitgenommen, betroffen gemacht oder bewegt? Sie schildern auf den Punkt, warum es diese Geschichten geschafft haben, in Erinnerung zu bleiben.
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