Diagnose Krebs: Über den Kampf zweier Frauen

Evangelisches Krankenhaus

Antonie Schlüter und Helga Weferinghaus bekamen die Diagnose, die niemand hören möchte: Krebs. Trotz Verzweiflung haben sie nie aufgegeben. Sie haben gekämpft - und den Krebs zurückgetrieben. Wie die Krankheit und ein Gespächskreis in Castrop-Rauxel das Leben der Frauen verändert haben, haben sie uns erzählt.

Castrop-Rauxel

, 24.09.2016 / Lesedauer: 5 min
Diagnose Krebs: Über den Kampf zweier Frauen

Antonie Schlüter (l.) und Helga Weferinghaus haben sich nie aufgegeben. Sie haben die Diagnose Brustkrebs bekommen – und gekämpft.

„Das ist mein Todesurteil.“ Das war der erste Gedanke, der Helga Weferinghaus (74) in den Kopf geschossen ist, als sie 2001 die Diagnose bekam: Krebs. Brustkrebs. Jetzt, 15 Jahre später, ist sie noch immer am Leben. Sie hat gekämpft – und gewonnen. Aber Krebs, der bleibe für immer. Er hat sich in ihrem Kopf festgesetzt.

Helga Weferinghaus spricht offen über ihre Krankheit, auch über die Tiefpunkte. Die Momente, in denen sie kaum mehr kämpfen wollte, weil sie nicht einmal mehr Luft bekam.

Es gibt nur eine Chance: Kämpfen

Dass es gut tut, über den Krebs zu reden, hat sie im Onkologischen Gesprächskreis am hiesigen Evangelischen Krankenhaus (EvK) gemerkt. Dort sitzt die Bochumerin einmal im Monat, oft neben der Castrop-Rauxelerin Antonie Schlüter (74), die 2002 ebenfalls die Diagnose Brustkrebs bekommen hat. Beide Frauen sind starke Frauen. Und es ist vor allem der Krebs, der sie so stark gemacht hat.

Helga Weferinghaus‘ Krebs ist genetisch bedingt. Ihre Mutter und drei Schwestern sind an Krebs gestorben. Als auch sie die gefürchtete Diagnose bekommt, denkt sie erst an den Tod und dann nur noch eins: „Kämpfen, kämpfen, kämpfen.“ Weferinghaus wird 2001 die rechte Brust amputiert. Sie nimmt es hin, arrangiert sich damit. „Ich konnte es ja vertuschen“, sagt sie. „Das machte es erträglich.“

"Plötzlich fühlte ich mich so hässlich"

Dann folgt die Chemotherapie. Ihre Haare fallen aus. „Der Glatzkopf war das Schlimmste für mich“, erinnert sich die heute 74-Jährige. „Plötzlich fühlte ich mich so hässlich. Als man mich fragte, ob man mir die letzten Haarbüschel abrasieren sollte, lehnte ich es zunächst vehement ab. Ich wollte sie behalten. Ich hing so sehr an meinem Haar.“ Die Perücke, die sie trägt, macht sie unsicher. „Ich hatte immer Angst, dass alle sehen, was mit mir los ist.“

Antonie Schlüter hingegen lässt sich ohne zu zögern eine Glatze rasieren, als ihr die Haare büschelweise ausfallen. „Und ich kaufte mir schon vorher eine Perücke, mit der ich nahezu so aussah wie vor der Chemo“, erzählt sie. „Meine größte Angst war, dass meine Enkeltochter, damals drei Jahre alt, mir das unechte Haar aus Versehen vom Kopf reißt. Die Kleine würde den Schock ihres Lebens bekommen, dachte ich.“

Enorme psychische Berlastungen

Eine Brustamputation muss Schlüter nicht über sich ergehen lassen. Der Krebs ist aggressiv, aber zum Glück relativ klein. Die Chemotherapie sieht sie als Chance, die körperlichen Nebenwirkungen halten sich in Grenzen. Aber psychisch ist da eine enorme Belastung.

Vor allem, als während der Zeit der Chemo Schlüters Bruder an Krebs stirbt, ihr Ehemann auch noch mit den Folgen eines Schlaganfalls kämpft, ist es hart. „Man sagte mir später, dass man damals nichts mit mir anfangen konnte. Dass ich neben mir stand.“

Bei Helga Weferinghaus sind da vor allem körperliche Qualen. „Die Chemo hat einen umgehauen“, sagt sie, wenn sie an die härteste Zeit ihres Lebens denkt. Weferinghaus bekommt kaum Luft, fühlt sich schwach. Die anschließende Bestrahlung: „Erholung“, sagt sie.

Krebs-Rückschlag nach elf Jahren

Nach einem Reha-Aufenthalt scheint alles wieder gut zu sein. Helga Weferinghaus lebt, und das intensiver als zuvor. Doch dann, elf Jahre später, der Schock: Der Krebs ist zurück. „Aber es war nicht so schlimm wie beim ersten Mal“, betont Weferinghaus. „Ich dachte mir: Ich habe es einmal überlebt – dann schaffe ich es auch ein zweites Mal.“

Dass nun auch die linke Brust amputiert wird, „es war okay“, sagt Weferinghaus. Aber die Chemo ist wieder eine Qual. Als die Krebspatientin in ihrem Garten Tomaten ernten will, wird ihr schwindelig. Sie stürzt, schlägt sich den Kopf auf. „Wenn zu der Zeit jemand anrief und mich fragte, wie’s mir geht, kamen die Tränen.“

Auch vor ihrem Arzt bricht sie plötzlich in Tränen aus. Helga Weferinghaus will tapfer, will stark sein und merkt plötzlich, dass sie das nicht immer sein kann. Und das ist ihr „unendlich peinlich“.

Lesen Sie auf Seite 2, wie der onkologische Gesprächskreis am Evangelischen Krankenhaus den Frauen dabei geholfen hat, die Diagnose zu akzeptieren und wie sie heute mit dem Gedanken an Krebs umgehen.

Antonie Schlüter bricht nur einmal nervlich zusammen, und zwar an ihrem 60. Geburtstag. „Da bin ich mit meinem Mann durch einen botanischen Garten gelaufen und mir war plötzlich einfach alles zu viel. Ich habe nur noch geweint, den ganzen Tag lang.“

Die Diagnose, die habe sie 2002 hingenommen, ohne eine Träne zu vergießen oder in Panik zu verfallen. „Ich habe es sachlich betrachtet. Es hieß damals, dass jede achte Frau an Brustkrebs erkrankt. Meine sieben Schwägerinnen waren alle gesund. Ich war die Achte.“

"Dann hat’s so sollen sein"

Schlüter denkt vor allem an das Leben, nicht an den Tod. „Ich habe den nicht so vor mir gesehen und dachte, wenn er kommt, dann hat’s so sollen sein.“ Die damals 59-Jährige will ihre Enkelkinder aufwachsen sehen. „Und nach so einer Diagnose lebt man intensiver. Es wird einem bewusst, dass das Leben endlich ist. Man wird selbstbewusster und sagt öfter mal nein, wenn zu viele Menschen zu viele Dinge von einem wollen. Man gibt besser auf sich acht.“

Wie wichtig es ist, auch mal "Nein" zu sagen, hat Antonie Schlüter auch im Gesprächskreis immer wieder gesagt bekommen. Ohne den Kreis hätte sie manche Erkenntnis nicht gehabt. „Zu Hause ist es oft ganz schwer, über den Krebs zu reden“, sagt die 74-Jährige. „Vielleicht, weil es die Familie zu sehr berührt. Weil sie sich hilflos fühlt.“ Und auch Freunde würden sich zurückziehen.

"Lachen ist so wichtig"

Unter Menschen, die ein Schicksal teilen, rede es sich leichter. Was sie zum Kreis geführt hat? „Ich wollte haargenau wissen, was es mit meiner Krankheit auf sich hat – und wie man damit fertig werden kann.“

Der Onkologische Gesprächskreis am EvK wurde vor 20 Jahren gegründet, die Krankenschwestern Marion Ledig und Gudrun Tesch sind von Anfang an dabei. 15 Frauen kommen regelmäßig, oft sind es mehr. „Und es wird sehr viel gelacht“, sagt Marion Ledig.

„Lachen ist so wichtig, vor allem in Situationen, in denen andere denken, dass man nichts zu lachen hat.“ Das finden auch Antonie Schlüter und Helga Weferinghaus. „Es ist nicht so, dass wir uns permanent unser Leid klagen“, betont erstere. „Wir sind ein lustiges Völkchen und feiern die wundervollsten Feste. Aber wenn Probleme da sind, dann wird‘s ernst und wir sind füreinander da.“

Es ist hart, wenn einer aus der Runde stirbt

„Die Frauen sehen, dass sie nicht alleine sind“, sagt Gudrun Tesch. „Das gibt ihnen viel Kraft.“ Und in den 20 Jahren habe sich einiges geändert: „Vor 20 Jahren war Krebs noch etwas, worüber man hinter vorgehaltener Hand sprach. Heute gehen die Patientinnen wesentlich offener damit um.“

Besonders hart sei es dann, wenn einer aus der Runde den Kampf gegen den Krebs verliert. „Aber wenn man das Fortschreiten einer Krankheit miterlebt hat, dann denkt man auch oft: Jetzt hat sie’s geschafft“, sagt Schlüter.

Außer Gefecht

Helga Weferinghaus hat den Kampf gegen den Brustkrebs gewonnen, die Diagnose war nicht ihr Todesurteil. Und Antonie Schlüter, sie hat den Krebs zumindest erstmal außer Gefecht gesetzt.

„Man weiß nie, was noch kommt“, sagt sie leise, „und bei der jährlichen Untersuchung kommen immer, immer Angstgefühle hoch.“ Aber sie hat gelernt, die Angst als Teil ihres Lebens zu akzeptieren – auch dank des Gesprächskreises.

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