Mehr als 6,9 Millionen Bundesbürger über 18 Jahre gelten als überschuldet. Das meldet der Verband Creditreform in seinem aktuellen Schuldneratlas. Wie sieht es in Castrop-Rauxel aus?

Castrop-Rauxel

, 10.12.2018, 04:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Überschuldung von Privatpersonen in Deutschland ist seit 2014 zum fünften Mal in Folge gestiegen, heißt es in der Pressemitteilung, die Creditreform verschickt hat. In Nordrhein-Westfalen liegt die Schuldnerquote bei 11,7 Prozent. Castrop-Rauxel übertrifft sie mit 13,96 Prozent (13,72 Prozent im Vorjahr) deutlich.

Diese Ursachen sieht Creditreform

Als Ursachen für die aktuelle Verschuldungssituation in Deutschland sieht Wolfgang Scharf, Geschäftsführer der Creditreform für Dortmund/Witten, ein ganzes Bündel an Gründen. So sei die Hauptursache Arbeitslosigkeit, gefolgt von Erkrankungen, Sucht und Unfällen. Außerdem mangele es Scharf zufolge vielen – gerade jungen – Konsumenten an der nötigen Finanzkompetenz. Hinzu komme eine stetige Zunahme sogenannter prekärer Beschäftigungsverhältnisse. „Die Einkünfte daraus sind sehr gering und sorgen schon im normalen Alltag häufig für Probleme. Kommen dann Schulden hinzu, wird es eng. Oftmals folgt dann eine Überschuldung“, so Scharf.

Die Studie

Wer oder was ist Creditreform?

Der Verband Creditreform hat den „SchuldnerAtlas Deutschland 2018“ vorgestellt. Es handelt sich dabei um eine Wirtschaftsauskunftei und ein Inkassounternehmen. Die in Zusammenarbeit mit der Boniversum GmbH und microm GmbH durchgeführte Untersuchung maß für die Bundesrepublik eine Überschuldungsquote von rund 10 Prozent.

Überschuldet ist nach allgemein gültiger Definition ein Schuldner, der die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zukunft nicht aufbringen kann und dazu auch weder Vermögen noch andere Kreditmöglichkeiten zur Verfügung hat. Dementsprechend ist die Schuldnerquote definiert als Anteil derjenigen Personen an den Einwohnern einer Stadt, deren zu leistende monatliche Gesamtausgaben die Einnahmen übersteigen.

Schere zwischen Arm und Reich wird größer

In Castrop-Rauxel sind laut der Untersuchung derzeit 8553 Personen überschuldet. Das sind etwa 100 mehr als im Jahr 2017 – trotz einer zeitgleich gesunkenen Arbeitslosenquote. In Castrop-Rauxel beobachten die Creditreform-Experten zugleich, dass die Schere zwischen Armen und Reichen innerhalb der Stadtgrenzen weiter auseinander geht: Die nördlichen Stadtteile Ickern und Henrichenburg, genauer gesagt das Postleitzahlgebiet 44581, kommt auf eine verhältnismäßig geringe Schuldnerquote von 11,33 Prozent auf (10,79 Prozent im Jahr 2017). Castrop, Obercastrop, Rauxel und Schwerin (PLZ 44575) liegen mit 12,72 im Mittelfeld (12,22 im Jahr 2017). Das Schlusslicht bildet das PLZ-Gebiet 44579, zu dem Bladenhorst, Rauxel, Habinghorst und Pöppinghausen gehören, mit Werten von 17,29 Prozent (16,69 Prozent im Vorjahr).

Bei der Aufteilung nach Geschlechtern ist ein deutlicher Unterschied zu erkennen: So ist mit 10,64 Prozent (10,23 Prozent im Jahr 2017) jede zehnte Einwohnerin, mit rund 16,72 Prozent (16,46 Prozent im Jahr 2017) aber knapp jeder sechste männliche Einwohner der Stadt überschuldet. Besonders hoch ist die Überschuldung von Männern dabei im PLZ-Bereich 44579, wo mit 21,21 Prozent (20,6 Prozent im Jahr 2017) mehr als jeder fünfte Castrop-Rauxeler überschuldet ist.

Überschuldungsfälle von Frauen nehmen zu

Eine besorgniserregende Entwicklung betrifft laut Creditreform die Überschuldung bei Frauen. So gelten in diesem Jahr in Deutschland rund 7,65 Prozent als überschuldet und zumindest nachhaltig zahlungsgestört (2017 waren es 7,61 Prozent). Bei Männern sind dies 12,55 Prozent (2017: 12,59 Prozent). Bei den Frauen nahm die Zahl der tatsächlichen Überschuldungsfälle um 21.000 Fälle und damit merklich – auf jetzt 2,7 Millionen Frauen – zu. Bei den Männern nahm sie hingegen um 2000 Fälle ab und liegt nun bei 4,2 Millionen Betroffenen.

Laut Creditreform gewinne das Phänomen der Altersüberschuldung an Bedeutung. Die Zahl überschuldeter Personen ab 70 Jahren stieg um 69.000 auf 263.000. Bei den jungen Menschen sei die Zahl der Überschuldeten aufgrund sinkender Jugendarbeitslosigkeit hingegen gesunken. Die Überschuldung steht aber auch in einem engen Zusammenhang mit der Schulbildung. Während 12,3 Prozent der Verbraucher ohne Schulabschluss überschuldet sind, liegt der Anteil derjenigen mit Fachhochschulreife bei 8,3 Prozent.

Das berichtet der städtische Schuldnerberater aus seiner Praxis

Der städtische Schuldnerberater Ralf Wenzel ist von der Erhebung nicht überrascht: „Die Schilderungen kann ich zum Großteil so bestätigen. Der Anteil der männlichen Klienten ist in der Tat höher als der der weiblichen Mandanten. In den letzten Jahren hat jedoch der Anteil der Frauen zugenommen.“

Die Anzahl der Beratungen liege für 2017 und 2018 auf etwa gleichbleibend sehr hohem Niveau. 2018 führte die Beratungsstelle Gespräche mit über 400 Klienten, heißt es aus dem Rathaus. Die Problemlagen seien dabei äußerst unterschiedlich. Wenzel habe aber beobachtet, „dass immer mehr Menschen die Schuldnerberatung aufsuchen, die nicht von Sozialleistungen leben“. Hier gehe es dann darum, den Arbeitsplatz zu sichern und Lohnpfändungen möglichst zu vermeiden.

Wenzels Kunden haben 11 bis 15 verschiedene Gläubiger

Beratungsstellen

Wen kann ich im Schuldenfall kontaktieren?

Überschuldet ist, wer die Summe seiner Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zukunft nicht aufbringen kann. Kommt es zu einer Insolvenz, kann die Insolvenzberatung der Carita die richtige Stelle sein. Martin Evers, der für Castrop-Rauxel zuständig ist, erreicht man unter Tel. (02309) 957028 oder per E-Mail: martin.evers@caritas-waltrop-oer-erkenschwick.de. Es bietet sich an, vorher Ralf Wenzel zu kontaktieren. Den Schuldnerberater erreicht man unter Tel. (02305) 1062476 oder ralf.wenzel@castrop-rauxel.de

Zu den Ursachen, die Creditreform aufführt, bemerkt er jedoch: „Geringer Stundenlohn, Arbeitslosigkeit und diese Dinge gehen in den meisten Fällen einher mit unwirtschaftlichem Handeln. Wenn Kunden im Durchschnitt 11 bis 15 Gläubiger haben, kann in der Regel nicht allein die Arbeitslosigkeit oder Scheidung der Grund für die Überschuldung sein“, sagt Wenzel.

Er rät: „Vor einer größeren Anschaffung oder einer Kreditaufnahme sollte zunächst immer ein Haushaltplan mit allen Einkünften und Fixkosten erstellt werden.“ Bei einer Einzelperson sollten nach Abzug aller Kosten mindestens 600 Euro für Lebensmittel, Drogerieartikel und ähnliches übrig bleiben – „sonst sollte man von dem Vorhaben Abstand nehmen“, so Wenzel.

Sollte man regelmäßigen Rechnungen nicht mehr bezahlen können, rät er dies: „Sofort zum Hörer greifen und einen Schuldnerberater kontaktieren. Dieser kann verschiedene Dinge auf den Weg bringen, wie Stundungen, Ratenzahlungen, Vergleiche oder schlimmstenfalls eine Insolvenz.“

Lesen Sie jetzt