Zur letzten Aussprache vor der Trennung kam es nicht. Stattdessen tötete ein Mann 2008 in Castrop-Rauxel seine Frau mit dem Küchenmesser. Der Prozess verlangte allen Beteiligten Einiges ab.

Dorf Rauxel

, 11.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Es war ein Freitagnachmittag im September, etwa gegen 16 Uhr. Im ersten Stock einer Wohnanlage streitet sich ein Ehepaar. Es gibt laute Schreie, durch die die Nachbarn aufmerksam werden. Dann wird es still. Eine 24-jährige Frau liegt in einer Wohnung auf dem Boden - blutüberströmt. Die Wohnsiedlung Oberste Vöhde in Dorf Rauxel wurde 2008 zum Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens.

Was sich am 5. September 2008 in Dorf Rauxel abspielt, ist mehr als eine Familientragödie. Nachbarn, die den Streit gehört haben, eilen zur Hilfe, versuchen noch, die junge Frau durch Erste Hilfe zu retten. Doch für sie kommt jede Hilfe zu spät.

Die Getöte soll schwanger gewesen sein

Schnell kommen Gerüchte auf: Die getötete Frau stamme aus Tunesien und sei schwanger gewesen. Ihr 25-jähriger Ehemann soll sie im Streit erstochen haben. Zumindest die Schwangerschaft bestätigt sich später nicht.

Die Mutter der Frau und ihre jüngere Schwester sollen alles mit angesehen haben. Sie werden bei der Auseinandersetzung ebenfalls verletzt. Die Mutter sogar so schwer, dass sie wegen eines Lungenstichs mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden muss. Sie schwebt tagelang in Lebensgefahr, liegt nach einer Not-Operation auf der Intensivstation.

Der mutmaßliche Täter, der Ehemann der Getöteten, flüchtet zunächst über ein Feld, kann wenig später von der Polizei festgenommen werden. Alles deutet auf ihn als Täter hin. Eine Zeugin sagt damals zu unserem Reporter: „Er kam mir mit dem Messer in der Hand entgegengelaufen.“

„Ich habe meine Frau getötet.“
Der Angeklagte am Notruftelefon

Die Wohnung, in der sich das schlimme Verbrechen ereignete, war nicht die des Ehepaares. Dort wohnten Mutter, Stiefvater und die drei jüngeren Geschwister der Getöten. Sie selbst wohnte mit ihrem Ehemann in einer anderen Wohnung in der Wohnanlage, die schon lange als Problemsiedlung galt.

Zwei Tage später gibt es Hinweise auf das Tatmotiv: Weil sich die 24-Jährige von ihrem ein Jahr älteren Ehemann trennen wollte, musste sie sterben. In der Wohnung ihrer Mutter sollte es zu einer letzten Aussprache kommen. Schon früher soll es Gewalt in der Ehe gegeben haben.

Sechs Einstiche in Brust und Rücken

Der Obduktionsbericht ergibt: Der 25-Jährige stach mehrmals mit einem Küchenmesser (Klingenlänge 20 Zentimeter) auf seine Frau ein. Sie erlitt sechs Einstiche in Brust und Rücken. Auch die Attacke auf die Mutter und die Schwester soll gezielt gewesen sein, weil sie die Trennung unterstützten.

Der Haftbefehl lautet auf Mord, versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung. Zwei jüngere Schwestern erlitten durch die Tat einen Schock. Die Anklage schließt sich dem Haftbefehl an. Der 25-Jährige schweigt in der Untersuchungshaft zur Tat, obwohl er selbst es war, der den Notarzt verständigte.

Der Prozess gegen den gebürtigen Tunesier beginnt am 4. März 2009 am Dortmunder Schwurgericht - ein halbes Jahr nach der Messerattacke. Bei der Anklageverlesung weint die Mutter der Getöteten leise Tränen. Der Angeklagte selbst schweigt.

„Ich kann ihm nicht in die Augen sehen. Es ist unbegreiflich.“
Die Mutter der Getöteten vor Gericht

Schon am zweiten Verhandlungstag platzt der Prozess vorerst: Am 17. März stellt der verteidigende Anwalt den Antrag auf Verschiebung, weil das Verfahren seiner Meinung nach noch nicht ausermittelt sei. Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die Mutter. Sie selbst solle in schwere Straftaten verwickelt gewesen sein.

Nach der Festnahme des Angeklagten bezichtigten die Schwestern der Getöteten ihn noch des Überfalls auf eine Castrop-Rauxeler Spielhalle. Es gab den Verdacht der Absprachen zwischen den Verwandten.

Im Mai beginnt der Prozess von vorne. Der Angeklagte äußert sich nur über seinen Verteidiger. Angeblich habe er keinerlei Erinnerung an die Tat, leide aber Tag für Tag darunter, was geschehen sei.

„Wenn er in der Haftzelle zum Schlafen geht, wacht er öfter auf und sieht immer nur Blut, sehr viel Blut.“
Der Verteidiger über seinen Mandanten

Blutanalyse-Protokolle ergeben, dass der 25-Jährige bei der Tat unter dem Einfluss von Marihuana oder Haschisch gestanden hat. Psychiaterin Marianne Miller erklärt ihn trotzdem für voll schuldfähig. Eine „Kurzschlusshandlung“ sei auszuschließen.

Als die Mutter in den Zeugenstand gerufen wird, bricht sie in Tränen aus. „Sie war ein ganz liebes Mädchen. Es ist schlimm, sein Kind zu verlieren“, sagt sie. „Ich denke noch jede Sekunde an sie.“

Haben Zeugen der Familie einen Gefallen getan?

Bei der Vernehmung von weiteren Zeugen gibt es Zweifel aber an ihrer Glaubwürdigkeit. So sagt ein Onkel des Opfers aus, dass der Angeklagte nur wegen der Aufenthaltspapiere mit seiner Nichte zusammen gewesen sei.

Bei der Aussage eines Mithäftlings stellt sich die Frage, ob der nur besagtem Onkel einen Gefallen tun wollte. Angeblich hatte der Angeklagte ihm in der Haft die Tat gestanden. Der Zeuge und der Onkel waren gute Kumpel.

„Du hast aus mir einen Mörder gemacht.“
Der Angeklagte im Brief an seine Schwiegermutter

Unterdessen wird das Mordmotiv klarer. Es tauchten Briefe des Opfers auf, in denen die Frau von obszönen Beschimpfungen und Schlägen berichtete. Ob die Briefe tatsächlich aus der Feder der Angeklagten stammten, sollen Schriftproben und ein Gutachten klären.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage plädieren im September 2009 auf Mord und fordern eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die Begründung: Der Angeklagte habe heimtückisch zugestochen.

Mitte Oktober dann das Urteil, das der Angeklagte regungslos entgegennimmt: lebenslange Haft. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren wird ausgeschlossen.

„Ich möchte mich bei der Familie entschuldigen.“
Der Angeklagte bei der Urteilsverkündung

Einen Tag nach dem Urteil legte der Verteidiger Revision beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe ein. „Der BGH hat die Revision gegen das Urteil des Landgerichts Dortmund durch Beschluss vom 29. Oktober 2010 als unbegründet verworfen“, sagt Henner Kruse, Sprecher der Staatsanwaltschaft Dortmund, heute auf Anfrage. Das Urteil ist somit rechtskräftig. Der Verurteilte sitzt heute noch in Haft, irgendwo in einer JVA Deutschland.

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