Wilhelm Bols III. bei der Arbeit in der Fleischerei in Castrop-Rauxel. © Familie Bols
Historie

Die Fleischer-Dynastie: Wie Familie Bols Kriegen und Veränderungen trotzte

Die Fleischerei Bols schließt zu Silvester nach fast 125 Jahren. Fleischermeister Willi Bols zeigt nun alte Fotos, erzählt Anekdoten und gewährt einen tiefen Blick in die Geschichte seiner Familie.

Fleischermeister Willi Bols sitzt an einem Dienstagnachmittag im Pausenraum der Fleischerei an der Bochumer Straße in Obercastrop. Der Betrieb läuft noch, aber er hat sich ein bisschen Zeit freigeschaufelt. Vor ihm liegen Bücher mit etlichen Fotos, Zeitungsartikeln und Urkunden. Die Alben dokumentieren fast 125 Jahre Familiengeschichte und Unternehmensgeschichte der Fleischerei Bols in Castrop-Rauxel.

Silvester 2021 schließt sich zumindest das Kapitel der Fleischerei. Denn Willi Bols und seine Mutter Finchen Bols, die neben ihm durch die Alben blättert, sehen sich gesundheitlich nicht in der Lage, den Betrieb weiterzuführen. Einige Wochen vor dem Ende wirft Willi Bols einen Blick zurück in die lange Geschichte seiner Familie.

Der erste Wilhelm Bols

Seinen Anfang nimmt alles 1897. Es ist eine Zeit, in der Deutschland noch ein Kaiser regiert, die ersten Pferde durch Autos ersetzt werden und Zylinder keine Scherzartikel, sondern Mode waren. In diesem Jahr gründet Wilhelm Bols I. die Fleischerei an der Widumer Straße. Schon damals war das Unternehmen anpassungsfähig. Es ist die erste Fleischerei im Ort, die auf maschinelle Unterstützung setzt. Die Fleischerei läuft gut, doch 1914 kommt der Erste Weltkrieg.

Willi Bols Urgroßmutter Auguste Sommer mit ihren sechs Töchtern.
Willi Bols‘ Urgroßmutter Auguste Sommer mit ihren sechs Töchtern. © Familie Bols © Familie Bols

Wilhelm Bols I. verabschiedet sich zu Kriegsbeginn an der Straßenbahn-Haltestelle Bochumer Straße von seiner Familie. Willi Bols: „Meine Oma war damals 12, als der Vater hier in die Straßenbahn einstieg, in den Ersten Weltkrieg zog und nicht wiederkam.“ Willi Bols’ Urgroßmutter Auguste Sommer war dann allein mit sechs Mädchen. „Die älteste Tochter hatte Kinderlähmung, war zu der Zeit also schwerstbehindert.“ Die zweitälteste ist Willi Bols‘ Großmutter. Viele Jahre, nachdem sich sie von ihrem Vater verabschieden musste, wird ihr Enkel sie in seinem ersten Auto zum Grab des Vaters nach Belgien fahren.

Die Bochumer Straße in Obercastrop, auch wenn sich der Stadtteil stark verändert hat, erkennt man die Straße wieder. Unten links sieht man die Filiale der Familie Bols.
Die Bochumer Straße in Obercastrop auf einem historischen Foto. Unten links sieht man die Filiale der Familie Bols. © Familie Bols © Familie Bols

Trotz aller Widrigkeiten bringt Auguste Sommer ihre Familie und den Betrieb ohne Mann durch. Für die Leistung seiner Urgroßmutter hat Willi Bols heute noch größten Respekt: „Das ist, denke ich, aller Ehren wert.“ Im Vergleich mit seiner Vorfahrin habe er heute nichts zu jammern. „Die Frau hat sicherlich was geschafft.“

Widerstand und schwarzes Schlachten

Der Nachfolger von Wilhelm Bols I. ist Wilhelm Bols II. Er hat in die Familie eingeheiratet, die zweitälteste Tochter zur Frau genommen. Auguste Sommers Bedingung lautete: Die Hochzeit darf nur stattfinden, wenn der neue Schwiegersohn Betrieb und Familiennamen weiterführt.

Als die Nationalsozialisten immer mächtiger werden, verweigert Willi Bols II. den Eintritt in die NSDAP, im Gegensatz zu vielen Kollegen. Die Zurückhaltung hat ihren Preis. Lange vor anderen wird Wilhelm Bols II. an die Front gerufen, die Fleischerei muss schließen. Doch Wilhelm Bols II. überlebt den Krieg und kehrt zurück. Nach dem Krieg wird er Obermeister der Fleischer-Innung Herne. Finchen Bols vermutet, dass es mit seiner Ablehnung des Nazi-Regimes zusammenhängt.

Das Amt verliert er jedoch wieder, weil er schwarz schlachtet, also in seinen eigenen vier Wänden ohne Genehmigung. Eigentlich schlachten alle Fleischereien in der großen Schlachterei zentral. Ihr Vater habe es aber nicht getan, um sich zu bereichern, erklärt Tochter Finchen Bols: „Das war nach dem Krieg, die Menschen haben gehungert und da hat er hier für die Nachbarn geschlachtet.“ Ihrer Meinung nach hat ihr Vater bis heute nichts Unrechtes getan.

Wilhelm Bols III. vor dem Laden in Castrop-Rauxel. Willi Bols:
Wilhelm Bols III. vor dem Laden in Castrop-Rauxel. Willi Bols: „Das ist sicherlich ein Kuriosum, heute undenkbar. Da wir nicht in Obercastrop bei uns in den Betrieben geschlachtet haben, ist da einfach mal ein Bulle aus Marketinggründen, wenn es das schon gab, bei uns am Geschäft vorbei geführt worden.“ © Familie Bols © Familie Bols

Wilhelm Bols III., der Vater von Willi Bols, wird 1956 Fleischermeister. Er ist ein Mann, dem der Respekt gegenüber den Tieren über alle Maße wichtig ist. Willi Bols verweist gerne auf die langjährige Mitgliedschaft seines Vaters im Tierschutzverein: „Das hat er sicher nicht aus Marketinggründen getan.“

Tiere bewusst töten

Neben der Fleischerei wird auch von Familie Bols bis 1990 im Castrop-Rauxeler Schlachtbetrieb geschlachtet. Beim Schlachten legt Willi Bols III. wert auf das Tierwohl: „Mein Vater hat das Schlachten jahrelang geleitet und den Auszubildenden auch erklärt, dass man, wenn Schweine treiben möchte, man sie nicht schlagen muss, sondern es reicht, wenn man ein Taschentuch aus der Tasche nimmt und damit wedelt, dann laufen die Schweine auch. Das haben sicherlich alle Auszubildenden in Castrop-Rauxel erlebt und gesehen.“

Ein Bild aus dem Schlachthof in Castrop-Rauxel. Für Willi Bols ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass Fleischer auch Schlachten können.
Ein Bild aus dem Schlachthof in Castrop-Rauxel. Für Willi Bols ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass Fleischer auch schlachten können. © Familie Bols © Familie Bols

Für Willi Bols und auch seinen Vater war es besonders wichtig, dass Fleischer lernen, was es bedeutet, ein Tier zu töten: „Es braucht Lehrschlachten und eben auch Tierwohl, wobei es natürlich schwierig ist zu vermitteln, wenn man ein Tier tötet, von Tierwohl zu sprechen. Aber man kann es töten, ohne dass das Tier es merkt und nicht unnötig gequält wird – oder eben auch anders.“ In den Anfangsjahren werden in Castrop-Rauxel wöchentlich 3000 Schweine und etwa 400 Rinder geschlachtet. Zum Vergleich: Bei Tönnies werden heute in einer Woche 125.000 Schweine geschlachtet.

Willi Bols III. im Kreise seines Kochclubs. Der Club der kochenden Männer hatte seinerzeit prominent Mitglieder. Dabei war der Fleischermeister der Stadt. Friedrich Böse, Wilhelm Schäfer, Klaus Boldt, mein Vater, der Erste Beigeordnete Theo Lingen und viele mehr.
Willi Bols III. im Kreise seines Kochclubs. Der „Club der kochenden Männer“ hatte seinerzeit prominente Mitglieder, unter anderem Friedrich Böse, Wilhelm Schäfer, Klaus Boldt, und den damaligen Ersten Beigeordneten Theo Lingen. © Familie Bols © Familie Bols

Neben der Liebe zu seinem Beruf hat Wilhelm Bols III. eine weitere Leidenschaft: das Kochen. Ein Schwarz-Weiß-Bild zeigt ihn im Kreis des Klubs der kochenden Männer. In die Zeit von Wilhelm Bols III. fällt auch eine Neuausrichtung der Fleischerei. Neben dem ganz klassischen Sortiment aus Fleischwurst und Steak bietet die Fleischerei Bols dann auch kalte Platten und später heiße Küche.

Maßgeblich daran beteiligt ist Finchen Bols. Sie bringt die Idee aus der Fleischerei mit, in der sie ausgebildet wurde. Für Willi Bols hatten seine Eltern die größte „Schaffenskraft“ der Familiengeschichte.

Der junge Willli Bols im Betrieb der Eltern. Für ihn stand schon früh fest, dass er in den Betrieb der Eltern will.
Der junge Willli Bols im Betrieb der Eltern. Für ihn stand schon früh fest, dass er in den Betrieb der Eltern will. © Familie Bols © Familie Bols

Eines der ersten Bilder von Willi Bols in den Alben zeigt ihn als Kind in Erwachsenen-Gummistiefeln. „Ich schätze, dass ich da vier Jahre alt war. Die Arbeitsstiefel natürlich viel zu groß, aber schon richtig in Arbeiterkluft mit zwei Gesellen. Nebenan sieht man noch die Marktwagen.“ Noch in den 1960er-Jahren ist die Fleischerei mit Marktständen in ganz Castrop-Rauxel vertreten.

Der Marktstand der Fleischerei Bols. Willi Bols. Auch die Verkäuferinnen gehören zur Familie. Willi Bols:
Der Marktstand der Fleischerei Bols. Auch die Verkäuferinnen gehören zur Familie. Willi Bols: „Das sind fast alles Schwestern meiner Oma, also Tanten von meinem Vater. Das war noch richtig Familiengeschäft.“ © Familie Bols © Familie Bols

Willi Bols der IV.

Willi Bols, der heute der Fleischermeister ist, hat seine Ausbildung mit 15 Jahren begonnen. Er besteht seine Gesellenprüfung mit Bestnoten. Für die Familie ist das schon fast eine Selbstverständlichkeit: „Bei uns war das eigentlich so, wenn wir fachlich irgendwo eine Prüfung hatten und dann war das nicht mindestens eine 2, das war eine Katastrophe.“

Willi Bols beim Abschluss seiner Gesellenprüfung. Für seine guten Leistungen erhält er eine Auszeichnung der Fleischer-Innung in Herne.
Willi Bols beim Abschluss seiner Gesellenprüfung. Für seine guten Leistungen erhält er eine Auszeichnung der Fleischer-Innung in Herne. © Familie Bols © Familie Bols

Er steigt schnell auf, auch er wird Obermeister der Fleischer-Innung, dann zerbricht die Verbindung zu seiner Frau. Er gibt sein Amt auf und tritt beruflich kürzer, damit er sich um seine drei Töchter kümmern kann. Willi Bols zeigt auf einen Zeitungsartikel anlässlich der Verleihung des Fleischwurstpokals. Er posiert mit Urkunde und seinen drei grinsenden Töchtern: „Für mich war es eine Bereicherung und eine unglaublich schöne Zeit.“

Für Willi Bols ist es ein besonderes Bild, die Beziehung zu seinen Töchtern sei ihm immer sehr wichtig gewesen.
Für Willi Bols ist es ein besonderes Bild, die Beziehung zu seinen Töchtern sei ihm immer sehr wichtig gewesen. © Familie Bols © Familie Bols

Obwohl er sich viel um seine Familie kümmert, tritt Willi Bols in die Fußstapfen seiner Vorgänger und entwickelt den Betrieb immer weiter. Die Bolswurst, erste Elektroautos, die Ausweitung der Mittagsküche oder nachhaltige Verpackungen. Auch nach all den Jahren macht er seinen Job noch gerne: „Spaß macht mir das Ganze einfach, weil es vielfältig ist. Es ist mit Tieren umgehen, wertschätzen, alles verarbeiten. Alle Wurstsorten selbst zu machen, auch immer wieder neue Kreationen erschaffen.“

Willi Bols bei der Arbeit in der Küche der Fleischerei. Für ihn ist der Beruf bis heute spannend und kreativ.
Willi Bols bei der Arbeit in der Küche der Fleischerei. Für ihn ist der Beruf bis heute spannend und kreativ. © Familie Bols © Familie Bols

Doch der Beruf des Fleischers hat sich weiterentwickelt: „Dann gehört sicherlich seit einigen Jahren Marketing dazu, was auch viel Spaß macht. Geschäftsführung, Personalführung mit Menschen hinter den Kulissen, vor den Kulissen.“ Wenn Willi Bols zurückblickt, wird für ihn eines klar: „Es ist schon vieles möglich in einem kleinen Handwerksbetrieb.“

Über die Autorin
Volontärin
Jahrgang 2000. Ist in Bergkamen aufgewachsen und nach Dortmund gekommen, um die große, weite Welt zu sehen. Überzeugte Europäerin mit einem Faible für Barockmusik, Politik und spannende Geschichten
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Nora Varga