Die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie aus Eritrea

Erste Alltagserfahrungen in Castrop

Efrem erzählt. Er erzählt viel. Zwar fällt ihm die deutsche Sprache noch schwer, doch das Leid, was ihm und seiner Frau widerfahren ist, vermittelt er auch mit sprachlichen Bruchstücken. Efrem und seine Frau Winta sind Flüchtlinge aus Eritrea. Seit zwei Monaten kümmert sich die Castrop-Rauxelerin Kai Sandra Wallbaum um die kleine Familie.

CASTROP-RAUXEL

, 23.07.2015, 11:26 Uhr / Lesedauer: 3 min
Die Geschichte einer Flüchtlingsfamilie aus Eritrea

Die eritreischen Flüchtlinge Winta und Efrem mit Baby Johannes werden von der Castrop-Rauxelerin Kai Sandra Wallbaum unterstützt.

Seit etwa zwei Monaten kennen sich die drei – eher gesagt: die vier. Denn die 20-jährige Winta hat am 17. Mai in Castrop-Rauxel Sohn Johannes auf die Welt gebracht. Johannes ist auch der Grund gewesen, wieso Kai Sandra Wallbaum in den Kontakt mit den Eritreern gekommen ist. Das soziale Netzwerk Facebook spielte dabei eine große Rolle.

"Ich war in der Facebook-Gruppe ‚Refugees welcome to Castrop-Rauxel‘. Eine Hotelbesitzerin aus der Gruppe wusste, dass ich vor Kurzem selbst Mutter geworden bin. In dem Hotel der Frau waren die drei zwischenzeitlich untergekommen", erklärt Kai Sandra die Zusammenführung. Die 29-jährige Castrop-Rauxelerin hat nicht lange gezögert und sieht die drei Eritreer jetzt mindestens einmal die Woche: Begleitet sie bei Behördengängen und hilft ihnen bei den einfachen Dingen des Lebens.

Vieles ist noch ungewohnt

"Die stehen manchmal vor vollen Regalen im Supermarkt und können damit nichts anfangen", sagt sie. Einen solchen Luxus sind Winta und Efrem nicht gewohnt. In Eritrea gibt es für den 23-Jährigen eigentlich nur eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen: das Militär. Im repressiven Staat werden die Jungs nahezu direkt von der Schule in den Militärdienst geschickt, auch für Frauen gilt die Wehrpflicht. Rekruten werden misshandelt und schlecht bezahlt. Er spricht immer wieder von dem "großen Problem" – dem amtierenden Präsidenten Isayas Afewerki, der sein Land komplett abriegelt.

Eritrea wird mittlerweile als das Nordkorea Afrikas bezeichnet. Das Auswärtige Amt warnt Deutsche vor Reisen in das Land wegen des Grenzstreits zwischen Äthiopien und Eritrea und des andauernden Grenzkonflikts mit Dschibuti. Offiziell ist die Rede von 18 Monaten Wehrzeit, doch Efrem weiß: "Du kannst auch für immer da bleiben. 60 Jahre!" Auch er musste schon den Dienst an der Waffe antreten. Es ist der Grund für seine und Wintas Flucht. Das ist Anfang Februar 2014 gewesen. Ende Juli ist das Paar am vorläufigen Ende dieser langen Reise angekommen: in Dortmund-Hacheney.

Gefährliche Reise in Schlepperboot

Mühsame Monate haben hinter den zweien gelegen. Über den Landweg ist das Paar über den Sudan bis nach Lybien gekommen. Es hatte kaum etwas zu essen oder zu trinken. Efrem erzählt, dass in der Sahara-Wüste zwei Flüchtlinge unter den Strapazen gestorben sind. Es ist schwer vorstellbar, wie die beiden zierlichen Eritreer diese Anstrengungen bewältigt haben. Von Lybien haben die beiden in einem überfüllten Schlepperboot den Weg in Richtung Italien angetreten. Ein Seenotrettungsschiff hat sie vom Mittelmeer aufgelesen. Dort sind sie amtlich nicht erfasst worden, ihre Ausweise haben sie auf der Flucht verloren. Wie es von Italien nach Dortmund weitergegangen ist, hat Efrem noch nicht in Worte packen können.

In jedem Fall sind sie über den "Umweg" einer Flüchtlingsunterkunft in Dortmund-Hacheney jetzt in Castrop-Rauxel gelandet. Aktuell teilen sie sich mit einem Flüchtlingspärchen aus dem asiatischen Raum eine Zweizimmerwohnung. Der Alltag ist grau, aber die beiden sind überglücklich, in Deutschland sein zu können. "Deutschland ist gut", sagt Efrem. In Eritrea lerne man in der Schule, dass Deutschland "sehr, sehr schlecht" sei, wie Efrem verrät. Die Zeit des Nationalsozialismus ist in Eritrea Synonym für die Bundesrepublik.

Efrem und Winta unternehmen gemeinsam mit Kai Sandra Behördengänge und gehen einkaufen. Die Tage gleichen sich. Anschluss in der Gesellschaft zu finden ist wegen der Sprachbarriere nicht einfach. Efrem hat anfangs versucht, durch TV-Nachrichten mehr Deutsch zu verstehen. "Die Sprache ist aber etwas gestelzt", sagt Kai Sandra. Sie hat der Familie deswegen einen DVD-Player samt Filmen geschenkt.

Zugang zur Arbeitswelt ist schwer

Efrem versucht so, auf spielerische Weise ein bisschen Deutsch zu lernen. Aber lieber, als den ganzen Tag Zuhause zu sein, will er arbeiten und selber den Unterhalt für seine Familie verdienen. "Es ist schwer, Efrem zu vermitteln", sagt Kai Sandra. Zeitarbeit sei für Flüchtlinge nicht gestattet, in Stellenausschreibungen wird häufig ein Mindestmaß an Deutschkenntnissen erwartet. "Vielleicht findet sich ja jemand, der ihm eine Chance gibt. Oder er kann erst einmal auf eine Schule gehen", sind die Hoffnungen der 29-jährigen Kauffrau für Gesundheitswesen, die aktuell in Elternzeit ist.

Ob Efrem jemals noch einmal zurück in sein Heimatland möchte? "Wenn nur zu Besuch", sagt er. Dafür müsse sich erst einmal etwas an der politischen Lage ändern. Flüchtlinge erwartet in Eritrea bis zu 25 Jahren Gefängnis für den Ausriss. Mit seiner Mutter, die er genau wie seinen Bruder zurückgelassen hat, telefoniert er einmal im Monat. Für mehr Kontakt seien die Telefonate schlicht zu teuer.

Gefühl von Heimat

Ein bisschen Heimat konnten sich Efrem und Winta aber am letzten Sonntag nach Deutschland holen. In einer koptisch-orthodoxen Kirche in Köln wurde Johannes getauft. Winta trägt noch immer Stolz die traditionell eritreische Frisur, die Mütter bei der Kindstaufe tragen. Eigentlich sollte die Taufe in Unna stattfinden, Kai Sandra hat über die Facebook-Gruppe sogar Geld gesammelt, damit für die Familie eine kleine Feier organisiert werden kann."

In Unna wurde das aber dann doch nichts", sagt Kai Sandra. Durch die Entfernung Castrop-Rauxel zu Köln ist die Feier jetzt erst einmal auf Eis gelegt. "Ich spreche mit den Spendern, ob wir das Geld nicht anders für die Familie ausgeben können." Vielleicht für Ausflüge oder Dinge, die sie zum Leben benötigen. Ein vorläufiges Happy End einer Geschichte, die vor gut zwei Monaten per Facebook begonnen hat. Soziales Netzwerk bekommt hierbei eine ganz neue Bedeutung.

Die politische Situation in Eritrea: Nach dreißigjährigem Unabhängigkeitskrieg wurde das Land erstmals seit 1961 1993 wieder unabhängig von Äthiopien. Isayas Afewerki ist seitdem Präsident der Übergangsregierung des ostafrikanischen Staates. Seine Politik wird als autoritär bezeichnet, es herrscht ein Einparteiensystem unter der Eritreischen Volksbefreiungsfront (EPLF). Pressefreiheit besteht nicht. Regierungskritiker, Angehörige verbotener Religionsgemeinschaften, Deserteure und Eritreer, die im Ausland um Asyl ersucht haben, werden inhaftiert und gefoltert.

 

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