Frauen bei der Müllabfuhr gibt es nicht viele, in Castrop-Rauxel sogar nur eine Einzige. Ein Männerjob? Stephanie Maibaum sagt nein - und kämpft mit ihren Kolleginnen für mehr Frauen.

Castrop-Rauxel

, 04.12.2019, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dreck beseitigen, Mülltonnen entleeren und im Abwasser in der Kanalisation stehen - man könnte denken, dass das keine Arbeiten sind, die eine Frau gerne machen würde. Doch schaut man sich beim EUV in Castrop-Rauxel um, dann merkt man schnell: Das Gegenteil ist der Fall. Denn hier haben sich schon vor langer Zeit die Frauen in die orangenen Arbeitsoveralls geworfen und lassen kräftig die Muskeln spielen.

Eine von ihnen ist Stephanie Maibaum. Die 48-Jährige arbeitete 24 Jahre lang als Zahntechnikerin, doch „das ist eine Männerdomäne, da kommt man als Frau nicht weiter“. Von einer stereotypischen Männerbranche ging es in die nächste: zum EUV, zunächst bei der Stadtbildpflege als Straßenreinigungskraft. Heute ist sie Castrop-Rauxels einzige Müllladerin, wie sie sich selbst bezeichnet. Und das mit Stolz.

„Man hat es mir wohl nicht zugetraut“

„Fünf Jahre lang habe ich mich immer wieder beworben, bis mir Arbeit in der Stadtbildpflege angeboten wurde. Vielleicht hat man es mir einfach nicht zugetraut“, so die Castrop-Rauxelerin. Die Idee, beim EUV zu arbeiten, hatte ihr Ehemann ihr schon vor Jahren ans Herz gelegt.

Doch eine Frau in einem typischen Männerjob? Die Arbeit auf dem Mülllaster wurde Maibaum erst angeboten, als der EUV in einer Notlage steckte, so Maibaum. „Es fehlte an Kräften, es gab nicht einmal mehr Männer aus der Straßenreinigung, die hätten einspringen können.“ Dem EUV blieb nichts anderes übrig: er musste den Frauen eine Chance geben. Die Frauenquote liegt beim EUV bei 24 Prozent.

Die Powerfrauen vom EUV: „Trage ich orange, dann bin ich ein Mann!“

Stephanie Maibaum ist Castrop-Rauxel einzige Mülladerin. © Silja Fröhlich

Ein Muskeljob - auch für die Männer

„Wir Frauen haben gesagt: Versucht es mal mit uns! Wir können nichts garantieren“, erzählt Maibaum. Sie macht neben der Arbeit Krafttraining, denn die Arbeit als Müllladerin ist vor allem eins: ein Muskeljob. „Wir wussten nicht, ob der Körper das mitmacht. Im Sommer ist es heiß, im Winter eiskalt, und nach der Arbeit ist man platt“, so Maibaum. Doch sie kämpfte sich durch. „Da muss jeder durch. Auch die Männer“, erzählt Maibaum lachend. Und stellt klar: „Trage ich Orange, dann bin ich ein Mann.“

Maibaum ist nicht die Einzige, die sich für einen kräftezehrenden Job beim EUV entschieden hat. Auch Marlena Aigner sieht kein Problem darin, sich die Hände schmutzig zu machen. „Als Kind habe ich immer geschraubt, für mich war das Handwerk vorbestimmt“, sagt die 29-Jährige. Beim EUV war sie die Erste, die eine Ausbildung zur Mechatronikerin mit Schwerpunkt Lastkraftwagen machte. Nun arbeitet sie in der Stadtentwässerung.

Dreck und Gestank sind Gewöhnungssache

„Es ist dreckig und stinkt“, so Aigner, „und ich glaube, da haben Frauen die größten Berührungsängste.“ Doch genauso wie die körperliche Belastung ist auch diese Arbeit eine reine Gewöhnungssache - und Gestank auch nicht gleich Gestank. „In der Kanalisation stört mich das nicht, aber hinter einem Bio-Müllwagen kann ich nicht stehen“, witzelt Aigner über Maibaums Arbeit.

Eine halbe Million Euro kostet der Spülwagen, den Aigner durch Castrop-Rauxels Straßen manövriert, ein riesiges Ungetüm, ausgestattet mit hochmoderner Technik. Und das ist Aigners Devise: „Frauen arbeiten mit Technik, und Männer mit Kraft.“ Daher hat sie kein Problem damit, nach Hilfe zu fragen, wenn etwas zu schwer ist.

Die Powerfrauen vom EUV: „Trage ich orange, dann bin ich ein Mann!“

Marlena Aigner war die erste Frau, die in der Werkstatt der EUV eine Ausbildung zur Mechatronikerin machte. © Silja Fröhlich

Teamarbeit und Vertrauen

„Auch ein Mann erreicht irgendwann seine Grenzen und muss sagen: Das schaffe ich nicht alleine“, betont Maibaum. Die Einzelkämpfer-Attitüde würde fünf Jahre funktionieren, dann sei der Rücken kaputt. „Ich glaube, da sind Frauen schneller zu sagen: Warum soll ich es mir schwerer machen als nötig? Ich muss niemandem etwas beweisen.“

Worauf es ankommt, sei Teamarbeit und Vertrauen. Dem stimmen auch Ulrike Gebbeken, Kehrmaschinenfahrerin, und Manuela Reichow, Allrounderin in der Straßenreinigung und Müllentsorgung, zu. Beide haben nur positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den männlichen Kollegen gemacht, und arbeiten seit einigen Jahren beim Stadtbetrieb. „Die reißen sich mittlerweile um uns“, sagt Gebbeken lachend. Denn eine Frau in der Straßenreinigung, das ist ein ungewohnter Hingucker. Kommentare wie „Warum machst du einen Männerjob?“ kamen aber nie.

Die Powerfrauen vom EUV: „Trage ich orange, dann bin ich ein Mann!“

Von wegen Männerjob: Die Frauen der EUV halten dagegen. © Silja Fröhlich

Neue Berufsbilder dank der Technik

Trotzdem wünschen sich die Frauen vor allem eins: mehr Frauen. „Habt Mut!“, fordert Maibaum auf. „Der Job ist kein Zuckerschlecken, doch alle werden gleich bezahlt, die Arbeitszeiten sind gut.“ Sie wünscht sich, dass vor allem das Arbeitsamt mehr auf Frauen zugeht. Der EUV kämpft nach Angaben von Vorstand Michael Werner mit einem Fachkräftemangel. Gesucht werden Männer und Frauen, die fit und zuverlässig sind, idealerweise mit einem Lkw-Führerschein. Und die Karrierechancen seien nach oben hin offen.

„Ich habe die Skepsis häufiger erlebt nach dem Motto: Mädel, ich helf dir mal“, so Maibaum. „Doch durch die technische Entwicklung ändert sich auch das Berufsbild, und die Arbeit als Müllladerin ist heute auch für Frauen machbar.“ Auch Aigner hofft, dass sich mehr Frauen trauen, dem Klischee Männerjob den Kampf anzusagen. „Wir warten auf euch, Frauen, wir haben noch genug Spinde frei!“, sagt die Castrop-Rauxelerin. Der EUV ist bereit für Powerfrauen, die anpacken. Und denen die Männer in Punkto Technik und Muskelmasse so schnell nichts mehr vormachen können.

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