Drei Städte im Kreis zählen einen Minuswert bei ihren Neuinfektionen. © Martin Klose
Meinung

Die ständige Meckerei an den Corona-Entscheidungen muss aufhören

Montagabend steht fest, wie weiter gegen Corona gekämpft wird. Klar ist: Die Beschlüsse werden wieder unter Beschuss stehen. Dabei handeln wir Normalbürger genauso wie die Politiker. Ein Appell.

Haben Sie in den vergangenen Wochen nur Menschen getroffen, die sie unbedingt sehen mussten? Haben Sie im Homeoffice gearbeitet, wann immer es ging? Haben Sie nur eingekauft, was Sie wirklich zum Leben brauchen? Haben Sie auf den Friseurbesuch verzichtet, obwohl der Pony schon die Augen verdeckt hat? Haben Sie versucht, einen Termin für einen professionellen Corona-Schnelltest beim Arzt, in einer Apotheke oder einem Testzentrum zu bekommen?

Wenn Sie sich in der Corona-Pandemie konsequent richtig verhalten haben, müssten Sie alle diese Fragen mit Ja beantworten können. Ich kann das nicht. Bei mir steht hinter vier der fünf Fragen ein Nein.

Ich habe ausgenutzt, dass mir die in Nordrhein-Westfalen geltenden Regeln zum Beispiel das Arbeiten in der Redaktion und private Kontakte nicht verbieten, sondern dass die Bundeskanzlerin, der Ministerpräsident, der Landrat, der Bürgermeister eben nur empfehlen, darauf zu verzichten.

Appelle fruchten zu wenig

Aber Appelle fruchten zu wenig – und das wird dazu führen, dass am Montagabend die Bundeskanzlerin, Bayerns Ministerpräsident und Berlins Regierender Bürgermeister vor die Medien treten und begründen, warum die Corona-Regeln wieder verschärft werden müssen.

Unmittelbar danach wird das kollektive Aufstöhnen im Lande wieder groß werden. „Was, der Einzelhandel soll wieder schließen? Wie bitte, das Sport-Training meines Kindes fällt wieder aus? Oh nein, eine Ausgangssperre. Daran sind nur die unfähigen Politiker schuld.“

Auch ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten auch öffentlich die Corona-Regeln kritisiert. Ich bin wütend, wenn ich sehe, dass Mitarbeiter des Ordnungsamts einen offensichtlichen Verstoß gegen die Corona-Regeln nicht bestrafen, sondern es bei einer Ermahnung belassen – zuletzt von mir beobachtet vor einigen Tagen auf dem Castroper Marktplatz.

Die Politik hat Fehler gemacht

Und natürlich ist es ein Desaster, wenn manche Schulen bis Freitag (19.3.) immer noch keine Selbsttests vom Land erhalten haben, die schon elf Tage zuvor hätten verschickt werden sollen.

Die Politik hat Fehler gemacht. Vieles hätte besser laufen können und müssen. Aber die Besserwisserei und maßlose Kritik, die in den vergangenen Tagen insbesondere über die CDU-Politiker Armin Laschet und Jens Spahn hereinbricht, ist völlig überzogen.

Wie hätten die Kommentare gelautet, wenn es nach dem letzten Treffen der Kanzlerin und der Ministerpräsidenten Anfang März keine Öffnungsperspektive gegeben, wenn man den Lockdown bei einer Inzidenz nahe 50 einfach verlängert hätte?

Vernünftige Menschen erklären Laschet zum Mörder

Rückblickend waren die Lockerungen wohl falsch und ja, man hätte es ahnen können. Aber das ist kein Grund, Laschet als „Monster“ zu bezeichnen, das „unsere Kinder ohne Schutz in die Schulen schickt“! An und für sich vernünftige Menschen übernehmen Hashtags wie #laschettoetet in ihre Nachrichten und protestieren laut und hemmungslos gegen die Weigerung der Landesregierung, Schulen und Kitas wieder zu schließen.

„Ja, dann lasst eure Kinder doch einfach zu Hause, wenn euch das lieber ist“, möchte ich diesen Eltern zurufen. Schließlich gibt es keine Kita-Pflicht. Und ich frage mich: „Würdet ihr den anderen Kita-Eltern aus eurer Gruppe ins Gesicht sagen, dass sie ihre Kinder in tödliche Gefahr bringen?“ Die Antwort wird wohl meistens Nein lauten. Und wer die Gesundheit seines Schul-Kindes als so gefährdet sieht, könnte auf die Idee kommen, es einfach krank zu melden. Sohn oder Tochter werden trotzdem Abitur machen dürfen.

Es gibt aber auch Eltern, die ihre Töchter und Söhne voller Überzeugung in die Schule schicken. Weil sie meinen, dass ihnen das besser tut, als sich monatelang nur zu Hause aufzuhalten – dem Ansteckungsrisiko zum Trotz.

Es wird dringend Zeit, sich einige Dinge klar zu machen, die selbstverständlich sein sollten, die zu viele von uns aber vergessen: Alle Politiker in Verantwortung wollen die Pandemie bestmöglich bekämpfen. Sie alle haben nichts davon, wenn es nicht gelingt.

Es geht nicht nur um niedrige Inzidenz-Werte

Aber es geht im Kampf gegen Corona nicht allein um niedrige Inzidenz-Werte, nicht allein um die körperliche Gesundheit. Mögliche emotionale Schäden sind genauso zu bedenken wie wirtschaftliche. Alles gegeneinander abzuwägen, versuchen die Politiker gerade.

Und wir „Normalbürger“ übrigens auch, zumindest die allermeisten von uns: Wir gehen zum Friseur, auch wenn wir dort nicht durchweg Maske im geschlossenen Raum tragen. Wir kaufen Kleidung, Bücher, Blumen, Gartengeräte, auch wenn wir sie nicht zum Überleben brauchen. Wir treffen uns mit Freunden, obwohl wir telefonieren könnten. Wir schicken unser Kind zum Fußball-Training, weil wir ihm den Spaß gönnen, und das Kind ist glücklich. Das alles ist – menschlich.

Redaktionsleiter Matthias Langrock hat zur Corona-Situation eine klare Meinung: Wir brauchen keine Ausgangssperre, wir brauchen Konsequenz.
Redaktionsleiter Matthias Langrock hat zur Corona-Situation eine klare Meinung: Wir brauchen keine Ausgangssperre, wir brauchen Konsequenz. © Matthias Langrock © Matthias Langrock

Ich wünsche mir, dass wir uns all das stärker vor Augen führen, anstatt einfach nur auf die Regierenden einzuprügeln. Je verantwortungsvoller wir uns verhalten, desto einfacher machen wir ihnen die Entscheidungen. Gelingt es uns nicht, an einem Strang zu ziehen, wird der Kampf gegen die Pandemie nicht nur länger dauern. Er wird auch eine zerrüttete Gesellschaft hinterlassen. Das kann kein vernünftiger Mensch wollen.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Fühlt sich in Castrop-Rauxel und im Dortmunder Westen gleichermaßen zu Hause. Mag Politik, mag Kultur, mag Sport, respektiert die Wirtschaft und schreibt zur Not über alles, was anfällt.
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Matthias Langrock