«Die Welt gehörte uns»

CASTROP-RAUXEL Als Agnes Graf heute vor 102 Jahren in Elberfeld geboren wurde, war sie ein so genanntes «Vorkind».

03.07.2007, 18:56 Uhr / Lesedauer: 1 min

«Ein uneheliches Kind», erklärt die rüstige Dame im Rollstuhl schulterzuckend. Ihre Mutter habe erst ein Jahr nach der Geburt geheiratet - aber nicht den leiblichen Vater. Aufgewachsen ist Agnes Graf, die seit zehn Jahren im Wilhelm-Kauermann-Zentrum lebt, in Bochum-Gerthe. Die Häuser der Eltern und Großeltern lagen nah beieinander, waren umgeben von Wiesen und Wald. «Damals gehörte die Welt uns Kindern», erinnert sich Agnes Graf wehmütig. An den heißen Tagen sei sie den ganzen Tag lang draußen herumgetollt. Mit 21 Jahren heiratete die junge Frau «ihren» Franz. Den Heizer, der auf der Zeche arbeitete, lernte das Dienstmädchen auf einem «Tanzboden» kennen. «Mit ihm hatte ich die schönsten Jahre meines Lebens», sagt sie mit fester Stimme. Sein Tod im Februar 1972 war ein großer Schock für sie, der sich auf ihre Gesundheit auswirkte.

Eine versteckte Thrombose diagnostizierten die Ärzte im darauf folgenden Jahr und mussten Agnes Graf ein Bein amputieren. Bis 1997 hielt sie sich mit einer Prothese aufrecht, dann versagten die Kräfte. Zu diesem Zeitpunkt waren auch die beiden Söhne bereits gestorben. Heute lässt die Jubilarin, die kaum noch sehen kann, keine Vorlesestunde und kein Gedächtnistraining aus. Außerdem schwört sie auf viel gesundes Obst: «Jetzt schmecken mir knackige Kirschen am besten.» jug

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