Ein Schulleiter gibt für digitale Ausstattung die Schulnote mangelhaft

rnSerie Digitalisierung an Schulen

Die beiden Castrop-Rauxeler Gymnasien sind unterschiedlich gut auf Homeschooling und digitales Lernen vorbereitet. Einen Vorteil im Vergleich zur ersten Corona-Welle gibt es allerdings.

Castrop-Rauxel

, 11.11.2020, 08:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Keiner will es, alle fürchten es: Die Coronalage könnte wieder dazu führen, dass die Schüler ins Homeschooling geschickt werden. Bei unserer Umfrage, wie gut die Schulen auf einen solchen Fall vorbereitet sind, gibt es eine einheitliche Aussage. Ansonsten unterscheiden sich die weiterführenden Schulen sehr, wie weit sie auf dem Weg der Digitalisierung gekommen sind.

Eines steht fest: Die Schulen sind besser vorbereitet als im Frühjahr. Das hat vor allem einen Grund: Mussten damals die Lehrer mühevoll den Weg zu ihren Schülern finden, können sie jetzt auf die Lernplattform setzen, die nach dem ersten Lockdown in Castrop-Rauxel eingeführt wurde.

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Doch was hilft die Lernplattform, wenn der Schüler zu Hause nur auf seinem Handy die Aufgaben für den Unterricht abrufen kann, weil er nicht auf ein Tablet oder einen PC zugreifen kann? Wenn es in der Schule keinen digitalen Unterricht geben kann, in den eventuell auch Schüler eingebunden werden können, die gerade in Quarantäne sein müssen – weil es kein WLAN gibt und Beamer in den Klassen fehlen?

Ernst-Barlach-Gymnasium ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung

Zu viel Bürokratie, umständliche Vergabeverfahren, zu wenig Personal in der Stadtverwaltung, die die Prozesse voranbringen – diese Hindernisse auf dem Weg zur digitalen Schule werden immer wieder genannt. Von den Gymnasien, der Realschule, der Gesamtschule und den Grundschulen. Und auch von der zuständigen Dezernentin Regina Kleff. Aber es gibt Unterschiede. Wir haben exemplarisch bei den beiden Gymnasien nachgefragt.

Das Ernst-Barlach-Gymnasium ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung.

Das Ernst-Barlach-Gymnasium ist Vorreiter in Sachen Digitalisierung. © Volker Engel (Archiv)

Vielleicht am weitesten in der digitalen Entwicklung ist das Ernst-Barlach-Gymnasium. Zuletzt war aus deren Umfeld Kritik zu hören, dass Anschaffungen verschleppt wurden, sogar Bestellungen aus dem Jahr 2018 nicht angekommen seien. Inzwischen wurde eine kreative Lösung mit der Stadt erarbeitet.

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„Wir sind zuversichtlich, dass wir den Investitionsstau auflösen können“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Dr. Mirja Beutel. Apple-TV-Geräte, die beispielsweise in alle Klassenräume kommen sollen, sollen zeitnah beschafft werden. Auch sind viele Räume bereits mit Beamern oder Smartboards ausgestattet. Durch die kombinierte Nutzung von Apple TVs und Beamern können Schülerergebnisse dann rasch für alle sichtbar gemacht werden.

Der 7. Jahrgang arbeitet seit diesem Schuljahr mit eigenen iPads

Das Konzept der Schule sieht vor, dass der 5. und 6. Jahrgang mit Medienerziehung beginnt und die Schüler einen verantwortlichen Umgang mit digitalen Medien lernen. Parallel dazu gibt es eine Wochenstunde „informatische Grundbildung“. Im siebten Jahrgang wird der Unterricht dann vermehrt durch digitale Medien didaktisch angereichert. Laut Beschluss der Schulkonferenz arbeiten die Schüler im Unterricht ab dem 7. Jahrgang mit eigenen iPads. Der aktuelle 7. Jahrgang ist der erste, in dem dieses Konzept umgesetzt wird.

Schon früh hat sich am EBG eine Digitalisierungsgruppe gebildet. 2019 habe die Arbeit in der Gruppe an Fahrt aufgenommen, sagt Mirja Beutel. Dadurch konnte rasch ein Medienkonzept für das EBG fertiggestellt werden. Die Einführung von Tablets ab dem 7. Jahrgang wurde im Anschluss konzeptionell vorbereitet und dann durch die Lehrer-und Schulkonferenz beschlossen. „Die Schule wurde zum Vorreiter“, sagt die stellvertretende Schulleiterin.

Die Stadt trieb dann – beschleunigt durch die Corona-Pandemie – die Bereitstellung der MNS Pro Cloud für die Schüler voran. Um das Kollegium für den Umgang mit der Plattform fit zu machen, gab es Workshops von Lehrern für Lehrer, die dann wiederum die Schüler im Umgang mit der Lernplattform schulten. „Wir haben selbst Workshops organisiert“, sagt Mirja Beutel, „der Großteil der Kollegen steht dahinter, es gibt eine hohe Motivation“.

Tutorials auf der Homepage der Schule

Flankierend zu den Informationen aus den Workshops finden sich auf der Homepage der Schule Tutorials, die zur Not bei einer erneuten Schulschließung helfen können, digitale Lernangebote zu nutzen. Die Schulpflegschaft hat ein digitales Elterncafé organisiert, um Fragen der Eltern klären zu können.

Am 5. November wurde bei einem Pädagogischen Tag die digitale Unterrichtsentwicklung besprochen, die zukünftig greifen soll.

Lernplattform hilft am Adalbert-Stifter-Gymnasium im Fall der Fälle

Szenenwechsel zum Adalbert-Stifter-Gymnasium in die Altstadt: „Ich muss damit rechnen, dass es passiert“, sagt Schulleiter Joachim Höck, „dass ich Lerngruppen oder ganze Klassen in Quarantäne schicken muss.“ Sein Gymnasium werde versuchen, das aufzufangen und über die Lernplattform die Schüler mit Aufgaben zu versorgen.

Joachim Höck ist Schulleiter am ASG.

Joachim Höck ist Schulleiter am ASG. © Matthias Stachelhaus (Archiv)

„Wir sind ein bisschen weiter als im März“, sagt Höck und meint vor allem die Lernplattform. Bei Schülern und Lehrern soll sie Bestandteil des normalen Unterrichtsalltags werden. Noch kann er nicht versprechen, dass alle Schüler auf einem gleichen Niveau sein werden.

„Das Smartphone ist ein Zugangsmittel, aber kein Arbeitsmittel“

Gerade in diesen Tagen hat eine Umfrage bei Schülern und Eltern wegen der technischen Voraussetzungen begonnen. 70 bis 80 Prozent, so schätzt Höck, verfügen über einen PC oder Tablet. Bei 20 Prozent werde es schwieriger. Da stehe oft nur ein Smartphone zur Verfügung. „Das Smartphone ist ein Zugangsmittel, aber kein Arbeitsmittel“, betont Höck.

Seine Schule wartet wie andere Schulen in Castrop-Rauxel auf die Nachricht, wann Geräte für die Schüler kommen und wie viele es sein werden. Den Verteilschlüssel kennt Joachim Höck nicht. Bei den Geräten für die Lehrer hat das Gymnasium sich jetzt auf zwei Modellpakete geeinigt. Noch arbeiten die Lehrer am ASG mit ihren eigenen Geräten. „Wir hoffen, dass im Kalenderjahr noch die entsprechenden Geräte kommen.“

„Bei einer Skala von 1 bis 10 sind wir, was die Ausstattung angeht, bei einer 2“, sagt Höck. Zwei Computerräume, für die neue Rechner kommen sollen, Beamer in den acht Räumen im NW-Technik-Trakt, ein Smartboard, zwei bis drei mobile Beamer – das ist nicht viel.

An WLAN-Verkabelung wird gearbeitet, Breitbandanschluss fehlt noch

Für das WLAN wird gerade die Verkabelung geschaffen. Der Breitbandanschluss fehlt noch. Bis vor kurzem ging Höck davon aus, dass die Schule Anfang 2021 funktionierendes WLAN habe. Das dürfte aber schwerlich funktionieren. Nach Aussage der Stadt werden die Verträge mit Internetanbietern erst geschlossen, wenn die Gasfaserleitungen betriebsbereit sind. Und deren Verlegung ist ein kreisweites Projekt. Zwei Drittel der Trasse im Ausbaugebiet Süd, zu der Castrop-Rauxel gehört, sei fertig.

Joachim Höcks Wunsch: Schüler und Lehrer müssten zu jeder Zeit im Unterricht digital arbeiten können. Dazu brauche jeder Schüler ein Endgerät, das Netz müsse flächendeckend ausgebaut sein, es brauche Anzeige- und Interaktionsgeräte, also Bildschirme oder Beamer in jedem Klassenraum, um zum Beispiel einzelne Arbeitsergebnisse allen vorstellen zu können. Dann könnte Unterricht anders gestaltet werden. Höck: „Ich hoffe, dass wir im Laufe des kommenden Jahres dem Ziel näherkommen.“

Es ist viel Bürokratie, sagt Höck. Prinzipiell findet er es gut, dass die Gelder des Digitalpakts nicht leichtfertig verteilt werden. Doch auf der anderen Seite: Für eine Standardausrüstung wie beispielsweise einem Beamer pro Klassenraum brauche man kein Konzept. Da hätte die Anschaffung unbürokratischer und schneller funktionieren können.

Serie

SIND UNSERE SCHULEN DIGITAL?

Die Corona-Pandemie wird oft als Beschleuniger der Digitalisierung beschrieben. In dieser Serie beschäftigen wir uns mit dem Stand der Digitalisierung in Castrop-Rauxels Bildungseinrichtungen in zahlreichen Facetten - vom persönlichen Erleben von Lehrern und Schülern und Eltern bis zu übergreifenden Themen wie Ausstattung und Fördermitteln.
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