Er ist 38 Jahre Krankenpfleger, seit 2000 in der Notaufnahme des Rochus-Hospitals: Nun spricht Rüdiger Schulz über seine Arbeit - und wie sich das Verhalten der Patienten verschlechtert hat.

Castrop

, 17.05.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Rüdiger Schulz ist nicht zierlich, nicht 23 Jahre alt, kein Berufsanfänger - keine Frau: Schulz ist kräftig, 53 Jahre alt, wohnt in Habinghorst und kennt seinen Job als Krankenpfleger seit inzwischen 38 Jahren. Er ist eine der erfahrensten Pflegekräfte im Castroper St.-Rochus-Hospital. Er arbeitet seit 2000 in der ZAD, der Zentralen Aufnahme- und Diagnostikabteilung. Hier landen vor allem Patienten, die per Rettungswagen kommen - die Notaufnahme.

Gerade hier gibt es immer häufiger Stress: „Ich erlebe, dass die Probleme zunehmen“, bestätigt Schulz aus den eigenen Erfahrungen das, was das Rochus uns schon auf eine allgemeine Anfrage geantwortet hatte. „Verbale Gewalt und ausgeübte körperliche Gewalt“, sagt der 53-Jährige.

Wohnungslose wollte irgendwo ausschlafen

Er wurde vor vier Wochen an einem Wochenende von einer Patientin geschlagen und gekniffen. Einer Frau, wohnungslos, „die sich nicht den Hausregeln anpassen und sich hier ausschlafen wollte“, so Schulz. Sie kam sonntagsmorgens kurz vor seinem Dienstbeginn mit dem Rettungswagen. Er und seine Kollegin hätten um 6 Uhr in der Notaufnahme übernommen. „Sie sagte, sie sei geschlagen worden“, erzählt der Pfleger. Daraufhin sei sie vom Arzt untersucht und geröntgt worden.

Eine krankenhausbedürftige Diagnose lag nicht vor. „So ist ihr das vom Chirurgen übermittelt worden“, so Schulz. Doch dann begannen die Probleme: Die Frau wollte bleiben, sich hinlegen. „Da wir aber nicht genügend Behandlungsräume haben, um Leute bei uns schlafen zu lassen, war die Überlegung, dass wir sie ins Wartezimmer setzen“, so Schulz. „Dem kam sie nach, hat sich dann aber über drei Stühle gelegt. Das war so nicht geplant - und es gab auch eine unangenehme Geruchsentwicklung um sie herum“, erzählt der Pfleger. Darauf reagierte man, als das Tagesgeschäft anlief - also so gegen 8 Uhr.

Eskalation: Sie schlug mit der Krücke um sich

„Sie waren jetzt eine Stunde hier, wir würden Sie bitten, nun das Haus zu verlassen“, will Rüdiger Schulz der 37-jährigen Frau gesagt haben. Daraufhin rastete sie aus, schlug mit einer Krücke, die sie dabei hatte, gegen seine Beine und Arme. „Meine Kollegin ist nach vorne gegangen, um an der Information Hilfe zu holen“, so Schulz. Die Frau habe sich indes auf den Boden gelegt. Als er sie aufforderte, sich erst einmal wieder hinzusetzen, kniff sie in seinen Unterarm.

Als die Polizei fünf Minuten später eintraf, wehrte sie sich auch - aber dann brachten die Polizisten sie weg. Schulz trug keine schwereren Verletzungen oder Wunden davon und sah auch trotz Aufforderung der Polizisten, Anzeige zu erstatten, davon ab. „Das hilft ihr und mir ja nicht“, sagt er.

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Nur ein Beispiel für andere Fälle

Sein geschilderter Fall aber steht beispielhaft für andere Vorkommnisse: Der im Rochus pöbelnde Mann, der jetzt vor Gericht verurteilt wurde, oder der schwergewichtige alkoholisierte Mann, der in der Notaufnahme vor wenigen Wochen handgreiflich wurde und dann von den Mitarbeitern festgehalten werden konnte: Geschehnisse, die es so früher nicht gab.

Drohungen, Kniffe, Angriff eines „Preisboxers“: Jetzt spricht ein Rochus-Krankenpfleger

Pflegedienstleiter Axel Westermann und Kranken- und Gesundheitspfleger Rüdiger Schulz (r.) an der Rettungswagen-Anfahrt des Rochus-Hospitals © Tobias Weckenbrock

„Unserer Ansicht nach ist das ein gesellschaftliches Phänomen“, sagt Axel Westermann, Pflegedirektor im Rochus-Hospital und den anderen Krankenhäusern der St.-Lukas-Gesellschaft: „Gewalt mündlich, aber Gewalt auch körperlich.“ Rettungsdienste und Feuerwehren, sagt er, würden immer öfter an ihrer Arbeit gehindert. In größeren Städten führen Rettungswagen inzwischen häufig mit der Polizei raus, weil sie Probleme erwarteten. Und in Kliniken, im Rochus, sei das Problem dasselbe.

Schulz sagt, dass er die Fälle nicht gezählt habe - aber seit 2013 sei dieser Vorfall mit der Frau der fünfte oder sechste gewesen. Die Vorfälle habe man stets in Teamsitzungen reflektiert: Was kann man besser machen? Was können wir als Team daraus lernen?

So sollte sich ein Krankenpfleger verhalten

Chef Axel Westermann sagt, dass das Verhalten des Pflegers vorbildlich gewesen sei. „Deeskalierend“ sei wichtig, „zu sagen: ‚Sie können ein Momentchen bleiben‘, aber dann auch klar zu werden: ‚Verlassen Sie bitte unser Haus‘ ist der richtige Weg. Wenn man das gewünschte Ziel nicht erreicht und körperlich angegangen wird, ist die nächste Eskalationsstufe, die Polizei zu rufen. Es bleibt aber jedem Mitarbeiter überlassen, das zu entscheiden.“

Drohungen, Kniffe, Angriff eines „Preisboxers“: Jetzt spricht ein Rochus-Krankenpfleger

Rüdiger Schulz aus Habinghorst, Krankenpfleger in der Notaufnahme des Rochus-Hospitals seit 2000 und seit 38 Jahren in der Krankenpflege tätig. © Tobias Weckenbrock

„Die im Wartezimmer der Notaufnahme, die am lautesten schreien, die lässt man am besten am längsten sitzen - die leisen lässt man eher rein, denn ihnen geht es schlechter.“
Rüdiger Schulz, Krankenpfleger

Dafür gibt es extra eine Fortbildung: Gewalt gegen Pflegekräfte und Ärzte. „Es waren noch nicht alle Pflegedienst-Mitarbeiter da“, so Westermann. „Aber da kommt ein Polizeikommissar und jemand aus der Pflege ins Klinikum Dortmund-West. Unsere Mitarbeiter bekommen Tipps und Tricks an die Hand.“

„Preisboxer“ kam mit Psych-KG in die Psychiatrie

Schulz erinnert sich an einen Mann, der schon in Dortmunder Kliniken Hausverbot hatte. Angeblicher Preisboxer, so war es überliefert, der unter Alkoholismus litt und ihn in einem Behandlungsraum des Rochus angegriffen habe. „Der Arzt hat die Polizei gerufen, das Ordnungsamt ihn unter Psych-KG ins EvK gebracht“, so Schulz. Also in die geschlossene Psychiatrie. Leib und Leben seien nicht bedroht gewesen, aber auch solche Fälle kommen vor.

Und dazu verbale Gewalt, immer öfter: Bedrohungen wie eine mögliche Beschwerde beim Vorgesetzten oder: „Ich erwarte Sie dann nach Feierabend draußen...“.

Warum all das? Die Leute kommen in der Erwartung, dass ihnen im Krankenhaus geholfen wird. „Es gibt bei uns ein Sprichwort“, sagt Schulz: „Die im Wartezimmer der Notaufnahme, die am lautesten schreien, die lässt man am besten am längsten sitzen - die leisen lässt man eher rein, denn ihnen geht es schlechter.“ Sie versuchten, auf verbale Weise ihre Behandlung zu beschleunigen. „Das sind meist Leute, die in den hausärztlichen Notdienst gehören.“

Notrufsystem würde vielleicht sechsstelligen Betrag kosten

Das Rochus denkt aufgrund der Häufung über die Anschaffung eines Notrufsystems nach. „Wir können Kollegen von anderen Stationen anrufen oder über den Empfang, der rund um die Uhr besetzt ist - genauso wie die Polizei“, sagt Standortleiter Oliver Lohr. „Was wir aber überlegen, ist ein System, mit dem man per Knopfdruck Hilfe holen kann.“

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Da sei die Frage: Was passt am besten in unser Haus? Wie regelt man die Einbindbarkeit ins bestehende Telefonsystem? „Das wäre für die Gesellschaft ein nicht unerheblicher Kostenfaktor“, so Lohr. Mindestens hoch fünfstellig, vielleicht auch sechsstellig. „Wir sehen die Erfordernis, das zu investieren“, sagt Axel Westermann. „Es geht nicht nur um die Notfallambulanz, wir haben auch auf den Stationen zum Teil nachts nur eine Schwester für 30 Betten.“

Pfleger Schulz liebt seine Arbeit trotz der Vorfälle

Was macht so ein Vorfall mit einem Mann wie Rüdiger Schulz? Hat er Angst? „Nein“, sagt er, „ich gehe gern zur Arbeit. Durch mein Erscheinungsbild habe ich einen kleinen Vorteil, bei einigen Kolleginnen ist das schon so, dass sie mit mehr Respekt vor allem in den Nachtdienst gehen.“ Wenn jemand alleine sei, sei das ein größeres Problem. Mitarbeiter, die Nachtschichten ablehnten, gebe es bisher aber nicht, sagt Westermann.

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