Bis er 43 Jahre alt war, lief Klaus Fichtel in der Fußball-Bundesliga auf. Selbst nach seinem Karriereende hatte der Ickerner einen großen Anteil am Erfolg des FC Schalke 04.

Ickern

, 19.07.2018, 09:24 Uhr / Lesedauer: 4 min

„Klaus? Dein Besuch ist da“, ruft Gabriele Fichtel durch das Haus in Waltrop. Wenig später steht er im Esszimmer: Klaus Fichtel, Rekordspieler der Fußball-Bundesliga. Im Alter 43 Jahren, sechs Monaten und drei Tagen von lief er am 21. Mai 1988 letzmalig in der Bundesliga auf - bei der 1:4-Niederlage des FC Schalke 04 gegen Werder Bremen im Gelsenkirchener Parkstadion. Seitdem stand nie wieder ein älterer Spieler in der höchsten deutschen Spielklasse auf dem Platz. Mit einem Banner mit der Aufschrift „Der Wald stirbt - die Tanne steht“ huldigten ihm die Fans zum Abschied.

Auch 30 Jahre nach dem Karriereende ist der heute 73-Jährige noch gut in Form. Bis vor wenigen Jahren kickte er noch in der Schalker Traditionsmannschaft. Einmal pro Woche trainiert sie. „Ich musste es aber ruhiger angehen lassen, der Körper macht das doch nicht mehr so mit“, sagt Fichtel heute. Als moralische Unterstützung sei er aber so oft wie möglich dabei, wenn Spiele anstehen. Er kann es nicht lassen. Der Fußball bestimmte sein Leben immer schon.

Die verschmutzten und beschädigten Alltagsschuhe

Als kleiner Dötz, als er auf der Eckenerstraße in Ickern wohnte, trat Klaus Fichtel gegen Ball. „Wir haben natürlich auf der Straße gespielt“, sagt er. Das Fußballspielen lag ihm im Blut. Sein Vater lief für den SC Arminia Ickern auf, der 1952 Westfalenmeister wurde, sein Bruder Helmut ebenfalls. Helmut spielte später für Westfalia Herne in der Oberliga West.

Es gab damals nur ein Problem: Klaus hatte keine Fußballschuhe. „Ich habe manchmal zu Hause ordentlich was auf die Finger bekommen, weil ich mit meinen Alltagsschuhen gepöhlt habe“, erinnert er sich heute. Das sollte sich ändern.

Denn im Grunde war es keine Überraschung, dass sich auch Klaus Fichtel dem SC Arminia anschloss und somit Fußballschuhe benötigte. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad machte er sich auf den Weg in Richtung Glückauf-Kampfbahn an der Recklinghauser Straße. „Ich musste ja nur über die Emscher, dann war ich schon da.“ Gespielt wurde auf Asche.

Als 14-Jähriger ging es auf Zeche

Bereits mit 14 Jahren musste er malochen gehen. „Das war damals ganz normal“, sagt Klaus Fichtel. Er begann eine Lehre als Bergmann auf der Zeche Victor III/IV in Ickern und folgte auch in dieser Hinsicht Vater und Bruder. Nach der Arbeit folgte dann zweimal die Woche das Fußballtraining. Auch nach der Lehre ging es für Fichtel weiter unter Tage auf Zeche Victor I/II in Rauxel, unmittelbar hinter dem Hauptbahnhof, im heutigen Mittelstandspark West. „600 bis 800 Mark habe ich damals verdient, das war schon viel Geld“, sagt Fichtel. Und nebenbei tat er, was er immer schon tat: Fußballspielen.

Seinen größten Erfolg in der Jugend feierte Fichtel in seinem zweiten A-Jugend-Jahr mit dem SC Arminia. „Wir haben im Finale der Westfalenmeisterschaft gegen den VfL Bochum gespielt, aber leider verloren“, sagt der 73-Jährige. Danach lief er für die Arminen in der Senioren-Verbandsliga auf - als Mittelläufer. Das entspricht dem heutigen Innenverteidiger. Im Jugendbereich war Fichtel auch im Mittelfeld zu finden. „Ich war nicht der größte und wurde dann in die Läuferreihe gepackt“, so Fichtel. So habe man damals das Mittelfeld genannt.

Für ihn folgte der nächste Karriere-Schritt: Der Bergmann gab seinen Job auf und wurde Vertrags-Fußballspieler. Als er 1965 beim FC Schalke 04 anheuerte, bekam er laut Medienberichten 1200 Mark Grundgehalt. Aus der Ickerner Glückauf-Kampfbahn ging es nun in das etwas berühmtere Stadion 30 Kilometer weiter westlich mit dem gleichen Namen.

Ein Ickerner Bergmann wird Bundesliga-Rekordspieler

Klaus Fichtel (r.) gemeinsam mit den Castrop-Rauxelern Thomas Siewert (l.) und Wolfram Wuttke, mit denen er in der Saison 1979/80 zusammen für den FC Schalke 04 auflief. © Archiv

Der ehemalige Vorsitzende des SC Arminia Ickern, Karl Sabra, beteuerte in den 1970er-Jahren, dass Schalke den Ickernern zu wenig Ablöse gezahlt habe. So kamen die Schalker gleich mehrmals nach Ickern zu Freundschaftsspielen. „Keine Ahnung. Das Finanzielle wusste ich damals gar nicht“, sagt Fichtel heute.

Er weiß aber noch, wie es überhaupt zum Wechsel kam: „Trainer Fritz Langner war damals öfters bei uns zu Hause und hat dann irgendwann gesagt: 'Okay, den können wir gebrauchen'“, erinnert sich Fichtel. Langner war bis 1962 Trainer beim SC Westfalia Herne und führte den Klub zur Westdeutschen Meisterschaft im Jahr 1959. Im Kader der Herner stand Helmut Fichtel. Im Jahr 1964 wurde Langner Trainer des FC Schalke 04.

Wie entstand der Spitzname „Tanne“?

Von ihm bekam Klaus Fichtel auch den Spitznamen „Tanne“ verpasst. Warum? „Ich weiß es echt nicht. Ich kann es mir nur so erklären, dass das zur Weihnachtszeit entstanden ist. Aus Fichtel hat er dann 'Fichte' abgeleitet und daraus wurde schließlich 'Tanne'“, sagt Fichtel.

Die „Tanne“ stand. 552 Bundesliga-Spiele lang. 15 Jahre für Schalke 04, vier Jahre für Werder Bremen und dann noch einmal vier Jahre für die Königsblauen. Im Trikot der deutschen Nationalmannschaft absolvierte er 24 Spiele und nahm als erster Castrop-Rauxeler an einer Fußball-Weltmeisterschaft, der WM 1970 in Mexiko, teil.


Am 21. Mai 1988 war für Fichtel nach 23 Jahren Profifußball Schluss. Er sorgte für einen Bundesliga-Rekord für die Ewigkeit und löste Harald Kleff vom VfL Bochum ab, der mit 39 Jahren, fünf Monaten und zehn Tagen auf dem Buckel am 26. April 1986 sein letztes Bundesliga-Spiel absolvierte.

Für die Zeit nach der Fußballkarriere hatte er aber vorgesorgt - und Anfang der 1970er-Jahre ein Haus in Waltrop gebaut. Er widmete sich der Taubenzüchterei und war Fan des Trabrennsports. „Seit 1968 habe ich Traber“, sagt Fichtel heute. Im Moment allerdings nur noch einen. Auch den Fußball verlor er nicht aus den Augen: Er arbeitete als Trainer der Schalker Amateure weiter.

Fichtel blieb dem Verein auch danach erhalten. Er bekam schließlich einen Job als Scout. „Ich war jedes Wochenende unterwegs“, sagt Fichtel, „ich bin überall hingefahren, was man mit dem Auto gut erreichen kann.“ In Belgien und den Niederlanden war er viel unterwegs und hielt nach geeigneten Spielern für den FC Schalke 04 Ausschau. Das machte sich für den Verein bezahlt. Stolz erzählt er: „Spieler wie Marc Wilmots oder Emile Mpenza habe ich mir angeschaut und dem Verein empfohlen“, sagt Fichtel.

Ein Ickerner Bergmann wird Bundesliga-Rekordspieler

Klaus Fichtel (l.) im Gespräch mit seinem Teamkollegen Sven Laumann im Trikot der Schalker Traditionsmannschaft. © Detlef Held

Doch eigentlich ist Bescheidenheit seine Tugend. „Natürlich war ich dafür nicht alleine verantwortlich, die Spieler haben sich auch zwei, drei weitere Scouts angeschaut. Und das letzte Wort hatte sowieso Rudi Assauer“, so Fichtel. Marc Wilmots hatte großen Anteil am Schalker Uefa-Pokal-Sieg im Jahr 1997, Mpenza bildete gemeinsam mit Ebbe Sand ein kongeniales Duo, das Schalke im Jahr 2001 fast bis zur Meisterschaft schoss.

Gartenarbeit statt jeden Tag dem Ball hinterherlaufen

Klaus Fichtel steht vom Esszimmertisch auf und geht raus auf die Terrasse seines Hauses in Waltrop. „Puh, ganz schön warm“, sagt er und blickt auf eines der zwei Thermostate. 36 Grad zeigt es an. „Unter dem Dach ist es natürlich noch etwas wärmer“, so Fichtel und verweist auf das Dach über seiner Terrasse. Er lässt den Blick schweifen über seinen Garten, hin zum Teich. Auch hier ist er des Öfteren beschäftigt und musste zuletzt beispielsweise die Teichpumpe erneuern.

Die Tage sind fest durchgeplant, fast jeden Morgen ist Klaus Fichtel unterwegs. Doch eine Sache wird immer noch fest in den Tagesplan mit eingebaut: Die Schalker Spiele schaue er sich immer noch an, bei den Heimspielen ist er meist im Stadion. Nur bei Abendspielen nicht. „Das wird mir dann zu spät“, sagt Klaus Fichtel. Dann sitzt er lieber im heimischen Wohnzimmer auf der Couch und schaut die Spiele im Fernsehen. Auch 30 Jahre nach dem Karriereende hat er mit dem Fußball und speziell Schalke 04 noch nicht abgeschlossen.

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