Ein Ickerner ist Seelsorger für Obdachlose

In Dortmund

Wer die Rheinische Straße 22 in Dortmund aufsucht, der kann im Hinblick auf sein Leben in aller Regel wohl nur noch einen einzigen Vorteil benennen: Er kann nicht mehr tiefer fallen – weil er nämlich schon ganz unten ist. Dort nimmt sich der Ickerner Daniel Schwarzmann ihrer an.

CASTROP-RAUXEL/DORTMUND

, 25.12.2015, 05:01 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die seit 20 Jahren an diesem Standort ansässige ökumenische Wohnungslosen-Initiative „Gasthaus statt Bank“ ist einer der Hauptarbeitsplätze von Daniel Schwarzmann. Hier bekommt man nicht nur ein Dach über dem Kopf bei Essen und Trinken, hier kann man auch duschen, die Wäsche wechseln oder eine Fußpflege erhalten.

Schwarzmann, 35 Jahre, katholisch sozialisiert in seiner langjährigen Heimatgemeinde St. Barbara Ickern, ASG-Abiturient 2000 und Priester-Weihejahrgang 2009, ist seit anderthalb Jahren Wohnungslosenseelsorger im Dortmunder Norden. 50 Prozent seine Tätigkeit verbringt Schwarzmann seither im direkten Kontakt mit Menschen ohne Wohnung – in Dortmund rund 700 Personen, die anderen 50 Prozent als „regulärer“ Pfarrer an der Gastkirche St. Michael.

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Wobei zu erwähnen ist, dass es sich dabei um eine von sechs katholischen Kirchen handelt, die ebenfalls im Epizentrum des „Problemviertels“ zwischen Bahnhof und Hafen liegt. Schwarzmann also auch dort häufig von seiner Klientel aufgesucht wird und von Volkskirche im klassischen Sinn hier schon lange keine Rede mehr sein kann. Dort hinzugehen, wo es wehtut, um eine Metapher aus der Fußballberichterstattung zu bemühen, hat sich Pastor Schwarzmann selbst ausgesucht. „Ich bin gerne in diese Arbeit gegangen, weil ich eine Berufung verspüre, armen Menschen zu helfen“, nennt er sein Hauptmotiv.

Die unter seinen Amtsbrüdern nicht allzu beliebte Stelle in der Nachfolge seines langjährigen Vorgängers, Obdachlosenseelsorger Alfons Wiegel, anzutreten sei ihm nicht streitig gemacht worden. Wiegel war von Schwarzmann angetan, weil er seine Diplom-Arbeit über sein Sozialpraktikum bei der Dortmunder Tafel gelesen hatte und außerdem wusste, dass Schwarzmann im Rahmen seines Rom-Jahres während der Priesterausbildung bei einem Obdachlosenprojekt mitgeholfen hat.

Außerdem, so fügt Schwarzmann hinzu, habe er nach mehreren Jahren Gemeindeseelsorge eine neue Herausforderung gesucht. „Ich bin auch Priester geworden, weil ich dieses Amt auch als Abenteuer verstehe, zum Beispiel, mitten in die Armut hinein zu ziehen“, unterstreicht Schwarzmann und sieht sich in dieser Hinsicht von seinem höchsten Chef auf Erden, Papst Franziskus, stark unterstützt.

"Ich kann nicht jeden retten"

Den richtigen Ton im Umgang mit „seinen“ Leuten, zumeist Männer, findet Schwarzmann als „Ickerner Junge“ leicht. Auch wenn er häufig deutliche Worte finden muss. So habe er Geldzuwendungen grundsätzlich abgeschafft, weil er zu häufig enttäuscht wurde. Essen, trinken, Schlafsack, Seelsorge – das seien die Dinge, die er anbieten könne, sagt Schwarzmann.

Auf die Frage, inwieweit ihm die ständige Nähe zu Armut und Elend nicht selbst zusetze, zitiert der Priester den Atheisten Friedrich Nietzsche: „Wenn man lange in einen Abgrund schaut, schaut der Abgrund auch in einen“, hat er verinnerlicht. „Ich muss aufpassen. Ich kann nicht jeden retten“, fügt er hinzu. Generell seien Menschen, die nicht aus der Mitte der Gesellschaft kämen, nicht schlechter oder besser als „Normalos“. „Es gibt auch unter den Armen gute und schlechte Menschen“, hat Schwarzmann erfahren.

Auch Heiligabend im Einsatz

Am Heiligen Abend wird er den Gottesdienst um 15 Uhr in St. Michael erstmals gemeinsam mit seiner Gemeinde und den Obdachlosen feiern, die seiner Einladung folgen. „Schließlich ist Jesus Christus auch in einem Stall zur Welt gekommen, da war auch nicht alles vom Feinsten“, wischt er mögliche Bedenken gegen die Unverträglichkeit einer solchen Mischung beiseite. „Die Mitte der Kirche ist da, wo die Armut am größten ist“ , lässt der Geistliche wissen. Anschließend gehe es ab nach Hause.

Doch was heißt nach Hause für einen Obdachlosenseelsorger wie ihn? „Nach Ickern natürlich“, sagt er. Dort wohnen nach wie vor Vater, Mutter und Großmutter. „Heimat bleibt Heimat“, sagt Daniel Schwarzmann. Dieser Feststellung dürfte wohl niemand widersprechen.

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