Das Neubauprojekt „Wohnen an der Emscher“ entzweit die Geister. Traurige Nachbarn müssen Gärten aufgeben. Manche Grundstücke reichen bis 18 Meter an die Stromtrasse heran. Ist das ok?

Habinghorst

, 21.11.2018, 05:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Es ist ein Projekt, das schon mehrmals rauf und runter dekliniert worden ist. Aber jetzt soll das Neubauvorhaben „Wohnen an der Emscher“, das in einem früheren Bauleitplanverfahren „nördlich Heerstraße“ hieß, final umgesetzt werden. Mit Baubeginn im kommenden Jahr. Zum Leidwesen von Anwohnern, die ihre zusätzlich angepachteten Gärten aufgeben müssen. Zum Wohlergehen des Investoren, wie die Grünen schimpfen. Wie sieht es um das Wohlergehen der Käufer dieser Grundstücke aus – so dicht an einer Stromtrasse?

Alle Werte lägen deutlich unter den gesetzlichen Grenzwerten, versichert der Investor. Und die Baufachverwaltung sagt, es sei ein Angebot, das Käufer annehmen können und von der Politik so seit langer Zeit gewollt sei, um den Bedarf besonders an Einfamilienhäusern zu befriedigen. Ein deutlich ökologischer Akzent sollte das Bauvorhaben charakterisieren als ein Vorzeige-Objekt, wie gut man nachhaltig bauen kann. Das war an der Westhofenstraße auf Schwerin bei der Errichtung der Solarsiedlung auf dem ehemaligen Sportplatz prima gelungen. In dieser Woche beschäftigen sich Umweltausschuss und Bauausschuss mit dem Bebauungsplan für das Wohnen an der Emscher, weil der öffentlich ausgelegt werden soll.

Ein Neubaugebiet sorgt bei Anwohnern und Grünen für Ärger

An der Emscher (von links oben nach rechts unten verlaufend) soll auf dem Grünland das Neubaugebiet entstehen. Zu erkennen sind hier auch die Hochspannungsmasten.

Astrid Stoye und Holger Steiner, die an der Heerstraße zu Hause sind, haben im Vorfeld noch einmal die Fraktionschefs angeschrieben und ihre Kritik an dem Neubauvorhaben erneuert, das an ihren Garten grenzt. „Es bricht mir das Herz, der Garten ist meine Leidenschaft“, sagt Astrid Stoye, als unsere Redaktion zu Besuch an der Heerstraße ist – in einem der vor 20 Jahren errichteten vier Doppelhäuser mit acht Parteien, die dort gebaut haben. Allesamt haben die ein Stück Garten zu ihrem Grundstück hinzugepachtet. Längst sind dafür die Kündigungen da. Dass die Emscher in der Nähe ist, davon kündet nur ein minimaler Hauch von Geruch. Und auch der soll ja Geschichte werden, wenn die Emschergenossenschaft hier wie vorgesehen den Bachlauf renaturiert hat. Die Natur ist dort schon lange zu Hause. „Fasane kommen bei uns bis auf die Terrasse“, sagt die 51-Jährige, die als einjähriges Kind mit ihren Eltern nach Castrop-Rauxel gezogen ist. Die Fasane fräßen ihr aus der Hand. 18 Junge seien in diesem Sommer groß geworden.

Auch Meisen, Rotkehlchen, Buntspechte, Fledermäuse, Rebhühner und Rehe, so zählt sie auf, kreuche und fleuche dort. Eine schöne Blutpflaume wird ihr Paradies demnächst begrenzen. Das Gewächshaus haben Stoye und ihr Lebensgefährte schon umgesetzt auf ihr 270 Quadratmeter großes Grundstück. Was sich auf dem angepachteten Terrain von 100 Quadratmetern befindet, muss ja zurückgebaut werden. „Wir sehen zu, was zu retten ist“, sagt Astrid Stoye. Vor 20 Jahren habe es geheißen, sie hätten Vorkaufsrecht auf das Zusatzstück, aber leider sei das nur mündlich gewesen.

Alte Planung war mit weniger Platz ausgekommen

Der Blick wird frei auf ein Prachtexemplar von Baum. Der sei ungefähr 260 Jahre alt, das hätten sie mal hochgerechnet, weil er in einer Höhe von einem Meter einen Umfang von 330 Zentimetern besäße. „Der soll auch weg“, sagt die 51-Jährige. Und fragt: „Kann man da nicht wenigstens drum herum bauen?“ Da lehrten schließlich Bussarde ihre Jungen das Fliegen.

Eine im Jahr 2009 fallengelassene alte Planung, weil damals der Investor ausstieg, weil sich das Projekt für ihn nicht rechnete, sei mit weniger Fläche ausgekommen. Und eben auch ohne Inanspruchnahme der Pachtgrundstücke, erinnert sich Astrid Stoye.

Und dann gibt es natürlich noch die beiden Hochspannungsleitungen, die eine über dem nahen Friedhof mit 110 kV, die andere in noch kleinerer Entfernung mit 220 kV samt Masten. Die stärkere, die laut Amprion nicht aufgerüstet werden soll, wenn das Umspannwerk in Pöppinghausen potenter gemacht wird, ist lediglich durch einen Schutzstreifen von 25 Metern zu den 70 geplanten Wohneinheiten im Neubaugebiet getrennt. Manche Grundstücke ragen allerdings sogar noch sieben Meter in diesen Streifen hinein.

Für die Grünen ist der Plan ein No Go

Für die Castrop-Rauxeler Grünen ist das ein absolutes No Go. Die Vorsitzende des Umweltausschusses, Notburga Henke (Grüne), sagt dazu: „Nach gültigem Landesentwicklungsplan sollen Wohnhäuser mindestens 400 Meter von Hochspannungs-Freileitungen entfernt stehen.“ Etliche Studien mit Blutkrebsfällen bei Kindern legten nah, diesen Abstand auch einzuhalten. Günstiger seien noch 600 Meter. Würde dieser Bebauungsplan tatsächlich Rechtskraft erlangen, hätte man in Castrop-Rauxel eine Siedlungsfläche, die wohlwissentlich entwickelt werde, obwohl der Gesundheitsschutz davon abhalte.

Ein Neubaugebiet sorgt bei Anwohnern und Grünen für Ärger

Alles, was sich hinter der Blutpflaume befindet, muss weg. Da ist der Garten von Astrid Stoye offiziell am 31. Dezember zu Ende. © Schlehenkamp

Bei dem Neubau einer Hochspannungsleitung innerhalb von 400 Metern zur Wohnbebauung würden laut Energieleitungsausbaugesetz die Emissionen als so gravierend betrachtet, dass auf Verlangen auch Erdkabel gezogen werden könnten. Die Emissionen seien schließlich auch vorhanden, wenn zunächst die Leitung stehe und danach gebaut würde. Henke: „Damit ist klar: Der von der Verwaltung favorisierte Schutzstreifen von 25 Metern schützt nicht die Gesundheit von Menschen, sondern den Profit von Investoren.“

Das sagt die Stadt zur Angelegenheit

Der Technische Beigeordnete Heiko Dobrindt sagt dazu im Gespräch mit unserer Redaktion: „Als der Landesentwicklungsplan seinerzeit aufgestellt wurde, gab es die Diskussion über den Abstand von 400 Metern.“ Eine Festlegung sei aber nicht erfolgt, insofern sei das nicht zwingend, sondern abwägbar.

Die neue Verwaltungsvorlage zu dem Neubauprojekt ist mit der Auflistung von notwendigen Untersuchungen auf 100 Seiten auch so keine leichte Lektüre. Aber den Anspruch hat sie ja auch nicht, sondern soll gemäß dem politischen Auftrag, dem gestiegenen Bedarf an Wohnbauflächen nachzukommen, eine verlässliche und rechtssichere Planungsgrundlage bieten. Wie aus den Unterlagen hervorgeht, hat der Investor, das ist die Dreigrund Development aus Herne, ein Gutachten in Auftrag gegeben, um die elektrischen und magnetischen Felder zu messen. Dabei ist herausgekommen, dass die „maßgeblichen Regelwerke vor Ort eingehalten werden, sodass keine erheblichen Auswirkungen auf das Schutzgut Mensch zu erwarten sind“, heißt es wörtlich.

Wie sieht ein Experte die ganze Sache?

Die elektrische und magnetische Strahlung von Stromtrassen kann Auswirkungen auf die Gesundheit haben, wenn die Grenzwerte nicht eingehalten werden. Studien legen einen Zusammenhang zu Erkrankungen nahe. Das Bundesamt für Strahlenschutz recherchiert das Thema seit 2017 in einer auf sechs Jahre angelegten und 18 Millionen Euro teuren Untersuchung.

Und was sagt ein Experte dazu? „Bundesrechtlich gibt es keinen gesetzlich festgelegten Mindestabstand zwischen einer Freileitung und einem Wohngebäude. Die einzigen Kriterien für den Abstand sind die Grenzwerte für elektrische und magnetische Felder gemäß der 26. Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz und die Grenzwerte nach der TA Lärm. Der Mindestabstand im Landesentwicklungsplan bezieht sich vor allem auf neue Leitungen auf neue Trassen. Für bestehende Strommasten ist nach Möglichkeit ein Abstand 400 Metern einzuhalten“, sagt Heinrich Laun, Regionalmanager vom Bürgerdialog Stromnetz – allerdings nicht aus gesundheitlichen Aspekten, sondern um Konfliktpotenziale zwischen Gebäuden und Leitungen zu reduzieren.

Ein Neubaugebiet sorgt bei Anwohnern und Grünen für Ärger

„Es bricht mir das Herz, der Garten ist meine Leidenschaft.“ Astrid Stoye muss einen Teil ihres Gartens abgeben. © Foto: Stoye

Und, zöge Heinrich Laun zur Heerstraße? „Ich bin in der Nähe einer Hochspannung groß geworden“, sagt er. Ob man da baue, sei eine individuelle Sache, die jeder für sich entscheide.

Wie geht es weiter?

Wie geht es nun weiter? Wenn die Politik ihr Ja gibt zum Bebauungsplan, wird er für vier Wochen öffentlich ausgelegt. Dann kann jeder Bürger sich dazu äußern. Die Stadt selbst besitzt dort übrigens auch selbst ein bisschen Fläche, vier Flurstücke genau mit insgesamt 1680 Quadratmeter. Die Grünen haben schon angekündigt, dass sie mit der Gesamtplanung überhaupt nicht einverstanden sind, weil nach ihrer Ansicht viel zu wenig an ökologischen Gesichtspunkten, wie 2016 beschlossen, in die neue Planung eingeflossen seien. „Alles aufgeweicht“, klagt Notburga Henke. Keine Rede mehr sei von einem Blockheizkraftwerk, man hätte 2016 gleich beschließen können, die „Anforderungen an die Bebauung überlassen wir gerne dem Investor“.

Heiko Dobrindt erwidert: „Wir haben viele Gespräche mit Dreigrund geführt, wir haben die Südausrichtung der Dächer, es gibt ein vernünftiges Regenwasserkonzept, wir haben das festgeschrieben, was uns machbar erscheint.“ Vieles regelten ohnehin bestehende Gesetze zum ökologischen Bauen (EnEV), ergänzt Britta Höber vom Planungsamt dazu.

Für Astrid Stoye und Holger Steiner steht fest, dass sie weiter kämpfen wollen für ihr Paradies hinter ihrem Haus. „Aber vielleicht ziehen wir auch weg“, sagt sie. Es tue halt weh.

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