Die Kinder treffen die Mentorin, hier Petra Neveling, inzwischen digital via Zoom-Videokonferenz auf der Leseplattform Onilo. Dann können sie gemeinsam lesen. © Tobias Weckenbrock
Mentoren-Programm

Ende der Pandemie-Pause: Lese-Lern-Hilfe für Kinder geht digital weiter

Lesen, spielen, Vertrauen aufbauen, Mut zusprechen: Was der Verein Mentor leistet, ist in der Pandemie noch wichtiger geworden. Doch die Hürden wurden höher. Nun hat man sie übersprungen.

Die Situation hat sich durch die Corona-Pandemie verschärft: Jedes fünfte Kind, das die Grundschule verlässt, kann in Deutschland noch nicht richtig lesen. Das war vor Corona, mit dem Schulausfälle und Distanzunterricht kamen. Der Verein „Mentor“ mit seinen Leselernhelfer kam schon vor dem Coronavirus nach Castrop-Rauxel, um benachteiligten Kindern mit Lesestunden zu helfen. Und dann machten die Kontaktbeschränkungen auch das wieder unmöglich.

Mentor e.V., ein Verein aus Dortmund, lässt sich davon nicht entmutigen. Gemeinsam arbeitete man monatelang daran, die Stunden zu digitalisieren: Tablets anzuschaffen, die leihweise an Familien gehen, und die Ehrenamtlichen zu schulen. Genutzt wird vor allem die Leseplattform Onilo. „Dort finden sich zahlreiche wunderschön animierte Geschichten und passend dazu Rätsel und Bastelmaterial“, sagt der Vorstand Bernd Hosemann. Und zwischen den Lesestunden haben die Kinder die Möglichkeit, die auf den Tablets installierten Lese-Apps zu erkunden.

Bernd Hosemann baute das Mentor-Projekt in Dortmund mit auf und brachte es später auch nach Castrop-Rauxel.
Bernd Hosemann baute das Mentor-Projekt in Dortmund mit auf und brachte es später auch nach Castrop-Rauxel. © digital © digital

Vor allem sind das Kinder, die diese Lesestunden einmal die Woche besonders brauchen. Elf Mentoren, also ehrenamtlich arbeitende Lesepaten, gibt es in der Stadt. Kinder von vier Schulen, drei Grundschulen und eine Förderschule, betreuen sie bisher regelmäßig. Das bedeutete vor der Pandemie: Sie treffen sie einmal pro Woche für eine Stunde, in der sie mit den Kindern lesen oder sprechen oder spielen können. Immer mit dem Plan, spielerisch den Umgang mit dem Lesen und der Sprache zu fördern.

Petra Neveling hilft bei der Digitalisierung

Die Treffen mussten zunächst ausfallen. Dann aber konnten immerhin fünf Kontakte aufs Digitale verlegt werden. Petra Neveling ist Mentorin und Koordinatorin und ergriff die Initiative: Sie coachte vier andere Mentoren im Umgang mit der Technik. Die Kinder bekamen Tablets leihweise gestellt, die kindersicher sind und deren Nutzung beschränkt ist. Mit diesen Tablets bauen die Kinder eine passwortgeschützte Zoom-Videokonferenz zum heimischen PC des Mentors auf.

Die Kinder treffen die Mentorin, hier Petra Neveling, inzwischen digital. Dann können sie gemeinsam lesen.
Die Kinder treffen die Mentorin, hier Petra Neveling, inzwischen digital. Dann können sie gemeinsam lesen. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

„Mit dem Pilotprojekt haben wir alle nicht nur erste Erfahrungen mit digitalen Lesestunden machen dürfen“, sagt der stellvertretender Vereinsvorsitzende Bernd Hosemann. „Vielmehr wurde auch ein bleibender Kontakt zu den Lesekindern hergestellt.“ Gerade für die Kinder seien die gemeinsamen Stunden ein wertvoller Beitrag, die durch die Corona-Epidemie verursachten Lern-Rückstände zumindest etwas zu kompensieren.

Man wolle diese Form der Lesestunden weiter ausbauen, um in Zukunft flexibler zu werden. Kinder sollen einen besseren Zugang zum Lesen erhalten, zumal Kinder vorwiegend mit digitalen Texten aufwachsen. Die Auswahl der Kinder (6 bis 11 Jahre) treffen die Lehrer in der Schule. So wie Angela Goldbach, Leitern der Wilhelmschule in Dorf Rauxel: „Mit Begeisterung war ich dabei, als das Projekt in Castrop-Rauxel startete“, sagt sie heute. „Das habe ich nie bereut. Einfach toll, dass das Projekt auch digital weiter geht!“

Der Verein Mentor startete seine Lesepaten-Initiative vor zwei Jahren in Castrop-Rauxel (sitzend v.l.): Schatzmeisterin Notburga Tielke-Hosemann, der stellvertretende Vorsitzende Bernd Hosemann und der Vorsitzende Helmut Jüngst, hier mit VHS-Leiterin Melanie Heine und Sozialdezernentin Regina Kleff.
Der Verein Mentor startete seine Lesepaten-Initiative vor zwei Jahren in Castrop-Rauxel (sitzend v.l.): Schatzmeisterin Notburga Tielke-Hosemann, der stellvertretende Vorsitzende Bernd Hosemann und der Vorsitzende Helmut Jüngst, hier mit VHS-Leiterin Melanie Heine und Sozialdezernentin Regina Kleff. © Tobias Weckenbrock (A) © Tobias Weckenbrock (A)

Nicht nur, dass die Kinder ihrer Schule viel Freude an den Lesestunden hätten. „Nebenbei verbessern sich auf Dauer auch noch die Leseleistungen“, so Goldbach. Auch in anderen schulischen Bereichen seien Erfolge zu verzeichnen. Sie verbindet das mit einem Aufruf: „Toll wäre, wenn sich noch mehr Menschen melden würden, die Lust hätten, Lese-Mentorin zu werden.“ Nur dann kommen weitere Kinder in den Genuss dieser Förderung.

So kann man sich ehrenamtlich engagieren

Wer sich vorstellen kann, einem Kind bei seinen Leseproblemen über das Internet zu helfen, kann sich melden. Man wird in einer digitalen Schulung auf seine Aufgabe vorbereitet. Unter kontakt@mentor-dortmund.de oder Tel. 0162-8794895 kann man mehr erfahren. Coach und Lesepatin Petra Neveling sagt: „Ich habe mit jeder Mentorin, die es wollte, vorab eine digitale Lesestunde geübt und alle Fragen geklärt. Schon bei dieser Vorbereitung hatten wir regelmäßig viel Spaß.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock