Die Partnerschaft zwischen Wakefield und Castrop-Rauxel besteht nur noch auf dem Papier. Brexit vor Ort? Eine Bestandsaufnahme der deutsch-englischen Beziehungen kurz vor dem 70-Jährigen.

von Dieter Düwel

Castrop-Rauxel

, 15.01.2019, 16:49 Uhr / Lesedauer: 4 min

Wie auch immer der Brexit ausfallen mag, ob hart oder weich - 2019 wird das Jahr, in dem sich Großbritannien politisch von Europa verabschieden wird. Auf lokaler Ebene scheint dieser Abschied schon seit Jahren schleichend zu erfolgen. Die Städtepartnerschaft zwischen Wakefield und Castrop-Rauxel besteht nur noch auf dem Papier.

Die Beauftragte für Städtepartnerschaften bei der Stadt ist Edith Delord. Im Zuge der Brexit-Entwicklungen wollte unsere Redaktion wissen, wie es um den Austausch zwischen der nordenglischen Stadt mit ihren rund 77.000 Einwohnern und unserer „Europastadt im Grünen“ steht. Delord sagt: „Trotz der Bemühungen der Stadt Castrop-Rauxel ist in den letzten Jahren kein Lebenszeichen aus Wakefield gekommen.“

Lange Freundschaft zwischen Krekeler und Peaker

Wakefield, eine mittelgroße Stadt im Norden, am Fuße des Gebirgszuges Pennines in der Grafschaft West Yorkshire gelegen, knapp 20 Kilometer von der Großstadt Leeds entfernt: Den letzten intensiven Kontakt zwischen den beiden Partnerstädten gab es nur noch auf privater Ebene zwischen dem früheren Ratsmitglied Karl-Josef Krekeler und dem ehemaligen Wakefielder Ratsherrn Colin Peaker. Beide pflegten über Jahrzehnte enge freundschaftliche Beziehungen.

Krekeler bezeichnete im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten vor einigen Jahren einmal Colin Peaker als „überzeugten Europäer“, der erstmalig am 1. Oktober 1966 nach Castrop-Rauxel gekommen war. Es folgten 48 weitere Besuche - zuletzt im September 2016, als er sich im Gespräch mit Bürgermeister Rajko Kravanja schon enttäuscht von der „städtepartnerschaftlichen Tatenlosigkeit“ seitens des Rats und der Stadt Wakefield zeigte.

Dieses Bild entstand im Jahr 2013: Norman Hazell (ehem. Bürgermeister von Wakefield, v.l.), Keith Rhodes (Ratsmitglied in Wakefield), Karl Josef Krekeler (ehemaliger Ratsherr in Castrop-Rauxel), Colin Peaker (ehemaliger Ratsherr in Wakefield), Denise Jeffery, Betty Rhodes (beide Ratsmitglied in Wakefield) vor dem Castrop-Rauxeler Stadtwappen in der Partnerstadt Wakefield.

Dieses Bild entstand im Jahr 2013: Norman Hazell (ehem. Bürgermeister von Wakefield, v.l.), Keith Rhodes (Ratsmitglied in Wakefield), Karl Josef Krekeler (ehemaliger Ratsherr in Castrop-Rauxel), Colin Peaker (ehemaliger Ratsherr in Wakefield), Denise Jeffery, Betty Rhodes (beide Ratsmitglied in Wakefield) vor dem Castrop-Rauxeler Stadtwappen in der Partnerstadt Wakefield.

Jetzt ist Colin Peaker nicht mehr da: Er war vielen Castrop-Rauxelern insbesondere durch den Jugendaustausch zwischen den Partnerstädten bekannt, starb aber im August des vergangenen Jahres. Edith Delord und Karl-Josef Krekeler sind sich einig in ihrer Einschätzung: Peakers Tod könnte endgültig das Ende einer Ära intensiver Beziehungen zwischen der Europastadt und Wakefield bedeuten.

Es war eine der ersten Partnerschaften in ganz Deutschland

Sowohl Krekeler als auch Edith Delord bedauern diese Entwicklung zutiefst. Schließlich war die Partnerschaft dieser beiden Städte eine der ersten in ganz Deutschland. Als sie im Jahre 1949 auf Betreiben des damaligen Youth Officers der britischen Militärregierung in Arnsberg ins Leben gerufen wurde, war das Ziel, zwischen Städten des Regierungsbezirks Arnsberg und Kommunen des Bezirks West Riding of Yorkshire Verbindungen herzustellen, aus denen sich Partnerschaften entwickeln sollten. Edith Delord sagt: „Dieser Beschluss war Teil einer nationalen Initiative der Briten nach dem Zweiten Weltkrieg, eine bessere Verständigung unter den Völkern Europas herzustellen und Vorurteile abzubauen, vor allem durch den intensiven Austausch von Jugendgruppen.“

Im Überblick

Castrop-Rauxels Städtepartnerschaften

  • Wakefield in England (seit 1949)
  • Vincennes in Frankreich (seit 1961)
  • Kuopio in Finnland (seit 1965)
  • Zehdenick in Brandenburg (seit 1990)
  • Nowa Ruda in Polen (seit 1991)
  • Trikala in Griechenland (seit 2013)
  • Zonguldak in der Türkei (seit 2013)
  • Delft in den Niederlanden (1950 bis 2000)

Diese Zeit liegt lange zurück. Und die generelle Stimmung hat sich rapide verändert. Edith Delord meint: „Die Haltung der Engländer in den letzten Jahren ist, sich immer mehr von Kontinentaleuropa zu entfernen.“

Karl-Josef Krekeler betont die intensiven Aktivitäten der Partnerschaft in den 1980er- und 1990er-Jahren: „Wakefield und Castrop-Rauxel wiesen damals durch den Kohlebergbau vergleichbare wirtschaftliche Strukturen auf.“ Zu den traditionellen Partnerschaftsbeziehungen zählten die Treffen von Jugendgruppen und Schülern, Begegnungen des Jugendmusikrings Castrop-Rauxel und die jährlichen Studienreisen der Bergbauangehörigen. Bei seinem letzten Besuch in Castrop-Rauxel 2016 erinnerte sich Colin Peaker: „25 Vertreter jeder Stadt waren früher bei den gegenseitigen Besuchen dabei. Später war es nur noch die Hälfte, bevor die Besuche einschliefen.“

Letzter offizieller Austausch war im Jahr 2000

Im Jahr 2000 fand der letzte offizielle Austausch statt. Zur „Europa-Woche“ im Oktober 2013 anlässlich der Ereignisse „50 Jahre Europastadt Castrop-Rauxel“ und „50 Jahre Deutsch-Französische Freundschaft“ sowie der Begründung der Städtepartnerschaft mit Trikala (Griechenland) und Zonguldak (Türkei) schickten alle Partnerstädte ihre Vertreter - eine Reaktion aus Wakefield gab es damals schon nicht.

Dieses Bild zeigt nicht nur ein Wahrzeichen im Umland von Wakefield, sondern auch den Zustand der Partnerschaft: brüchig...

Dieses Bild zeigt nicht nur ein Wahrzeichen im Umland von Wakefield, sondern auch den Zustand der Partnerschaft: brüchig...

Mark Tolson vom Wakefield Metropolitan District Council bestätigt gegenüber unserer Redaktion diese Entwicklung, ohne allerdings Gründe für das nachlassende Engagement seitens der Engländer zu nennen. Vielmehr äußerte er die Hoffnung, „dass der Brexit die Freundschaft zwischen den beiden Partnerstädten und auch zwischen den beiden Nationen nicht beeinflussen wird“.

Aber es sieht nicht danach aus, als gäbe es kein großes Interesse in England. Anfragen unserer Redaktion nach Stellungnahmen des Ratsvorsitzenden Peter Box und des amtierenden Bürgermeisters Stuart Heptinstall blieben unbeantwortet. Karl-Josef Krekeler, der der Amtseinführung des neuen Bürgermeisters im Juni 2018 beiwohnte, schätzt ihre Haltungen so ein: „Peter Box ist ein starker Verfechter des EU-Austritts der Briten. Von ihm sind neue Initiativen im Rahmen der Städtepartnerschaften nicht zu erwarten. Und der neue Bürgermeister war schon oft im Ruhrgebiet und auch in Castrop-Rauxel. Er hat aber lediglich repräsentative Aufgaben und daher kaum Einfluss auf politische Entscheidungen.“

Wakefield stimmte zu zwei Dritteln für den Brexit

Die generelle Euroskepsis in Wakefield spiegelte sich auch im Referendum über den EU-Austritt der Briten im Juni 2016 wieder. Während auf nationaler Ebene das Ergebnis mit einem Stimmenverhältnis von 51,9 für den EU-Austritt recht knapp ausfiel, sprach sich im District of Wakefield eine deutliche Mehrheit von 66,3 Prozent für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union aus. Pikant: Die Abgeordnete für Wakefield im britischen Unterhaus setzt sich für ein erneutes Referendum über den britischen EU-Austritt ein. Helen Creagh, die die Partnerstadt seit 2005 im Parlament vertritt, erklärte neulich deutlich: „Die blue passports (neue britische Pässe, d. Red.) sind es nicht wert, dass unsere Wirtschaft zusammenbricht.“ Kein Wunder, dass ihr diese Haltung großen Ärger im heimischen Wahlbezirk einbrachte.

Colin Peaker im Kreis einer Castrop-Rauxeler Delegation im Jahr 2013.

Colin Peaker im Kreis einer Castrop-Rauxeler Delegation im Jahr 2013. © Stadt Castrop-Rauxel

Der gegenwärtige Stand der Beziehungen zu den übrigen Partnerstädten Castrop-Rauxels ist durchaus zufriedenstellend. Das ist zumindest die Auffassung von Edith Delord. Sie stellt in diesem Zusammenhang die große Bedeutung der Partnerschaften für die Stadt heraus: „Bisher haben sich alle Bürgermeister, die ich erlebt habe, sehr stark für den Zusammenhalt Europas und die Verständigung unter den europäischen Völkern eingesetzt. Dabei ist der Kontakt auf lokaler Ebene von großer Bedeutung.“ Vor allem die im Jahre 2013 neu geknüpften Kontakte mit der griechischen Stadt Trikala und dem türkischen Zonguldak entwickeln sich positiv. „Es gibt Kontakte zwischen den beiden Castroper Krankenhäusern und dem Universitätskrankenhaus in Zonguldak“, so Edith Delord beispielhaft.

Weiterhin das engste Verhältnis besteht zwischen Castrop-Rauxel und der französischen Partnerstadt Vincennes. Seit 1961 halten die Begegnungen, unter anderem der der Chöre und Fechter, die die Partnerschaft am Leben halten. Zudem besteht ein sehr reger Schüleraustausch.

Mit Delft beendete man die Partnerschaft im Jahr 2000 offiziell

Auch zur holländischen Partnerstadt Delft gab es in den Jahren zwischen 1950 und 2000 sehr enge Kontakte. Als sich die Niederländer um die Jahrtausendwende entschlossen, stärker projektorientiert mit Entwicklungsländern zusammenzuarbeiten, erfolgte das offizielle Ende der Partnerschaft. Edith Delord sagt: „Wir hatten natürlich Verständnis für diese Entscheidung und haben uns in aller Freundschaft getrennt.“ Der Korfball, der aus dieser Partnerschaft nach Castrop-Rauxel importiert wurde, hat bis heute lebendigen Bestand.

Demgegenüber erscheinen die Aussichten auf eine Belebung der Städtepartnerschaft zwischen Castrop-Rauxel und Wakefield düster. Trotzdem gibt Edith Delord die Hoffnung nicht auf: „Vielleicht tut sich ja anlässlich des 70. Geburtstag der Städtepartnerschaft im Jahr 2019 etwas.“

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