Jörg (r.) und Karsten Schlösser setzen sich in Castrop-Rauxel für einen offenen Umgang mit Homosexualität ein. © Freddy Schneider
Gesellschaft

Entertainer Schlösser über Homophobie: „Das macht uns nachdenklich“

Entertainer Jörg Schlösser wurde erst kürzlich wieder übel homophob beschimpft. Er spricht über Fort- und Rückschritte. Und darüber, wann er und sein Mann Deutschland wohl verlassen würden.

Das Ganze ist rund drei Wochen her. Jörg Schlösser holte seinen Mann Karsten von der Arbeit ab, die beiden waren erst ein paar Schritte gegangen, da schallte es laut über die Straße: „Menschen wie ihr, die sollten vergast werden.“ So schildert es Jörg Schlösser, führender Part der Künstler-Gruppe „Die Terrortucken“.

Homophobe und geschichtsvergessene Schmähungen wie jene, sagt er, „machen natürlich nachdenklich“. Der Castrop-Rauxeler, der sich seit Jahren gegen die Diskriminierung von Homosexuellen einsetzt, spricht ruhig und klar, das gesamte Telefonat über. „Man hat gelernt, damit zu leben“, meint Schlösser.

Auf politischer Ebene diagnostiziert der Entertainer längst eine ungute Tendenz. „Mein Mann und ich“, sagt er, „überlegen schon, wie es denn wäre, wenn mal diese blaue Partei (er meint die AfD, Anm. der Red.) in Deutschland regieren würde.“ Deutschland als Heimatland und Wohnort, zu diesem Schluss seien sie gekommen, scheide in diesem Fall wohl aus.

„Allerdings wäre die nächste Frage dann: Wohin sollte man denn dann gehen?“, sagt Schlösser und bemerkt: „In so einigen Ländern – nicht nur in Osteuropa – verschiebt sich die politische Lage mehr und mehr.“ Zu Ungunsten der Minderheiten. Zu Ungunsten von Homosexuellen wie Jörg und Karsten Schlösser.

Viel Staunen, als die Rocker kamen

Dabei, das sagt Jörg Schlösser nachfolgend, sei nun wirklich nicht alles schlecht, eher im Gegenteil. „Sehr viel hat sich mit den Jahren doch schon in die richtig Richtung entwickelt. Die gleichgeschlechtliche Ehe ist möglich und wird größtenteils akzeptiert; homosexuelle Paare können sich normal im Stadtbild zeigen und ihre Meinung vertreten.“

Zudem lernten viele Heranwachsenden, dass es doch völlig normal sei, einen Menschen gleichen Geschlechts zu lieben. Und ab und an komme Solidarität aus Ecken, „die man zuvor gar nicht auf dem Zettel hatte.“ So passiert bei einer der vergangenen AIDS-Galas, die Schlösser für Lesben und Schwule organisiert. 20 davon hat es mittlerweile gegeben.

„Ein großes, buntes Fest“, schwärmt Schlösser, auf dem 2019 plötzlich einige Rocker zu sehen gewesen seien. Konkret: die „Freeway Rider‘s“ aus Essen. „Rund 60 Leute davon waren da. Und zuerst, das hat man direkt gemerkt, wurden sie komisch, ja skeptisch angeschaut. Am Ende haben dann alle miteinander gefeiert“, erzählt Schlösser.

In diesem Jahr, wenn die AIDS-Gala im November zum 21. Mal über die Bühne gehen soll, haben sich die Essener „Freeway Rider‘s“ erneut angekündigt. „Wir wollen uns unterstützen, wollen eine Gemeinschaft sein“, sagt Schlösser. Und: „Das freut mich sehr.“ Es könne nur gut sein, wenn sich verschiedene Gruppe kennenlernten.

„Das beste Mittel ist Ignoranz“

„Der Kampf gegen Homophobie“, so sagt er, sei jedenfalls „längst noch nicht vorbei. Es gibt weiterhin sehr viel zu tun.“ Das illustriert die Schmäh-Episode zu Beginn nur zur Genüge. „Ich bin jetzt 54 Jahre alt“, sagt der Castrop-Rauxeler Schlösser. Natürlich machten derlei homophobe Ausfälle kurz Eindruck.

Das beste Mittel dagegen indes sei „die Ignoranz. Solche Leute einfach zu ignorieren, sie einfach stehen zu lassen, ist am klügsten.“ Und so ließen Karsten und Jörg Schlösser den krakeelenden, homophoben Passanten vor drei Wochen einfach auf der Straße stehen. „Irgendwann prallen solche Beschimpfungen an einem ab.“

Die Zeiten früher seien schließlich deutlich, deutlich härter gewesen. „Da war es besser“, sagt Schlösser, „man unterließ es völlig, sich in der Öffentlichkeit die Hand zu halten.“

Über den Autor
Volontär
Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
Zur Autorenseite
Leon Elspaß

Corona-Newsletter

Alle wichtigen Informationen, die Sie zum Leben in der Corona-Pandemie benötigen, sammeln wir für Sie im kostenlosen Corona-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.