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Frauendienst kämpft weiter für seine Rechte

Anerkanntes Gewaltopfer

Seit Jahren kämpft Thomas Frauendienst aus Castrop-Rauxel um die Anerkennung als Gewaltopfer. Obwohl er mittlerweile eine Entschuldigung von der evangelischen Kirche erhalten hat, möchte er noch weiter gehen: Er will die Männer ausfindig machen, die sich an ihm vergangen haben - und beschuldigt dabei auch einen Arzt mit Bundesverdienstkreuz.

CASTROP-RAUXEL

, 06.08.2017 / Lesedauer: 4 min
Frauendienst kämpft weiter für seine Rechte

Thomas Frauendienst will demnächst ein neues Buch veröffentlichen, in dem es um massive Missbrauchsvorwürfe gegenüber einer Klinik in Volmarstein geht. Einen Vorgeschmack aus dem Buch "Unerwünscht gebohren, um zu sterben - und doch überlebt"

Die Geschichte von Thomas Frauendienst ist vielen Menschen in Castrop-Rauxel bekannt. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht oder sich mit seiner offensichtlichen Behinderung versteckt. Dabei trifft er auf viel Zustimmung und Unterstützung, aber auch auf Unverständnis und Kopfschütteln. Doch Frauendienst macht unerschütterlich weiter dabei, sein Schicksal aufzuklären und damit zugleich etwas für alle Behinderten zu erreichen.

Frauendienst erlebt schwierige Kindheit in Volmarsteiner Heim

Thomas Frauendienst war in der „Hölle von Volmarstein“, wurde einen Tag nach seiner Geburt am 24. März 1964 in das dortige Johanna-Helenen-Heim abgeschoben, ein Heim für Menschen mit körperlichen Behinderungen. Er weiß, dass ihn seine Mutter wegen missgebildeter Füße bis zu seinem vierten Lebensjahr in die Hände der Volmarsteiner Einrichtung bei Hagen gegeben hatte.

Mit umgedrehten Füßen war Frauendienst im Diakonissenhaus an der Pferdebachstraße in Witten zur Welt gekommen. Ein Contergan-Kind? Für ihn selbst ist das keine Frage, aber beweisen kann er es bisher nicht. Die erschreckend harte und offen gewalttätige Behandlung, die Jungen und Mädchen in den 60er-Jahren in dem Heim in Volmarstein erdulden mussten, ist seit einigen Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Forschung.

Anerkennung der Missbrauchsopfer durch Evangelische Kirche läuft schleppend

„Es war eine prekäre Zeit damals, die wir als erste Einrichtung der Körperbehinderten-Hilfe haben wissenschaftlich aufarbeiten lassen. Ich habe keine Zweifel, dass er tatsächlich Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist“, sagt Pfarrer Jürgen Dittrich, Vorstandssprecher der heutigen Evangelischen Stiftung Volmarstein.

Auf eine offizielle Anerkennung und Opferentschädigung musste Thomas Frauendienst trotzdem lange warten. Im Herbst 2014 nahm eine Beschwerdekommission der Evangelischen Landeskirche den Antrag von Frauendienst an und bestätigte ihm, dass er Opfer sexueller Gewalt war.

„Man hat sich nun aufrichtig bei mir entschuldigt und mich ohne Wenn und Aber als Missbrauchs-Opfer anerkannt“, erklärte Frauendienst damals. Zur Entschuldigung erhielt er später auch noch eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 5000 Euro vom Landeskirchenamt in Bielefeld.

Neue Opfer-Stiftung bezahlt Frauendienst nicht die volle Entschädigung

Im Jahr 2015 hörte Frauendienst, dass auch der Bund eine Opferentschädigung plane für Menschen, denen während der Körperbehindertenhilfe Leid zugefügt worden ist. Im Juni 2016 wurde in Berlin beschlossen, dass Behinderte, die in staatlichen oder kirchlichen Einrichtungen Opfer von Gewalt, Misshandlung oder Missbrauch geworden sind, einmalig und symbolisch 9000 Euro aus dem Kapital einer neuen Stiftung bekommen sollten.

Die „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ wurde zum 1. Januar 2017 installiert. Ihr Stiftungszweck trifft auf Frauendienst natürlich zu, sodass er Anfang 2017 mithilfe des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe einen Antrag einreichte, um in den Genuss des Geldes zu kommen.

Da er aber bereits von der Evangelischen Kirche 5000 Euro bekommen hatte und dieses Geld angerechnet wird, erhielt Frauendienst nach viel Hin und Her im April 2017 aus dem Stiftungstopf nur noch 4000 Euro. „Das ist schon in Ordnung, aber ich habe in der Zeit sehr gelitten, denn ich musste für den Antrag noch einmal meine gesamte Geschichte ausbreiten, und das tut einfach immer wieder weh“, so Frauendienst.

Suche nach Tätern geht trotz Entschädigung weiter 

Seine Mission ist damit aber noch nicht zu Ende. Zwar ist sein erlittenes Leid nun kirchlich wie staatlich anerkannt, aber trotzdem bleiben für Frauendienst immer noch offene Fragen, die er klären möchte. Einerseits betrifft das die Ärzte, die in Volmarstein für seine Pein verantwortlich waren.

Chefarzt dort war Alfred Katthagen, dessen unseliges Wirken letztlich bis heute nicht aufgeklärt ist. „Der hat sogar ein Bundesverdienstkreuz für seine Tätigkeit in Volmarstein bekommen, das ist doch unglaublich“, so Frauendienst. Dagegen will er vorgehen, schreckt nicht vor Auseinandersetzungen mit Katthagens Kindern und dem Gang ins Bundespräsidialamt zurück. „Ich werde dem Herrn Steinmeier demnächst den Fall ganz detailliert schildern und fordern, dass das Bundesverdienstkreuz aberkannt wird.“

Wichtige Patientenakte der Mutter bleibt verschollen 

Außerdem steht noch die Klärung seiner Geburtsgeschichte auf seiner To-do-Liste. „Das Evangelische Krankenhaus in Witten will mir bis heute keinen Einblick in die Patientenakte meiner Mutter gewähren, obwohl meine Mutter das Krankenhaus von der Schweigepflicht entbunden hat“, so Frauendienst.

Die Verwaltungsdirektorin der Klinik erklärte mit Schreiben vom 27. April gegenüber dem Anwalt, den Frauendienst eingeschaltet hat: „Wie wir Ihrem Mandanten in der Vergangenheit bereits mehrfach mitgeteilt hatten, können wir ihm die gewünschte Mutterakte nicht mehr zur Verfügung stellen, da die Archivierung von Patientenakten in unserer Einrichtung maximal 30 Jahre lang erfolgt.“

Frauendienst will nicht aufgeben

Das aber stimmt laut Frauendienst nicht, denn noch im April 2016 habe man ihm im Krankenhaus-Archiv bestätigt, dass die Akte noch vorliege. Die Patientenakte will Frauendienst nicht zum Vergnügen haben, „das ist überlebenswichtig für mich“, betont er. Denn seine Ärzte in der Humangenetischen Abteilung der Uniklinik Essen, wo er sich wegen seiner etwa 20 unterschiedlichen Erkrankungen in Behandlung befindet, benötigen alle Hinweise, die Rückschlüsse auf seine Krankengeschichte ermöglichen.

Über seine Geburt aber hat er keinerlei Erkenntnisse. Und genau die will er nun einklagen und versteht nicht, warum sich die Wittener Klinik querstellt. Frauendienst will aber nicht aufgeben: „Ich kämpfe jetzt seit 14 Jahren für mein Recht und das Recht anderer Behinderter, da werde ich jetzt bestimmt nicht aufgeben.“ Das hört sich nach einer Kampfansage an.

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