Friedhöfe sind für viele ältere Menschen ein beliebter Treffpunkt. © Patricia Böcking
Gesellschaft

Friedhof als Treffpunkt für Alleinstehende: „Einsamkeit treibt uns raus“

Einsamkeit betrifft in Zeiten der Pandemie jede Generation. Besonders hart trifft sie verwitwete Menschen. Sie treffen sich an einem Ort, der sie alle verbindet: auf einem Friedhof.

Friedhof: Das ist der Ort, an dem die Toten liegen, ein Ort, an dem man mal für sich allein sein kann. Wer nach Gesellschaft sucht, würde wohl kaum auf den Friedhof gehen, denn hier bekommt man ja höchstens die Gesellschaft von Toten – oder? Für Gertrud (83) aus dem Castrop-Rauxeler Ortsteil Henrichenburg ist das anders. An einem Ort, an dem viele Menschen Einsamkeit suchen, will sie eben diese bekämpfen.

Jeden Mittag trifft sie sich mit ihrer Freundin Ellen auf dem Henrichenburger Friedhof. Sie setzen sich auf eine Bank und erzählen sich gegenseitig von ihrem Tag, von ihrem Leben. Danach gehen sie meistens noch zwei Stunden am Kanal spazieren.

Und das schon seit zwei Jahren: seitdem Gertruds Ehemann gestorben ist. Kennengelernt haben sich Ellen und Gertrud eben dort: auf dem Friedhof. Denn beide pflegen hier jeweils das Grab ihres verstorbenen Ehemanns.

Gertrud und Ellen treffen sich regelmäßig auf einer Bank auf dem Friedhof in Henrichenburg, um sich über ihr Leben auszutauschen.
Gertrud und Ellen treffen sich regelmäßig auf einer Bank auf dem Friedhof in Henrichenburg, um sich über ihr Leben auszutauschen. © Patricia Böcking © Patricia Böcking

Viele Witwen treffen sich auf dem Friedhof

Der Friedhof verbindet – und zwar nicht nur Gertrud und Ellen, sondern auch viele andere Witwen. Sieben bis acht ältere Frauen sind es, die regelmäßig auf den Friedhof in Henrichenburg gehen, um Gleichgesinnte zu treffen, erzählt Gertrud.

„Die Witwen sind alle einsam und suchen Kontakt, genau wie wir“, erklärt sie. „Der Friedhof ist die einzige Möglichkeit, jemanden kennenzulernen.“ Am Dienstagvormittag treffen wir aber nur die beiden an: Sie sind als einzige immer hier.

Einsamkeit ist durch Corona schlimmer geworden

Die Corona-Pandemie hat die Einsamkeit für die beiden Witwen noch verschlimmert. Gertrud war vor der Pandemie Teil der Frauengemeinschaft in Henrichenburg. Daneben besuchte sie zweimal die Woche die Müttermesse und machte Wassergymnastik. „Davor hatte ich jeden Tag etwas zu tun, jetzt ist gar nichts mehr los“, erzählt sie. Das einzige, was ihr noch bleibt, ist das Radfahren: Das ist auch in der Pandemie noch erlaubt.

Die Enkelkinder sieht Gertrud seit der Pandemie seltener. „Es ist nicht mehr so wie früher, dass man die Enkelkinder in den Arm nehmen kann“, sagt sie. Auch zu den anderen Frauen auf dem Friedhof hält sie Abstand und trägt bei Bedarf eine Maske.

Männer treffen sich weniger auf dem Friedhof

Warum aber treffen sich nur Frauen auf dem Friedhof in Henrichenburg? „Männer haben es schwieriger, weil sie sich weniger zusammensetzen“, meint Gertrud. Dabei gibt es auf dem Friedhof auch Männer, die ihre Frauen an den Tod verloren haben.

So einsam sieht der Friedhof in Henrichenburg am Dienstagnachmittag (20.4.) aus. Hier treffen sich aber regelmäßig Witwen, um nicht einsam sein zu müssen. Aufs Foto möchten zwei von ihnen, mit denen wir sprechen können, nicht.
So einsam sieht der Friedhof in Henrichenburg am Dienstagnachmittag (20.4.) aus. Hier treffen sich aber regelmäßig Witwen, um nicht einsam sein zu müssen. Aufs Foto möchten zwei von ihnen, mit denen wir sprechen können, nicht. © Patricia Böcking © Patricia Böcking

Ein 87-jähriger Witwer, der nicht namentlich genannt werden möchte, kümmert sich um das Grab seiner Frau und seiner Familie. Zweimal pro Woche. Bekanntschaften hat er dort aber noch nicht gemacht. Durch die Pandemie hat er Kontakt zu vielen Bekannten gar verloren. „Man trifft sich nicht mehr und ruft nur ab und zu mal an“, erzählt er.

Die Corona-Pandemie kam für den Witwer zum miesesten Zeitpunkt: Seine Frau starb vor einem Jahr, zwei Wochen vor dem ersten Lockdown. „Ich konnte nirgendwo hingehen“, erzählt er. Darüber hinweggeholfen habe ihm eine ukrainische Pflegerin, die sich zuvor um seine Frau gekümmert hatte. „Sie war mir in der Corona-Zeit eine große Hilfe“, sagt er.

Ganz einsam ist er aber nicht: Seine Töchter wohnen im Haus nebenan, sein Enkel hat ein Studierzimmer im Haus. „Das ist die Unterhaltung, die man hat.“

Einsamkeit treibt Witwen nach draußen

Gertrud und Ellen haben dieses Glück nicht. Sie können ihre Enkel nicht oft sehen. Ohne die Treffen am Friedhof: Gertrud wäre einsam. „Wenn wir das nicht hätten, wären wir zu Hause“, sagt sie. „Die Einsamkeit treibt uns raus.“ Den ganzen Tag zu Hause sitzen: Das steht für Gertrud außer Frage. „Man darf sich nicht zurückziehen und einsam werden“, meint sie. „Wir sind froh, dass wir uns haben.“

Wenn die Pandemie vorbei ist, will Gertrud ihr vorheriges Leben wieder aufnehmen. „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, sagt sie.

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