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Holger Müller ist Busfahrer. Mit Leib und Seele. Eigentlich wollte er ja Flugkapitän werden. Stattdessen kutschiert er nun seine Passagiere im Gelenkbus durch Castrop-Rauxel.

Castop-Rauxel

, 10.07.2018 / Lesedauer: 5 min

Holger Müller (58) hat einen großen Koffer in der Hand und steht an der Bushaltestelle „Betriebshof Witten“. Aber Holger Müller möchte nicht verreisen, sondern wartet auf den Bus. Es ist früher Nachmittag und für Müller ist es heute die erste Schicht nach seinem Urlaub. Seit 1983 wohnt er in Castrop-Rauxel und ist Busfahrer bei der Bogestra. Und das mit „Leib und Seele“, wie er sagt. Und wenn Müller hinter dem Steuer seines 18 Meter langen Gelenkbusses sitzt, in dem knapp 150 Menschen Platz finden, dann ist er in seinem Element. „Das Fahren hier ist mein Hobby, die Arbeit habe ich zu Hause“, sagt er lachend.

Die Buslinie 378 ist es, die Holger Müller heute von Witten nach Castrop-Rauxel und zurück fahren wird. Sein Fahrertag startet allerdings am Rathaus Witten. Bis dahin fährt der 58-Jährige bei seinem Kollegen im Bus mit. Am Rathaus ist dann fliegender Wechsel. Geschwind steckt Holger Müller die Ticketrolle und Kasse in die dafür vorgesehene Vorrichtung. Diese Dinge waren es auch, die Holger Müller in seinem schwarzen Koffer transportierte. „Jeder Fahrer hat so etwas“, sagt er und fügt hinzu: „Jetzt noch schnell im System anmelden und dann kann es losgehen.“

Für Busfahrer Holger Müller ist die Berufung zum Beruf geworden

Holger Müller setzt „seine“ Geldkassette ein, nachdem er am Wittener Rathaus das Steuer übernommen hat. © Till Meyer

Müller ist seit 27 Jahren im Betrieb, sagt aber auch mit einem Augenwinkern: „Mein Traumberuf war eigentlich mal Flugkapitän.“ Und seinen Einstieg in das Berufsleben hatte Müller auch in einem etwas anderen Bereich - auf Schienen. „Bevor ich Busfahrer wurde, habe ich sieben Jahre Straßenbahnen gesteuert“, erzählt der 58-Jährige. Als dann aber das Angebot der Bogestra AG gekommen sei, habe er sich entschlossen, zu wechseln. „Ich habe dort meinen Busführerschein gemacht und mich dann drei Jahre als Fahrer verpflichtet“, erklärt Müller.

Etwas, das Müller hilft, seinen Zeitplan einzuhalten, ist der Bordcomputer. Der zeigt genau an, ob der 58-Jährige Verspätung hat oder ob er an einer Bushaltestelle noch etwas warten muss. „Wenn man mal grüne Welle hat, kann das schon mal sein, dass man schneller da ist, als geplant“, erklärt Müller, während er in Dortmund-Lütgendormund am S-Bahnhof steht. Und plötzlich piept es. „Das war der Computer, der mir damit sagt: Fahr los!“, erklärt er.

Für Busfahrer Holger Müller ist die Berufung zum Beruf geworden

So sieht der Bordcomputer aus, der auch die Verspätung oder Verfrühung anzeigt (oben rechts in der Ecke). © Till Meyer

Was auffällt: Müller ist viel mehr als nur ein Fahrer. Er berät Fahrgäste, welches Ticket am besten zu den jeweiligen Fahrzielen passt, hat ein offenes Ohr für Fahrgäste, die sich über etwas beschweren und immer einen nettes Wort für seine Fahrgäste übrig. „Manchmal ist man auch Therapeut, wenn ein Fahrgast seine persönliche Leidensgeschichte erzählt.“ Dass der Beruf auch eine gewisse Coolness voraussetzt, wird an diesem Nachmittag in mehreren Situationen deutlich.

Einem Unfall, der den kompletten rechten Fahrstreifen blockiert, weicht Müller geschickt aus, indem er gedankenschnell die Spur wechselt. Viel Platz gegenüber dem Gegenverkehr bleibt ihm dabei nicht, aber die Maßarbeit geht gut. „Das hat man irgendwann einfach im Gefühl“, sagt der 58-Jährige, „ich fahre sowieso am liebsten die großen Gelenkbusse und nicht die kleinen.“ Und als sich ein Fahrgast beschwert - „man ey, der Bus davor hat mich einfach stehen lassen. So eine Sauerei“ - entgegnet Müller gelassen: „Na so was, jetzt sind sie ja bei mir und alles wird gut.“ Damit gibt sich der Mann zufrieden und setzt sich hin.

15 Minuten Pause mit einem kleinen Kakao

Um 16.53 Uhr hat Holger Müller 15 Minuten Pause. Mit seinem Bus ist er kurz zuvor in den Busbahnhof am Münsterplatz eingefahren. „Nein, sie können nicht einsteigen“, sagt Müller einer jungen Frau, die vor der Tür steht, während er seinen Fahrerplatz verlässt, „ich habe noch eine kleine Pause.“ Und die nutzt Müller für eine kleine Erfrischung mit einem Kakao. Auf die Frage, ob er sich denn nicht manchmal Gedanken darüber mache, dass er viel Verantwortung trage (für sich und seine Fahrgäste), sagt er erst ernst, dann lachend: „Nein, nicht mehr. Das geht in Fleisch und Blut über. Außerdem: Ich fahre ein großes Auto und habe immer das nötige Kleingeld dabei. Das kann nicht jeder von sich sagen.“

Auf der Rückfahrt nach Witten sagt Müller an der Haltestelle „Gerther Straße“: „Hier kann man jetzt gut einfahren und halten. Dafür musste ich aber erst mal bei der Stadt vorstellig werden.“ Hintergrund: Müller ärgerte sich lange über ein Auto, das so dicht an der Haltestellenbucht parkte, dass ein Einfahren mit dem Gelenkbus kaum möglich war. Er trug der Stadtverwaltung sein Anliegen vor und die vergrößerte die Bucht mittels zusätzlicher Bodenmarkierung. „Jetzt ist alles super“, so Müller, der die Dinge, so sagt er, lieber direkt selbst anpackt, anstatt sie auf die lange Bank zu schieben.

Zwei Kundenbetreuer steigen zu

Kurz vor Witten steigen dann zwei Kundenbetreuer in den Bus. „Sie beraten die Fahrgäste in Ticketfragen, helfen den Leuten beim Ein- und Aussteigen“, erklärt Bogestra-Pressesprecher Christoph Kollmann. „Hey, Holger, ich hab hier hinten einen Schal gefunden“, sagt nach ein paar Minuten einer der Kundenbetreuer. Für Müller bedeutet das am Ende des Tages: Papierarbeit. „Das muss ich in einen Fundschein eintragen.“

Doch zurück zum Bus und der Technik. Etwas, das den 58-Jährigen ganz speziell anspornt während seiner Fahrt, ist das Fahrassistenzsystem. Mittels kleiner Leuchten, die in der linken, vorderen Ecke der Fahrerkabine angebracht sind, kann Müller seinen Fahrstil überprüfen. Grüne Leuchten sind dabei gut, denn sie signalisieren spritsparendes Fahren und reduzierten CO2-Ausstoß. Rote Leuchten zeigen das Gegenteil an. „Mist“, ärgert sich Müller auch einmal beim Anfahren, „da habe ich zu viel Gas gegeben.“ Die Lampen waren rot.

Erste Tour nach dem Urlaub ist um

Um 18.10 Uhr endet Müllers Fahrt im Bahnhof Witten. Damit ist die erste Tour nach dem Urlaub für ihn aber noch nicht abgeschlossen. Der 58-Jährige verlässt seine Fahrerkabine und geht einmal durch den Bus. „Ich muss schauen, ob noch irgendetwas liegen geblieben ist oder vielleicht doch noch ein Fahrgast im Bus ist“, ruft er. Er habe es schon erlebt, sagt Müller, dass Fahrgäste einfach eingeschlafen seien. „Die habe ich dann natürlich am Ende einer Tour wecken müssen.“ Heute ist dem nicht so. Es ist auch nichts liegen geblieben. Müller stellt auf den Außendisplays des Busses „Betriebsfahrt“ ein und startet den Motor erneut. Es geht zurück zum Betriebshof der Bogestra.

Für Busfahrer Holger Müller ist die Berufung zum Beruf geworden

Ein Blick in die Busgarage der Bogestra AG. © Till Meyer

Dort angekommen parkt er den Bus in der riesigen Garage auf der für seinen Bus vorgesehenen Position. „In der Nähe der Zapfsäule, damit der Bus später direkt wieder betankt werden kann“, erklärt Müller. Und sein Fazit zur Tour: „Das war sehr ruhig heute. Ein guter Einstieg nach dem Urlaub.“ Feierabend hat Müller damit aber noch nicht. Aber eine kleine Pause, ehe noch am Abend eine neue Tour startet, auf einer anderen Linie.

Die Voraussetzungen für den Erwerb des Busführerscheins:
  • Ein PKW-Führerschein (Klasse B) ist Grundvoraussetzung
  • Ein medizinisches Gutachten, das etwaige gesundheitliche Risiken oder Beeinträchtigungen ausschließt
  • Das Mindestalter für alle Busführerschein-Klassen liegt in der Regel bei 21 Jahren.
  • Es gibt vier verschiedene Busführerscheinklassen, die aufeinander aufbauen
  • Der Führerschein D erlaubt das Fahren von Bussen mit mehr als 16 Plätzen
  • Für alle Busführerscheinklassen besteht eine Befristung auf fünf Jahre. Die kann danach, sofern das ärztliche und augenärztliche Gutachten es erlauben, jeweils wieder um fünf Jahre verlängert werden
  • Ein Führerschein kann schnell 4000 bis 5000 Euro kosten
  • Manche Betriebe übernehmen diese Kosten und/oder bilden selbst Fahrpersonal aus, wenn sich dieses nach Bestehen der Prüfung für einen gewissen Zeitraum der Firma gegenüber als Fahrer verpflichtet
  • Die Bogestra AG bildet zum Beispiel Fachkräfte im Fahrbetrieb (FiF) in einer dreijährigen Ausbildung selbst aus. Die Ausbildung ist mit einem guten Hauptschulabschluss möglich
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