Die Polizeigewerkschaften haben SPD, Grüne und FDP vor einer möglichen Cannabis-Legalisierung gewarnt. © Daniel Karmann/dpa
Koalitionsvertrag

Geplante Legalisierung von Cannabis: Experten aus Castrop-Rauxel gespalten

Cannabis kann man bald legal kaufen. Apotheker finden das nicht so gut. Suchtberater halten die Pläne für okay. Ein Castrop-Rauxeler Experte hat Ideen, wie man Gefahren möglichst vermeidet.

Die neue Ampel-Koalition will Cannabis legalisieren. Im Koalitionsvertrag stehen wenige Sätze zur Umsetzung des Vorhabens. Manches ist vage formuliert. Wer das Gras verkaufen soll, wer es anbaut – all das ist noch offen. Aber was sagen Experten vor Ort?

Peter Appelhoff, Leiter der Fachstelle Substitution in Castrop-Rauxel / Drogenberatungsstelle für Suchtvorbeugung Recklinghausen, findet das Vorhaben grundsätzlich sinnvoll. Etwa ein Drittel aller Beratungsfälle komme zu ihm und seinen Kollegen wegen Cannabis.

Den Schwarzmarkt in Castrop-Rauxel bezeichnet der diplomierte Sozialarbeiter als „Wohnzimmerszene“: Der Verkauf von Drogen laufe nicht auf der Straße ab, sondern eher über Bekanntschaften und kurze Besuche beim Dealer zu Hause.

Wer soll das Gras verkaufen?

Wenn Cannabis legal zu kaufen sei, so hofft Appelhoff, würden die Märkte getrennt. Wer kiffen will, muss dann nicht mehr bei jemandem kaufen, der auch synthetische und giftigere Substanzen im Angebot hat. „Es gibt Klienten, die sagen, dass sie zuerst nur gekifft haben, der Dealer ihnen aber irgendwann was anderes angeboten habe, weil kein Gras dagewesen sei.“

Peter Appelhoff leitet die Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest. Er macht Vorschläge für die Umsetzung der Cannabislegalisierung.
Peter Appelhoff leitet die Drogenhilfe Recklinghausen und Ostvest. Er macht Vorschläge für die Umsetzung der Cannabislegalisierung. © Jörg Gutzeit (Archiv) © Jörg Gutzeit (Archiv)

Im Koalitionspapier heißt es, dass die Abgabe in „lizenzierten Geschäften“ erfolgen soll. Die FDP will das über die Apotheken regeln. Claus Ehrensberger, Sprecher der Apotheker in Castrop-Rauxel und Inhaber der Glückauf-Apotheke auf Schwerin, kann sich aber nicht vorstellen, bald Cannabis zu verkaufen. „Wir sind eine Versorgungsstelle für Arzneimittel und nicht für Genussmittel“, sagt er.

Auch Peter Appelhoff ist sich unsicher, ob Apotheken der richtige Ort für den Verkauf wären. „Ich fände es wünschenswert, wenn eine Beratung stattfindet. Inwiefern Apotheken das können, weiß ich nicht.“

Über die Risiken aufklären, können Apotheker durchaus, so Claus Ehrensberger. Trotzdem sagt er zur Legalisierung: „Der Schritt ist nicht gut. Das ist meine persönliche Meinung. Ich würde eher vom Konsum abraten. Man darf die Gefahren nicht unterschätzen.“

Dass Cannabis nicht ungefährlich ist, das sagt auch Peter Appelhoff. Trotzdem hält er den Schritt in die Legalisierung nicht für falsch. Die Koalition will, dass die Qualität zukünftig kontrolliert und der Jugendschutz gewährleistet wird. Das aber ist er derzeit nicht.

Kein Drogentourismus

Käufer können derzeit auch nicht wissen, ob ihr Gras mit künstlichen Cannabinoiden verunreinigt ist. Und vor allem hier bestehe die Gefahr: Denn eigentlich, so Peter Appelhoff, „ist Cannabis relativ ungiftig“. An einer Überdosis könne man nicht sterben. „Aber im Zusammenhang mit synthetischen Cannabinoiden sind tatsächlich schon Menschen gestorben.“

Peter Appelhoff hat einen eigenen Vorschlag für die Legalisierung. Ihm sei wichtig, dass kein Drogentourismus wie in den Niederlanden entstehe. Deshalb sollte Gras nur an diejenigen verkauft werden, die eine aktuelle Meldeadresse in Deutschland nachweisen können.

Ob in Castrop-Rauxel bald Apotheken oder Coffee-Shops Gras feilbieten, steht noch nicht fest. Der nächste Schritt ist, dass der Koalitionsvertrag mit diesen Inhalten den SPD- und FDP-Parteitag passiert und auch von der Grünen-Basis abgenickt wird.

Das steht auch im Koalitionsvertrag

  • Die Ampel-Koalition will Drugchecking einführen. „Das hat sich die Drogenhilfe schon seit vielen Jahren gewünscht“, sagt Peter Appelhoff.
  • Drogenkonsumenten können dann Substanzen auf ihre Qualität testen lassen und auch überprüfen lassen, was sie überhaupt vom Dealer bekommen haben. „Drugchecking ist eine Methode, um Gefahren weiter zu minimieren“, so Appelhoff.
  • Und auch im Hinblick auf jetzt schon legale Suchtmittel wollen SPD, Grüne und FDP mehr tun. Gelingen soll das beispielsweise mit einer Verschärfung der „Regelungen für Marketing und Sponsoring bei Alkohol, Nikotin und Cannabis“. Für Peter Appelhoff ein wichtiger Satz. Denn obwohl er es gut findet, dass Gras bald legal sein wird, findet er es wichtig, dass die „Suchtvorbeugung“ weiter gestärkt wird. „Werbung ist mehr als reine Produktinformation“, sagt er. „Werbung kann verführen.“
Über die Autorin
Volontärin
Geboren und aufgewachsen im Bergischen Land, fürs Studium ins Rheinland gezogen und schließlich das Ruhrgebiet lieben gelernt. Meine ersten journalistischen Schritte ging ich beim Remscheider General-Anzeiger als junge Studentin. Meine Wahlheimat Ruhrgebiet habe ich als freie Mitarbeiterin der WAZ schätzen gelernt. Das Ruhrgebiet erkunde ich am liebsten mit dem Rennrad oder als Reporterin.
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