Glückliche syrische Fachkraft aus Castrop-Rauxel

Wie Integration gelingen kann

Als es hieß, er solle auf Menschen schießen, da war für Fadi Almesh klar: „Ich muss fliehen!“ 2013 war das, in Damaskus. Er fragte seine Mutter. Die sagte: „Junge, geh!“ Heute ist seine Geschichte eine Erfolgsstory: Denn er ist eine der Personen, die den Fachkräftemangel beseitigen sollen. Ein bisschen Bastel-Knete war sein Glück.

ICKERN / SCHWERIN

, 28.10.2017, 07:13 Uhr / Lesedauer: 3 min
Fadi Almesh und Susanne Gregor-Bähr, seine Sprachlehrerin vom Kolping-Bildungswerk in der Agora: Sie bildeten zusammen ein erfolgreiches Tandem.

Fadi Almesh und Susanne Gregor-Bähr, seine Sprachlehrerin vom Kolping-Bildungswerk in der Agora: Sie bildeten zusammen ein erfolgreiches Tandem. © Tobias Weckenbrock

Am Schreibtisch des Kolping-Bildungswerks in der Agora: Fadi Almesh ist 30 Jahre alt. Schwarze Brille, die Haare gepflegt, der ordentlich geschnittene Bart vielleicht eine Woche alt. Er lacht viel, man merkt aber auch seine Anspannung: Er hat gerade seine Zertifikatsprüfung abgelegt und damit den Integrationskurs zum B1-Sprachniveau abgeschlossen. Am Ende unseres Gesprächs verrät Susanne Gregor-Bähr, die Lehrerin vom Kolping-Bildungswerk, dass er mitsamt allen 20 Kurskollegen die mündliche Prüfung bestanden hat. Der schriftliche Test wird nun überprüft. Er strahlt.

Auf der Sonnenseite der „Flüchtlingswelle“

Das kann er, denn er steht auf der Sonnenseite derer, die mit der „Flüchtlingswelle“, wie man sie nannte, 2015 nach Deutschland schwappte. Er ist eine Fachkraft, die einen Mangel beheben kann. In diesem Herbst konnte er sich seinen Arbeitsplatz praktisch aussuchen.

Das war nicht abzusehen, als er 2013 mit nichts, gar nichts, nur dem, was er am Körper trug, aus der Kaserne verschwand und nach Jordanien flüchtete. Der junge Mann aus Damaskus, der bis dato Schreibtischaufgaben in der Armee erledigte und an der Uni in Damaskus das zweijährige Studium zum Zahntechniker mit einem Diplom abschloss. Er wurde in Jordanien in einem Camp für desertierte Soldaten aufgenommen, fand nach sechs Monaten Arbeit in einem Zahntechnik-Labor. „Aber ich musste im Labor schlafen.“ Er lernte Kenana kennen – heute seine Frau und Mutter des Sohnes Jamal (1).

Von seinen zwei Brüdern und zwei Schwestern flüchteten drei. Die Mutter, die ihm die Flucht erlaubte, starb 2014. Er verließ Jordanien in Richtung Türkei, schlug sich über die Balkanroute durch: zu Fuß, mit Autos, irgendwie. Bis er im August 2015 in Herne Aufnahme in einer Notunterkunft fand. Von dort ging es für Fadi Almesh nach Aachen, dann kam er mit seiner Freundin nach Castrop-Rauxel.

„Die Agora hat mir viel geholfen“

Er nahm schnell alle möglichen Angebote wahr – vor allem die, die sich in der Agora abspielen. Heute spricht er deswegen neben Englisch auch recht gutes Deutsch – und sagt: „Die Agora hat mir viel geholfen. Zu viel geholfen.“ Zu viel? Er meint, wenn er das sagt: Hier hat man alles für mich getan. Auch bei Bewerbungen geholfen. Denn neben dem Spracherwerb war für ihn klar, dass er gleich arbeiten wollte. Also setzte er sich mit Susanne Gregor-Bähr hin und schrieb eine Bewerbung nach der anderen. „Ja, die Phase bei ihm hab ich mitgemacht“, sagt sie. Er tat es, so gut er konnte. Aber was er bekam, war Absage nach Absage.

Vielleicht war es eine Verzweiflungstat, vielleicht Spaß – aber es war der goldene Griff zum Smartphone: Damit fotografierte er am 24. Juli ein Werk aus eigener Schöpfung. Einen dicken Backenzahn. Aus einfacher Bastelknete. Er lud es hoch bei Facebook in die Gruppe „Zahntechniker“. Sie hat 9200 Mitglieder. Fadi Almesh schrieb: „Wenn du arbeitslos bist. Und will(sic!) mit deinem Sohn spielen. Soft moulding dough.“ (deutsch: weiche Modellierknete) Er fügte zwei Lach-Emojis hinzu. Heute lacht er selbst: Binnen kurzer Zeit bekam er Dutzende Kommentare. „Schade, dass du nicht in Berlin wohnst“, war einer. Und zehn Direktnachrichten mit Anfragen, ob er sich nicht vielleicht bewerben möge.

Er beantwortete die Anfragen und hatte am Ende drei konkrete Jobangebote auf dem Tisch. Eines aus Lechbruck am See, 2500-Seelen-Dorf im von Bergen gesäumten Ostallgäu. Seit zwei Monaten arbeitet er im Lipp Zahntechnik Dentallabor. Für den Integrationstest, seine Frau und sein Kind, die noch auf Schwerin wohnen, kam er nun wieder her. Am Sonntag geht es mit dem Zug zurück.

Chefin sagt: „Man bekommt einfach niemanden“

„Wir haben fast ein Jahr lang gesucht“, sagt Susanne Lipp, die Frau des Geschäftsführers in diesem bayerischen Familienunternehmen, als wir sie am Freitag anriefen. „Man bekommt einfach niemanden. Der Beruf ist stressig, weil der Termindruck der Zahnärzte so hoch ist.“ Und die Bezahlung in der Lehre sei nicht so toll.

Ihr Sohn Moritz, der in der Geschäftsführung arbeitet, fand Fadi Almeshs Knete-Backenzahn bei Facebook, kontaktierte ihn, sie unterhielten sich, Almesh fuhr nach Bayern, stellte sich vor. Nun hat er zwei Monate im Unternehmen gearbeitet und bekommt einen Lohn. Kein Spitzen-Verdienst, aber ihm reicht es. Er ist für die Keramikzähne zuständig, modelliert sie erst am Computer, dann wird per Hand fein nachgearbeitet. „Wir nehmen ihn fest zu uns – er kann bleiben“, sagt Susanne Lipp. „Er ist super!“ Sie suche nun eine Wohnung für ihren Mitarbeiter, der seine provisorische Wohnung Ende November verlassen muss.

Bald, sagt Susanne Lipp, werde man die Befristung aufheben und ihm mehr zahlen. Fadi Almesh sagt zwar, er sei da im Süden erst einer Person begegnet, die Arabisch sprach. Susanne Lipp aber meint: „Perfekt. Dann ist er gezwungen, Deutsch zu sprechen.“

Er kann bleiben: unbefristeter Job, erfolgreich absolvierter Integrationskurs. Mit Frau Kenana und Sohn Jamal liegt die Zukunft für ihn in Deutschland.

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