Die größte Demonstration in der Geschichte Castrop-Rauxels mobilisierte 20.000 Bürger

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Der 8. Juni 1949 war ein wichtiger Tag. Castrop-Rauxels Bevölkerung wehrte sich bei der größten Demonstration der Stadtgeschichte auf dem Marktplatz in Habinghorst.

Castrop-Rauxel

, 08.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Der Marktplatz in Habinghorst gibt heute häufig ein tristes Bild ab. Anfang 2018 fand sich gerade einmal ein Händler an Markttagen dort wieder. Ab und an verirren sich vereinzelte Autos auf die weite Fläche an der Querstraße. Ansonsten herrscht Ruhe und Stille, wenn man von den Baustellen absieht. Dabei war das mal komplett anders: Am 8. Juni 1949 war der Marktplatz der lauteste Ort in der ganzen Stadt.

Die größte Demonstration in der Geschichte Castrop-Rauxels mobilisierte 20.000 Bürger

So voll wie nie war der Marktplatz in Habinghorst bei der Kundgebung. © Stadtarchiv

10.000 bis 20.000 Castrop-Rauxeler - die Quellen nennen unterschiedliche Zahlen - fanden sich damals auf dem Versammlungsort wieder. Um zu demonstrieren. Das Thema elektrisierte die Stadt. Denn es ging um den Arbeitsplatz von 400 Arbeiter. Mit deren Familien ging es um die Existenzgrundlage von rund 1500 Einwohnern. Die Fischer-Tropsch-Anlage der Gewerkschaft Victor in Ickern.

Auswirkungen des Potsdamer Abkommens

Durch das Potsdamer Abkommen vom 2. August 1945 bestimmten die Alliierten, dass die deutsche industrielle Tätigkeit auf 50 bis 55 Prozent des Werts von 1938 beziehungsweise 70 bis 75 Prozent der Produktion von 1936 reduziert werden müsse. Es gab verbotene, beschränkte und unbeschränkte Industriezweige. Zu den verbotenen zählte die Produktion von synthetischem Benzin und Ölen.

Was ist das Fischer-Tropsch-Verfahren? Geheimrat Fischer und Dr. Tropsch entwickelten 1927 im Kaiser-Wilhelm-Institut für Kohleforschung in Mülheim an der Ruhr das Verfahren zur Erzeugung von Paraffin-Kohlenwasserstoffen aus einem Gemisch von Wasserstoff und Kohlenmonoxid. Als das Verfahren fertig entwickelt war, begannnen der Klöckner-Konzern und die Wintershall AG, die Gründer der Chemischen Werke der Gewerkschaft Viktor, mit dem Bau der Fischer-Tropsch-Anlage, die 1936 die Produktion aufnahm. Die Fischer-Tropsch-Synthese galt lange als wertvolle Rohstoffbasis für die chemische Industrie und wurde während des zweiten Weltkrieges vor allem für die Erzeugung von Treibstoffen genutzt. Im Krieg wurde die Anlage weitestgehend zerstört.
Später, am 29. August 1947, wurde bestimmt, dass dem Wirtschaftsgebiet der von den Briten und den Amerikanern besetzten Zone ein Produktionsvolumen von 90 bis 95 Prozent zugestanden wird.

Die Fischer-Tropsch-Anlage konnte die Produktion allerdings erst wieder aufnehmen, nachdem ihre Bedeutung für die Treibstoffindustrie heruntergespielt wurde und stattdessen eine Notwendigkeit als Rohstofflieferant für die Fettsäure- und Seifenindustrie des Ruhrgebiets nachgewiesen wurde. Nach der Instandsetzung produzierte die Anlage in erster Linie die Rohstoffgrundlage für die Seifen- und Waschmittelherstellung.

Drohende Demontage ab 1949

Eine Demontageliste bestimmte aber weiterhin, welche Fabriken komplett und welche teilweise abgebaut werden mussten. Mit dabei auch die Fischer-Tropsch-Anlage in Ickern. Zwar unterzeichneten Vertreter Großbritanniens, Frankreichs und der USA am 13. April 1949 in Frankfurt am Main das Washingtoner Abkommen, eine Einigung über die Einschränkung der Demontagen deutscher Werksanlagen und der in Westdeutschland teilweise oder ganz verbotenen Industrien.

Die Anlage in Ickern, bei der die die Produktion zu der Zeit wieder auf Hochtouren lief, stand aber nicht auf der Liste. Denn bei der Erzeugung von synthetischen Fettsäuren für Waschmittel fielen auch synthetische Treib- und Schmierstoffe an.

Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen für Castrop-Rauxel. Mehr als 400 Arbeiter und Angestellte aus der Stadt, viele davon auch Schwerbeschädigte, Invalide und bergbauuntaugliche Arbeiter, die schwer andere Arbeit finden konnten, arbeiteten in den Betrieben der Gewerkschaft Victor.

Die Ruhr Nachrichten schrieben am 21. Mai 1949: „Die Demontage würde die Stillegung eines Drittels der Produktionstätigkeit der Gewerkschaft Victor bedeuten und ein Viertel der Belegschaft (400 Arbeiter und Angestellte) arbeitslos machen (...)

Das Washingtoner Abkommen (...) nimmt jede Möglichkeit, die Kosten für den auf Anordnung der Militärregierung vorgenommenen Wiederaufbau wieder hereinzuholen. (...) Die deutschen Fischer-Tropsch-Werke wurden nicht gebaut, um Treibstoffe herzustellen, sondern um Rohstoffe für die weiterverarbeitende Industrie, insbesondere Rohstoffe für die Waschmittelerzeugung, zu produzieren.

Das bei der Erzeugung zwangsläufig anfallende Benzin ist von so mangelhafter Beschaffenheit, dass es selbst in normalen Personenkraftwagen nur unter Beimischung(en) (...) als Treibstoff verwendet werden kann. Der Anfall des Benzins beträgt heute nur 30-35 Prozent. Der Rest der Erzeugung geht als Lösungsmittel oder als Grundstoff für die Waschmittel-und Seifenerzeugung in die weiterverarbeitende Industrie und bildet heute die Hauptbasis für die Herstellung dieser Erzeugnisse in der Bizone (...)

Der deutsche Kohlenbergbau sieht auf alle Fälle in der Fischer-Tropsch-Synthese ein sehr wichtiges Mittel, um den finanziell notleidenden Bergbau mit stützen zu helfen, und zwar gerade in Zeiten von Absatzschwierigkeiten von Kohle und Koks. (...) Die Unmöglichkeit, (...) diese Rohstoffe in chemische Grundstoffe umzuwandeln, kann zu Produktionsstockungen im deutschen Bergbau mit verhängnisvollen sozialpolitischen Folgen führen.“

Gemeinsam mit den Familienangehörigen ging es um das Schicksal von ungefähr 1500 Menschen. In einem gemeinsam von der SPD, der CDU und der KPD vorgelegten Antrag heißt es „Das Herausbrechen eines der bedeutendsten Zweige der modernen Kohleveredelung, wie ihn das Fischer-Tropsch-Werk mit seinen Möglichkeiten der Weiterentwicklung der Kohlechemie darstellt, wäre ein schwerer Verlust sowohl für den hiesigen Bergbau als auch für die chemische Industrie.“ Zudem wäre die Stilllegung ein „schwerwiegender Eingriff in die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung unserer Stadt“.

Die größte Demonstration in der Geschichte Castrop-Rauxels mobilisierte 20.000 Bürger

Der damalige Bürgermeister Wilhelm Kauermann (SPD) sprach ebenfalls bei der Versammlung. © Stadtarchiv

Deswegen sollte die Stadtverwaltung mit größtem Nachdruck darauf drängen, die Stilllegung zu verhindern. Erfolglos. Am 30. Mai 1949 erteilte die britische Militärregierung den Demontagebefehl.

Die Bevölkerung wehrt sich und demonstriert

Diese scheinbare Umkehrbarkeit wollten sich aber weder die Werksleitung noch die Bevölkerung Castrop-Rauxels gefallen lassen. So rief der Ortsausschuss des Deutschen Gewerkschaftsbunds am 3. Juni 1949 die gesamte Bevölkerung der Stadt zu einer Protestkundgebung am 8. Juni - dem Tag des geplanten Beginns der Demontage - um 16 Uhr auf dem Marktplatz Habinghorst auf.

Bis zu 20.000 Personen folgten dem Aufruf und taten lautstark ihre Meinung kund. Einige Betriebe hatten extra früher geschlossen, um an der Demonstration teilnehmen zu können. Vikar Aussmann fand die klarsten Worte: „Schlimmer, als wollte man einem Bauern verbieten, aus der Milch seiner Kuh Butter zu machen. Solche Methoden können politisches Rabaukentum züchten.“

Die größte Demonstration in der Geschichte Castrop-Rauxels mobilisierte 20.000 Bürger

Vikar Aussmann fand klare Worte bei der Kundgebung auf dem Marktplatz Habinghorst. © Stadtarchiv

Es ist bis heute die größte Demonstration, die in Castrop-Rauxel jemals stattgefunden hat. „Auch bei der Stilllegung der Zeche Erin hatte der Protest nicht diesen Umfang“, sagt Johannes Materna, der heutige VHS-Studienleiter für Gesellschaft und Politik in Castrop-Rauxel.

Aus heutiger Sicht ist die Masse der Demonstranten vor allem damit zu erklären, dass die Gewerkschaften zu der Zeit noch deutlich mehr Mitglieder hatten. Allerdings schränkt Johannes Materna ein: „Wenn es hart auf hart kommt und es um die Existenz geht, sind die Leute bereit, sich zu engagieren. Auch wenn sie sich sonst nicht engagieren. Das ist noch heute so.“

Ein Teilerfolg war zu Beginn der Demonstration bereits geschafft. Um 9 Uhr sollte die Demontage beginnen. Arbeiter der Oberhausener Abbruchfirma Vahsen waren daür beauftragt worden. Doch alarmiert durch Sirenengeheul bildeten die Arbeiter des gesamten Werks vor dem Eingang eine Menschenkette, sodass die Abbrucharbeiter tatenlos wieder umkehrten.

Die Aussetzung der Demontage hielt nicht lang

Die Verschiebung des Demontagebeginns war erreicht und wurde durch einen britischen Offizier bestätigt. Allerdings nur bis zum 13. Juni. Denn die Briten drohten nach der Verschiebung damit, dass organisierter Widerstand der Belegschaft zur Stilllegung des gesamten Werks führen würde. Das führte dazu, dass der Betriebsrat und Gewerkschaftsfunktionäre die Belegschaft dazu aufforderten, keinen Widerstand mehr zu leisten.

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Auch über die Recklinghauser Straße zog der Protestzug. © Stadtarchiv

Zunächst durfte die Produktion der Rohstoffgrundlagen für die Seifen- und Waschmittelherstellung noch weiterlaufen. Nach Abschluss des Petersberger Abkommens wurde auch die Teildemontage zunächst eingestellt. Die Ausschaltung der Nutzung der Fischer-Tropsch-Anlage für Kriegszwecke blieb aber weiterhin auf der Agenda. So wies Major-General Bishop, Land Commissioner für NRW, am 7. Dezember 1949 darauf hin, dass die Produktion von synthetischen Ölen weiterhin untersagt war.

Und auch die Genehmigung der Rohstoffgrundlagenproduktion für die Seifen- und Waschmittelherstellung lief am 31. Dezember 1949 aus. Mithilfe des Landes Nordrhein-Westfalens wurde daraufhin die Düngemittelproduktion ausgebaut. Im Mai 1952 wurde eine Volldünger-Fabrik in Betrieb genommen. Durch die Erweiterung der Erzeugungsanlagen für Ammoniak wurde die Gewerkschaft Victor - Chemische Werke zum größten Ammoniak-Erzeuger im Ruhrgebiet. Mitte der 60er-Jahre sogar zu einem der bedeutendsten Ammoniak-Hersteller der Bundesrepublik.

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