Eskimo Callboy spielte jetzt die neunte Show ihrer Tour in der Turbinenhalle in Oberhausen. Ein Heimspiel. Wir begleiteten die Band den ganzen Tag – vor und hinter der Bühne.

Oberhausen/Castrop-Rauxel

, 28.03.2018, 17:04 Uhr / Lesedauer: 4 min

Noch ist es ruhig an diesem Sonntag Ende März 2018. Auf dem Schotterparkplatz vor der Turbinenhalle in Oberhausen stehen zwei Wagen, ganz einsam. Von Konzertluft und Euphorie fehlt so früh am Mittag jede Spur. Lediglich eine Gruppe Mädchen mit bunten Haaren und einigen Flaschen Bier sitzt bereits wartend an den Steinmauern des alten Industriegebäudes.  Es ist warm. Vom Winter der vergangenen Wochen kaum noch etwas zu spüren. Dass in den Räumen des 1909 errichteten Komplexes, der zu seiner Zeit noch zur Erzeugung von Strom und Druckluft diente, heute noch Hunderte Menschen grölend ihrer Band zurufen werden, ist kaum etwas zu ahnen. Beim Betreten der Hallen aber wird das sofort anders.

In den Füßen macht sich ein Kribbeln breit. Verursacht durch den immer wieder vom Bass vibrierenden Boden. Die Scheinwerfer auf der Bühne hüllen die Konzerthalle in ein weißlich-violettes Licht – und mit ihr die Jungs von Eskimo Callboy. Es riecht nach Zigaretten. „Ist krass hallig, der Sound“, ruft Kevin Ratajczak, einer der Sänger der sechsköpfigen Band, von der Bühne herab. Hinter ihm erstrahlt ein großes „X“. „Voll das krasse Delay. Wir befinden uns hier in einer atmosphärischen Schleife.“ Es ist Soundcheck.

Noch am Vortag haben sie in Köln gespielt – vor über 1000 Leuten in der Live Music Hall. Die Band, die ihre Wiege in Castrop-Rauxel hat – an diesem Sonntag hat sie sogar so etwas wie ein Heimspiel. Der Probenraum ist nur 30 Kilometer entfernt. Angereist sind sie privat, ohne Tourbus. „Wir freuen uns auf heute Abend“, sagt Sänger Kevin. „Tock, tock!“ „Wir haben Familie und Freunde eingeladen. Das kann nur gut werden!“ Das taktlose Klopfen auf die Trommeln sticht immer wieder hervor. „Tock, tock!“ Ein Crewmitglied hat sich mit seinem kleinen Kind das Schlagzeug zu eigen gemacht. „Tock, tock.“

Zocken statt fetter Party vorweg

Kevin und Sebastian „Sushi“ Biesler, ebenfalls Sänger der Band, haben sich inzwischen hinter einen schwarzen Koffer auf ein abgerocktes rotes Sofa zurückgezogen. Die Daumen der beiden bewegen sich schnell von rechts nach links, von oben nach unten. Der Blick – konzentriert. „Ich mache jetzt ein Tor“, ruft Kevin. In dem schwarzen Koffer steht ein Fernseher. Auf ihm läuft FIFA, ein Fußball-Konsolenspiel. Die Jungs spiegeln sich mosaikartig in der an der Decke hängenden Discokugel. „Das Ding haben wir immer dabei“, erzählt Kevin mit Blick auf den Bildschirm. „Einmal haben wir auf der Raststätte extra den Nightliner angelassen, damit wir Strom zum Zocken haben.“ Um die Jungs versammeln sich immer mehr Crewmitglieder. Den ganzen Nachmittag über bleibt dieser Platz vor der Konsole nicht einmal leer.

Zur Vorbereitung zieht sich die Band zusammen mit dem noch recht jungen Tourmanager Patrick Unger in den Backstage-Raum zurück. Ein schmaler, beinahe schlauchartiger weißer Raum mit einigen Sitzgelegenheiten. Hier checken sie die Gästeliste: Freunde und Familien müssen draufstehen. Die sieht die Band generell sehr wenig. „Im schlimmsten Fall spielt man, und dann kannst du nicht bei deinen Liebsten sein“, erzählt Sushi mit gesenktem Blick und ruhiger Stimme. Geburtstage und Hochzeiten mussten schon für Gigs weichen. Sie sind Profis, leben von ihrer Musik. Umso voller wird der Backstagebereich, wenn Eskimo Callboy weniger als ein Stündchen von der Heimat entfernt spielen.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So ist ein Konzerttag von Eskimo Callboy Backstage

27.03.2018
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Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Gitarrist Pascal beim Auftritt in der Turbinenhalle: Das Foto zeigt das Finale der Show. Da ist der Arbeitstag der Band fast zu Ende. Er beginnt gegen Mittag.
Früh übt sich: Beim Soundcheck spielen auch die ganz kleinen der Crew.
Soundcheck: Noch über 5 Stunden bis zur Show.
Soundcheck: Noch über 5 Stunden bis zur Show.
Soundcheck: Noch über 5 Stunden bis zur Show.
Soundcheck: Noch über 5 Stunden bis zur Show.
Soundcheck: Noch über 5 Stunden bis zur Show.
Eskimo Callboy beim Shooting für Monster Energy.
Die Band macht Videos für ihre Social Media Kanäle.
Sushi und Kevin nur wenige Stunden vor ihrem Auftritt im Backstageraum.
Kevin bespricht mit seinem Tourmanager Patrick Unger die Gästeliste.
Catering im Backstage von Eskimo Callboy.
Eine externe Cateringfirma beliefert die Band mit Essen vor der Show.
Hinter den Kulissen bei Eskimo Callboy im Cateringbereich.
Vor dem Gig zocken die Jungs von Eskimo Callboy FIFA.
Nur noch wenige Minuten bis zum Einlass.
Einlasskontrollen zum Konzert.
Die Schlange vor der Turbinenhalle in Oberhausen.
Die Schlange vor der Turbinenhalle in Oberhausen.
Einlasskontrollen zum Konzert.
Jenny (31) und ihr Mann haben ihre Tochter auf die Band gebracht.
Kevin (27) und Sebastian (23) aus Rees sind beim Konzert um To The Rats and Wolves zu sehen.
Lilly (16) und Leon (15) aus Bochum freuen sich darüber, dass die Band aus dem Ruhrgebiet kommt.
Der Merchandise-Stand der Band wird vor Beginn des Konzertes gut besucht.
Hinter den Kulissen bei Eskimo Callboy im Cateringbereich.
Die Turbinenhalle in Oberhausen füllt sich.
Sänger Kevin überrascht die Fans vor dem Auftritt.
Sänger Sebastian "Sushi" im Bühnenoutfitt.
David und Kevin kurz vor dem Auftritt.
Sänger Matteo Gelsomino von Novelists.
Novelists vor ihrem Auftritt.
Novelists als Vorband von Eskimo Callboy.
Sänger Matteo Gelsomino von Novelists.
Sänger Matteo Gelsomino von Novelists.
Novelists während ihres Auftritts.
Novelists während ihres Auftritts.
To The Rats and Wolves vor ihrem Auftritt.
E-Bassist der Band "To the Rats and Wolves" Stanislaw Czywil lässt sich von der Menge feiern
To The Rats and Wolves während ihres Auftritts.
Stanislaw Czywil spielt E-Bass in der Band To The Rats and Wolves.
Nico Sallach, Sänger der Band To The Rats and Wolves.
Sänger Dixi Wu von den "To the Rats and Wolves" gibt alles was seine Stimme hergibt
Dixi Wu von To The Rats and Wolves.
Dixi Wu von To The Rats and Wolves.
Nico Sallach, Sänger der Band To The Rats and Wolves.
Stanislaw Czywil spielt E-Bass in der Band To The Rats and Wolves.
Stanislaw Czywil spielt E-Bass in der Band To The Rats and Wolves.
Sänger Kevin überrascht die Fans vor dem Auftritt.
Eine Umarmung mit Nackenmassage für Drummer Daniel
Auch Backstage ist Sänger Kevin nicht vor Fotos sicher.
Die Band (v.L.) Daniel Haniß, Pascal Schillo, Kevin Ratajczak, David Friedrich, Sebastian Biesler, Daniel Klossek
Die Stimmung bei den Fans war ausgelassen. Hände heben war ein Muss.
Lead-Sänger der Band Eskimo Callboy Sebastian Biesler
Trotz Metal ist es beim letzten Song beinah sinnlich als alle ihre Handys und Feuerzeuge auspacken.
Sänger Kevin beim Auftritt in der Turbinenhalle.
Sänger Kevin beim Auftritt in der Turbinenhalle.
Auch auf Aufforderung der Band: "Nehmt euren Partner oder Nachbarn auf die Schultern!"
Konzert von Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Sänger Kevin beim Auftritt in der Turbinenhalle.
Einige Fans verloren den Halt unter den Füßen und schwebten auf den Händen anderer zur Bühne.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Kevin und Sushi zocken vor ihrem Gig FIFA.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Sänger Kevin beim Auftritt in der Turbinenhalle.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Eskimo Callboy in der Turbinenhalle in Oberhausen.
Laola-Welle zum Finale.
Beim Finale darf auch das altherkömmliche Konfetti nicht fehlen.
Ein Gruppenfoto mit den Fans nach dem Konzert.

Sie spielen FIFA, quatschen mit den Liebsten, rauchen eine, ziehen sich noch mal zurück.  Der Backstage-Bereich ist weitläufig. Im halb offenen Raucherbereich riecht’s nach Bier. Am späten Nachmittag gibt es Essen. Der Cateringservice hat neben Spanferkel, Kartoffelgratin und Gemüse auch Vorspeisen aufgefahren. Zahlreiche. An erhöhten Tischen sitzt man auf Barhockern beisammen. Fast ruhig ist es, wenn sich die Teller leeren und die Mägen füllen. Der Geruch von Knoblauch und Fleisch füllt noch den ganzen Abend den eher trostlos erscheinenden, braunen Raum. Vom Einlass-Beginn eine Etage tiefer bekommen Eskimo Callboy um 18 Uhr nichts mit. Während die Mädchen schreiend in die Halle rennen, geht es hinter verschlossenen Türen familiär zu. Es läuft O-Zone mit „Dragostea din tei“ und der Crazy Frog. „Wenn hier jemand Bock auf 'ne 90er-Party hat“, ruft einer aus dem Backstage-Raum der Vorbands. Er lacht. 

Kurz vor Show-Beginn

Die Halle füllt sich mit einem Publikum, das etwa zwischen 16 und 30 Jahren alt ist und unterschiedliche Motive hat, um hier zu sein: Sebastian (23) aus Rees ist nicht etwa wegen Eskimo Callboy angereist, sondern wegen ihrer Proberaumnachbarn aus Castrop-Rauxel: „To The Rats and Wolves“ heißt die Band, die im Vorprogramm spielt. Jenny (31) und ihr Mann Daniel sind da; ihre 16-jährige Tochter und deren Freundin auch, aber getrennt von den Eltern. Daniel hatte seine Tochter erst auf den Eskimo-Callboy-Geschmack gebracht, erzählt er. Das hat richtig gewirkt. Denn für die 16-jährige Lilly hat die Band einen hohen emotionalen Stellenwert: „Manchmal, wenn es einem schlecht geht, holen die einen wieder hoch. Ich hatte schon sehr lange den Wunsch, die einmal live zu sehen.“


Euphorie vor und auf der Stage

Es wird lauter vor der Bühne. Mit fortschreitender Uhrzeit wird die Luft in der Turbinenhalle immer dicker. Auf der Bühne schwitzen die Vorgruppen Novelists und To The Rats and Wolves. Die Menge hüpft, tanzt, grölt. Sie wird aufgefordert, sich zu setzen, zu springen und die Arme von links nach rechts zu schwenken. Unglaubliche Euphorie macht sich breit. Der Alltag scheint vergessen. Die Leere am frühen Nachmittag ist ausgelassener Party gewichen. Dabei ist der Haupt-Act noch gar nicht am Start.

Gegen 21 Uhr aber: In schwarzen Outfits warten Eskimo Callboy rechts von der Bühne. Immer wieder schreit Kevin, um die Menge einzuheizen. Die vielen Fans rufen ihren Namen. In einem Dunst aus Nebel, Zigaretten- und Biergeruch und jeder Menge Schweiß springen die sechs Jungs auf die Bühne. Songs von „We are the mess“ bis hin zu „Muffin Perper-Gurk“ schreien Sushi und Kevin aus tiefster Seele. Die Gitarrenseiten vibrieren, der Bass dröhnt durch die Halle.

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Auch nach einer guten Stunde lässt die Stimmung nicht nach. „Zugabe! Zugabe!“ Die Halle schreit, klatscht in die Hände, ruft Eskimo Callboy zurück auf die Bühne. Die fordert, alles aus den Taschen herauszuholen, das leuchtet. Handylichter blitzen auf und die Feuerzeuge erwärmen den eh schon überhitzen Raum. Weiß-silbernes Konfetti fliegt im Scheinwerferlicht funkelnd zu Boden.  Schluss-Akkord.  Verschwitzt und mit bester Laune verlässt die Band die Bühne. 

Ende gut - alles gut

Für Eskimo Callboy war das die neunte Show auf ihrer Tour. Die Band mit ihren Wurzeln in Castrop-Rauxel, die die ganze Welt bespielt, hatte Heimspiel. Kevin und Sushi schwelgen in Erinnerung: „Wenn wir dann mal im Ausland auf einer riesigen Bühne in Moskau stehen“, sagt Kevin, „und du denkst, wir haben da mal irgendwo auf der Oskarstraße in einem Habinghorster Kellerraum angefangen und jetzt stehen wir hier, die Menschen jubeln dir zu und halten Castrop-Rauxel-Flaggen im Ausland hoch... alter Falter!“

Die Turbinenhalle Oberhausen bleibt ihnen positiv in Erinnerung. Und während sich die Halle leert, die Luft kühler wird und die letzten Konfettischnipsel sich in der Luft zu Boden wiegen, genießen Eskimo Callboy den Feierabend. Zusammen mit ihren „Liebsten“, wie Kevin sagt. Irgendwo Backstage. Kurz vor dem Heimweg.

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