Im Ruhestand als ehrenamtlicher Arzt in der Dritten Welt unterwegs

CASTROP-RAUXEL Der Senior Experten Service (SES), eine Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit, schickt seit 25 Jahren Fachleute auf weltweite Einsätze. Die aus dem Berufsleben ausgeschieden leisten vor Ort Hilfe zur Selbsthilfe. Der Castroper Professor Dr. Theodor Senge ist einer der Ehrenamtlichen.

von Von Gabriele Regener

, 31.01.2009, 07:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Herzlicher Empfang für den Senior Experten aus Deutschland: Prof. Dr. Theodor Senge vor dem Liuzhou Workers Hospital in China.

Herzlicher Empfang für den Senior Experten aus Deutschland: Prof. Dr. Theodor Senge vor dem Liuzhou Workers Hospital in China.

Einer seiner Einsätze führte Professor Senge im Jahr 2006 in den Jemen, just in jene Region, die heute durch die Piraterie vor ihrer Küste Schlagzeilen macht. Der SES hatte den Experten an das Hammer Forum, die Organisation, die in Krisengebieten humanitäre Hilfe leistet, ausgeliehen. Und die Patienten strömten zur Klinik, kaum das Dr. Senge da war. Die Medien hatten den Arzt aus Deutschland bereits angekündigt. Viele kleine Patienten kamen in Begleitung ihrer Familien, die rings um die Klinik campierten. Die Krankenräume waren völlig überfüllt. Nicht selten krochen Familienangehörigen in der Nacht unter das Bett ihres Kranken, um ein paar Stunden zu schlafen. Kleine Patienten mussten sich dort ein Pflegebett teilen. Eine drangvolle Enge, die schon auf mangelnde Hygiene schließen lässt.

„Unvorstellbar, operiert wurde dort bei offenem Fenster“, berichtet Dr. Senge. Trotzdem lösten diese Mängel keine erhöhten Kranken- oder Sterberaten aus. Die Menschen sind besser konditioniert als Europäer, haben mehr Abwehrstoffe. In punkto Erkrankungen hat der deutsche Urologe dann allerdings eine erschreckende Feststellung machen müssen. Eine ungewöhnliche Fehlbildung der Harnblase, die er in 40 Berufsjahren in Deutschland nur drei Mal zu sehen bekam, kam im Jemen extrem gehäuft vor. 17 Fälle in nur drei Wochen. Die Ursache sieht der Fachmann in der mangelnden Aufklärung des Volkes und in der Tatsache, dass im Islam Eheschließungen unter Verwandten üblich seien.

Auch in China begleiten Familie ihre Kranken ins Hospital. Dort entscheidet das Familienoberhaupt , ob eine erforderliche Operation durchgeführt werden soll. Denn das ist teuer in China. Nur rund ein Zehntel der Bevölkerung ist staatlich versichert, bei allen anderen ist Familienhilfe gefragt. Kein Wunder also, dass die Behandlung häufig direkt nach Verlassen des OP-Saals endet. Eine Nachsorge können sie sich nicht leisten, hat Dr. Senge bei beiden Einsätzen in den Jahren 2005 und 2008 festgestellt. Weil die Krankenhäuser in China privat organisiert sind, das heißt sie wirtschaftlich arbeiten müssen, wirkte die Eingangshalle wie ein Großbahnhof. Menschengewimmel und große Anzeigentafeln, die den Kranken die Kosten für die Behandlung aufzeigen.

„Fähige Ärzte, aber eine völlig unzureichende Ausstattung“ fand der deutsche Arzt vor. War aber vom Einfallsreichtum der chinesischen Ärzte beeindruckt, die der Mangelsituation das Optimum abgewinnen zu versuchten. Bei seinem letzten Einsatz 2008 im Liuzhou Workers Hospital in der Provinz Guangxi sprach der Arzt aus Castrop-Rauxel eine Gegeneinladung aus.

Er ermöglichte, zum großen Teil aus eigener Tasche, zwei jungen chinesischen Ärzten einen vierwöchigen Aufenthalt am Marienhospital, wo sich die Gäste vor allem dafür interessierten wie die Patienten vor und nach einem urologischen Eingriff behandelt werden. Über seine Erfahrungen als Senior Experte hat Prof. Dr. Theodor Selle kürzlich in einem Vortrag berichtet. Und wartet gespannt, welches Kapitel er künftig hinzufügen kann.

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