„Ja, das tut weh!“ Pfarrer Teschner im großen Interview über den Verlust der Petrikirche

rnEvangelische Kirchengemeinden

Zum 1. Januar 2020 sind sie eins, die Friedenskirchengemeinde und die Evangelische Gemeinde Habinghorst. Mit den drei Pfarrern sprachen wir über Schmerz, aber auch Aufbruch und Chancen.

Castrop-Rauxel

, 02.07.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Treffen zum Interview mit den drei Pfarrern findet da statt, wo bald das Zentrum der Evangelischen Kirchengemeinde in Castrop-Rauxels Norden liegt: im Lutherhaus neben der Christuskirche in Ickern. Über die Zukunft und wie sie sie gestalten wollen, sprachen wir mit Sven Teschner, Claudia Reifenberger und Dominik Kemper.

Herr Teschner, Sie geben die Petrikirche und das Christophorusheim auf. War das wirklich nötig?

Teschner: Diese Frage haben wir uns natürlich gestellt. Wir mussten uns aber auch der Frage stellen, darf eine Kirche mit 400 Sitzplätzen, deren Sanierung 750.000 Euro kostet und so wenig ausgelastet ist, für eine solch ruinöse Summe saniert werden? Wir haben die Summe nicht und müssen uns eingestehen, dass eine Kirche mit 400 Plätzen an diesem Standort nicht gebraucht wird. Die Zahl der Kirchenmitglieder geht um 1 bis 2 Prozent im Jahr zurück.

Zur Person

Eine Pfarrerin wird die Gemeinde verlassen

Nina Ciesielski ist als Pfarrerin zurzeit auch noch in der Friedenskirchengemeinde. Sie ist aber lediglich in einem zweijährigen Probedienst. Der endet Ende Juli. Mit dem Erhalt ihrer Anstellungsfähigkeit am 1. August darf sie sich auf eine freie Pfarrstelle bewerben. „Ich werde erst einmal hier bleiben, aber eine Pfarrstelle bekomme ich hier sicher nicht.“ Die Hernerin kam als Elternzeitvertretung für Kemper und bleibe im Dienst der Gemeinde, bis sie eine neue Stelle findet. „Ich möchte im Ruhrgebiet bleiben“, sagt sie.

Aber so eine ehrwürdige Kirche aufzugeben, ist schon ein besonderer Schritt. Tut das nicht weh?

Teschner: Ja, das tut weh! Der Entschluss ist dem Presbyterium und mir nicht leicht gefallen. Es ist ein Verlust. Wir verbinden mit dem Gebäude viele Gefühle, haben dort Taufe gefeiert, Hochzeit, Konfirmation. Aber letztlich ist unser Glaube nicht an Steine gebunden. Wir sind davon überzeugt, dass es gut wird, wir im Stadtteil bleiben und wir Angebote erhalten. Es ist nicht statthaft, eine solche Summe zu investieren. Ja, unser Gemeindehaus ist stark frequentiert, aber da macht es auch keinen Sinn, das Gebäude zu erhalten, wenn man andere Möglichkeiten hat.

Reifenberger: Eine Kirche als Gebäude zu verlieren, ist tragisch. Weil ich glaube, dass eine Gemeinschaft von Menschen so ein Gebäude braucht. Es sieht fremd aus, ist kein Wohngebäude, ein Kontrapunkt zum Alltag. Die Silhouette ist wichtig auch für die Leute, die nicht hingehen. Aber das ist ja der Charme an diesem Konzept: Wir halten beides vor, klassische Kirchen und etwas Neues mit dem Ladenlokal. Wir tun das eine, ohne das andere zu lassen. Die Emotionen, der Schmerz, die Trauer sind aber nicht zu unterschätzen.

„Ja, das tut weh!“ Pfarrer Teschner im großen Interview über den Verlust der Petrikirche

Die Petrikirche in Habinghorst wird aufgegeben. © Tobias Weckenbrock

Was glauben Sie, Herr Teschner, wie es jahrzehntelangen Gemeindemitgliedern geht?

Teschner: Natürlich hängen Emotionen an der Kirche, natürlich verbinde auch ich viele Gefühle damit. Für mich ist das ein schwerer Schritt gewesen, mich davon zu verabschieden. Ich hoffe, dass alle, die im Moment noch sehr traurig, erschüttert, wütend sind, sich Zeit zum Trauern, Klagen und Erinnern nehmen und immer wieder zum Gespräch. Ich hoffe, dass unsere Gemeindeglieder sich nach und nach trösten lassen durch die Erfahrungen, die sie an anderen Orten unserer vereinigten Kirchengemeinde machen.

Das heißt: Man kann nicht auf die Idee kommen, die Evangelische Kirche gebe Habinghorst auf?

Teschner: Nein, wir wollen den Standort nicht aufgeben. Wir wollen ein Ladenlokal auf der Langen Straße für zunächst zehn Jahre mieten. Café Q, Weltcafé, Kinderküche, Sprachkurse – und wir wollen mit der Bevölkerung weitere Stadtteilangebote schaffen. Wir wollen auch nicht-mobilen Gruppen ein Zuhause bieten, die die Wege nach Ickern nicht schaffen. Und wir wollen einen Andachtsraum einbauen, in dem wir Gottesdienste anbieten. Wir wollen nah bei den Menschen sein. Dabei verkleinern wir uns schon, aber andere Angebote werden an der Christuskirche und im Lutherhaus Ickern stattfinden.

Was passiert da, wo die über 100 Jahre alte Kirche steht?

Teschner: Für das alte Grundstück gibt es einen Interessenten. Der ist in Gesprächen mit der Stadt um auszuloten, ob seine Vorstellungen realisierbar sind.

Wird es Gottesdienste in Habinghorst geben?

Teschner: Ja, wir arbeiten an einem Konzept für alle drei Standorte.

Herr Kemper, Frau Reifenberger, warum machen Sie bei dieser Vereinigung mit?

Kemper: Unsere Gemeinde ist schon seit 2003 vereinigt mit der Erlösergemeinde. Da musste man schauen, dass Dinge konzentriert werden. Kinder- und Jugendarbeit laufen in Ickern, die Gemeinde in Henrichenburg wäre allein zu klein.

Zur Sache

Die Gebäude und was damit passiert

  • Die Friedenskirchengemeinde hat rund 7000 Gemeindemitglieder, beide Gemeindeteile (Aapwiesen + Henrichenburg / Ickern + Ickern-End) haben etwa je 3500.
  • Die Petrikirche ist aus dem Jahr 1911 und damit das älteste der drei Kirchengebäude.
  • Die Erlöserkirche ist das jüngste: Sie wurde 1986 umgebaut, der kleinere Ursprungsbau ist in den 60er-Jahren entstanden.
  • Die Christuskirche in Ickern, die mit dem benachbarten Lutherhaus das Zentrum der neuen Gemeinde bilden wird, ist aus dem Jahr 1953 und wurde sukzessive renoviert. Die Bausubstanz ist laut Dominik Kemper auf einem guten Stand.

Befürchten Sie Akzeptanzprobleme einer weiteren Vereinigung?

Kemper: Wer das Kirchturmdenken haben will, der hat es - aber wir arbeiten daran, dass wir die Gemeinden durchmischen.
Reifenberger: Es gab zwei ausschlaggebende Faktoren: die Gebäudesituation in Habinghorst, in der Friedenskirchengemeinde war es der Wegfall der Pfarrstelle von Jürgen Dittmer. Mit 100 Prozent Arbeitskraft weniger muss man schauen, welche Arbeitsbereiche wie versorgt werden können.
Teschner: So läuft der Konfirmandenunterricht seit zwei Jahren zusammen, wir hätten am Wochenende zum zweiten Mal das Gemeindefest an der Waldbühne gefeiert, wenn der Raupenbefall nicht gewesen wäre.
Kemper: Das ist ein Neuaufbruch in die Zukunft. Wir sprechen zu viel darüber, was aufgegeben wird: Es gibt doch viel mehr Impulse! Man ist herausgefordert zu schauen, wie wir uns entwickeln wollen. Unsere Gemeinde hat eher ein missionarisches Profil, die Habinghorster ist eher diakonisch unterwegs. Es geht nicht um Kirchturmpolitik, sondern um eine inhaltliche Neugestaltung.

„Ja, das tut weh!“ Pfarrer Teschner im großen Interview über den Verlust der Petrikirche

Das Christophorusheim an der Wartburgstraße wird aufgegeben. Es gibt Sanierungsbedarf in Höhe von 1 Million Euro. © Tobias Weckenbrock

Die Wege werden aber weiter...

Teschner: So ist es. Wir haben aber Ideen für unterschiedliche Profile unserer Standorte: Wir haben das Gemeindezentrum Erlöserkirche mit der Option, durch unterschiedliche Bestuhlung ganz andere Gottesdienste zu feiern. Die Christuskirche ist eher klassisch, das Ladenlokal ist mittendrin und ganz anders.
Kemper: Das noch recht neue Format Worship-Café in Henrichenburg zeigt das schon beispielhaft.
Teschner: Der klassische Gottesdienst wird auch weiter in allen Ortsteilen angeboten, vielleicht aber nicht an allen Sonntagen.

Wie lief der Prozess ab?

Reifenberger: Es gab eine Steuerungsgruppe, besetzt mit Mitgliedern beider Presbyterien mit externer Beratung, die ein Jahr lang gearbeitet hat. So ist eine Landkarte unserer neuen Kirchengemeinde entstanden.
Teschner: Es wächst schon länger der Gedanke, dass wir eine Gemeinde sind. Wir wollen dieses frühe Stadium aber stärker herausbilden und so auch den Verlust eines traditionellen Standortes verarbeiten.
Reifenberger: Wir drei haben auf jeden Fall Lust dazu, auch wissend, dass eine Vereinigung viel Arbeit macht. Wir sind der Überzeugung, dass die notwendige Veränderung das Potenzial birgt, Neues zu entwickeln und mit Gemeindegliedern zu entdecken.

Sie alle machen das sehr professionell: Sie sagen, welche Chancen darin stecken...

Teschner: Es hat ja auch etwas Visionäres. Das begeistert und macht Spaß.

Was sind die nächsten Aufgaben?

Teschner: Wir haben jetzt die Gemeindeversammlungen, nachdem wir im Oktober über das große Ganze informiert haben. Die vereinigte Gemeinde braucht noch einen neuen Namen zum 1.1.2020. Die Öffentlichkeit ist aufgefordert, Vorschläge zu machen. Ab nächster Woche werden die Presbyterien die Vorschläge sichten und sich auf drei Vorschläge einigen. Danach geht es wieder in die Öffentlichkeit, am 1. September bei einer Gemeindeversammlung in der Christuskirche. Dann soll der Name gewählt werden.

Werden in der Verwaltung oder anderswo auch Stellen gestrichen?

Teschner: Die Presbyterien werden zusammengelegt. Wie es stellenmäßig weiter geht, wissen wir noch nicht.

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