„Der macht in unserem System kein Abitur“: ASG-Schulleiter hat bewegte DDR-Vergangenheit

rn30 Jahre Mauerfall

Heute ist Joachim Höck Schulleiter. Sein Lebensweg aber ist geprägt von Rebellion und Zweifel. Er wuchs in der DDR auf und erzählt nun, wie er dem diktatorischen System trotzte.

Castrop-Rauxel

, 09.11.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Joachim Höck ist seit Sommer der neue Schulleiter des ASG. Der Mann hat eine DDR-Vergangenheit. Heute vor 30 Jahren, am 9. November 1989, fiel in Berlin die Mauer. Ein viertägiges „Spektakel“ begann. Ein System fiel in sich zusammen. Wir erinnern uns mit dem Neu-Castrop-Rauxeler über die Steine, die ihm die SED-Diktatur damals in den Weg legte - weil er mit seiner Familie anders war als viele andere.

Höck über… Querstellen in der DDR

Geboren wurde Joachim Höck 1966 als fünftes von fünf Kindern in Magdeburg. Er wuchs bis 1976 in Wolmirstedt nördlich von Magdeburg auf. Von dort ging es in das 150 Kilometer entfernte Bad Kösen.

Zu der Zeit lag die Region noch in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). „Meine Eltern waren beide Pfarrer“, erzählt Höck. „Ich habe in der DDR eine Kindheit und Jugend erlebt, die nicht unbedingt im Mainstream lag.“

Höcks Eltern lehnten die sozialistische Weltanschauung ab. „Ich war weder bei den Pionieren (eine politische Massenorganisation für Kinder, Anm.d.Red.) noch bei der FDJ (Freie Deutsche Jugend, Anm.d.Red.).“ Bei einem Pfarrerskind sei dies geduldet worden, erklärt Höck. „Ich hatte aber einen ganz entscheidenden Nachteil. Die Lehrer an meiner alten Schule haben gesagt: Joachim Höck, Pfarrerssohn, nicht bei den Pionieren, nicht bei der FDJ, hat auch nicht vor, sich als Offizier bei der NVA (Nationale Volksarmee, Anm.d.Red.) zu verpflichten. Der geht nicht auf die erweiterte Oberschule! Der macht in unserem staatlichen Bildungssystem kein Abitur.“

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Die Berufslaufbahn sei davon abhängig gewesen, wie bereit man gewesen sei, sich für das System einzusetzen. „Dieser Weg war für mich also verbaut“, so Höck. Der evangelischen Kirche in der DDR war es jedoch erlaubt, drei Schulen in eigener Trägerschaft zu führen. „Ziel war das Abitur, aber es gab einem ausschließlich die Berechtigung, Theologie zu studieren. Das war der Weg, den ich wählte“, erzählt Höck.

Höck über… sein Bett neben dem Klassenzimmer

Höck besuchte die evangelische Kirchenschule in Naunburg und lebte dort im Internat. Der Klassenraum im ersten Jahr der Oberstufe lag direkt neben seinem Zimmer. „Ich glaube, so einen kurzen Schulweg hatte noch nie jemand. Das war schon witzig.“ Ob er pünktlich gewesen sei? „Gelassen pünktlich“, sagt Höck mit einem Augenzwinkern.

Doch dem System der DDR entkam er nicht. Nach der Schule folgten anderthalb Jahre Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee. Als „Sonderfall Mensch, der den Wehrdienst aus religiösen Gründen ablehnte“ landete Höck in der Baueinheit. „Wir haben die gleiche Grundausbildung gemacht, die Uniform getragen, aber nie eine Waffe in der Hand gehabt“, erzählt er.

Im Sommer 1989 ging es dann an die theologische Fakultät der Universität in Jena. Es war das Jahr der Wende. „Der Herbst 89 war für mich nicht nur ein Umbruch, sondern ein Glücksfall. Wir bekamen mit, was in Leipzig und in Ungarn an der Grenze passierte und haben uns als Theologiestudenten entschlossen, auch in Jena aktiv zu werden. Mit den sogenannten Fürbittengebeten, die im Grunde genommen dieser Stimmung einen Raum gaben.“

Höck über… Proteste und ungeahnte Möglichkeiten

Als die Montagsdemos in Leipzig begannen, veranstalteten er und seine Kommilitonen Schweigemärschen in Jena. Höck war bis 1990 Mitglied der Bürgerrechtsbewegung „Demokratie jetzt“. Die Öffnung der Mauer bot ungeahnte Möglichkeiten für den damals 24-Jährigen.

„Eine Freundin meiner Eltern aus Bochum rief mich an und sagte: Wenn du mal im Westen arbeiten oder studieren willst, dann kannst du bei mir wohnen.“ Höcks Abitur war in der Bundesrepublik für jedes Fach gültig, mit Ausnahme von Fächern mit Zulassungsbeschränkung. So ging er im April 1990 nach Bochum, studierte erst ein Semester Jura und wechselte dann zu Deutsch und Geschichte. „Das war ein alter Traum von mir.“

Ein Traum, den er sich in der DDR wegen seines Abiturs nie hätte erfüllen können. „Außerdem war klar: Ein Pfarrerskind unterrichtet in der DDR nicht Deutsch und Geschichte. Da liegen ja Welten zwischen staatlichem und meinem Verständnis von Literatur und Geschichte. Ich hätte gar kein Lehrer werden können.“

Höck über… Selbstzweifel und den Lehrberuf

Trotzdem fühlte sich Höck dem Lehrerberuf lange Zeit nicht gewachsen. „Ich habe bei Praktika während meines Studiums gemerkt, dass ich mich nicht wohl dabei gefühlt habe, vor einer Klasse zu stehen.“ Außerdem gab es zu viele Lehrer mit dieser Fächerkombination für Gymnasien, und ein Referendariat in der Sekundarstufe I wollte er nicht machen. „Ich wollte ans Gymnasium.“

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Daher arbeitete Höck nach seinem Examen 1998 für zwei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Bonn. „Danach bin ich wieder zu meiner Frau nach Herne gezogen. Sonst wäre die Familienplanung schwierig geworden.“ 2000 nahm Höck eine Stelle als Redakteur für einen Versandhandel in Waltrop an.

Nach vier Jahren kam der Gedanke an den Lehrerberuf zurück. Nach einem Praktikum an der Gesamtschule Herne folgte ein Referendariat in Essen von 2005 bis 2007. Am Marie-Curie-Gymnasium in Bönen merkte er, dass ihm Unterrichten zwar Spaß macht, aber auch Schulentwicklung. Er wurde kommissarischer Oberstufenleiter.

Nach der Station als stellvertretender Schulleiter am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Dülmen sitzt er heute im Schulleiterbüro des Adalbert-Stifter-Gymnasiums in Castrop. Er, das Pfarrerskind aus der ehemaligen DDR.

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