„Ich liefere doch nicht meine Frau ans Messer“

Jobcenter-Betrug

Eine Familie erhielt 4500 Euro zu vieI, weil in Anträgen ans Jobcenter Einnahmen bewusst fehlten. Ein 29-Jähriger hatte sie unterschrieben. Die Staatsanwältin kann seine Ehefrau nicht verstehen.

Castrop-Rauxel

, 03.08.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Seine Unterschrift brachte einen 29-Jährigen auf die Anklagebank, auf der bald seine Frau sitzen könnte.

Seine Unterschrift brachte einen 29-Jährigen auf die Anklagebank, auf der bald seine Frau sitzen könnte. © picture alliance/dpa

Haushaltsgemeinschaft. Bedarfsgemeinschaft. Welche Angaben gefragt sind, gibt das Formular genau vor. Exakt diesen Passus ließ sich der Strafrichter am Castrop-Rauxeler Amtsgericht von dem 29-jährigen Bauhelfer vorlesen.

Der las nicht nur flüssig vor, sondern hatte auf Nachfrage auch verstanden, worum es geht. Ein Grund mehr für den Richter, sich genarrt zu fühlen. Denn der 29-Jährige hatte zuvor in einer zähen Hauptverhandlung behauptet, viel zu dumm für derartigen Behördenkram zu sein. „Macht alles meine Frau, ich unterschreibe nur“, hatte er behauptet.

Was er so blauäugig unterschrieben haben will, war Betrug am Jobcenter und hatte ihn auf die Anklagebank gebracht. Bei den Angaben zur Berechnung der Beihilfe zum Lebensunterhalt der inzwischen 5-köpfigen Familie war die Unterhaltszahlung des leiblichen Vaters der heute 13-jährigen Tochter der Ehefrau verschwiegen worden.

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Jobcenter will Geld zurück

4547,19 Euro will das Jobcenter zurück. Der 33-jährigen Bearbeiterin waren Ungereimtheiten bei den Kontoauszugkopien der Ehefrau aufgefallen. „Null Euro, das hat mich stutzig gemacht“, sagte sie. Daher habe sie die Originalauszüge angefordert und entdeckte monatliche Gutschriften – Unterhalt für die Tochter.

Eine Rückfrage beim Amt für Unterhaltsangelegenheiten zeigte: Der Kindsvater zahlt zuverlässig. 127 Euro im Monat.

Über den Kontakt zum Angeklagten, dem Kunden des Jobcenters, konnte die Sachbearbeiterin nichts Auffälliges berichten. Sie habe immer den Eindruck gehabt, dass er genau wusste, worum es geht, habe ja auch befristete Jobs, für deren Laufzeit die Unterstützung gekürzt wurde, zeitnah gemeldet.

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Und was sagt die Ehefrau? „Ja, ich habe das so ausgefüllt, aber das Jobcenter hätte doch jederzeit nachfragen können. Ich nehme das auf meine Kappe“, fügte sie hinzu. „Eine unmögliche Ausrede“, echauffierte sich die Staatsanwältin. „Ein starkes Stück, so lange zu warten, bis der Ehemann auf der Anklagebank sitzt.“

Falsches Heldentum

Der Mann empfand das wohl nicht so, gab sich heldenhaft und sagte: „Ich liefere doch nicht meine Frau ans Messer.“ Doch da, wenn man es bei diesem drastischen Bild belässt, ist die Gattin nun doch gelandet. Die Staatsanwältin machte sich nämlich eifrig Notizen. Für eine Anzeige wegen Betruges gegen die Ehefrau, die dann den Platz auf der Anklagebank einnehmen kann.

Schlussendlich wurde das jetzige Verfahren gegen eine Geldauflage eingestellt. Der Angeklagte wusste wohl wirklich nicht, was er unterschrieben hatte. Doch seine Gattin wird künftig mit einem mulmigen Gefühl in den Briefkasten gucken, immer in Erwartung eines Schreibens der Staatsanwaltschaft.

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