Kampf gegen die Zeit und das Coronavirus: Wird die Millionen-Anlage bei Rütgers noch fertig?

rnRain Carbon

Im Rauxeler Rütgers-Werk läuft ein Kampf gegen die Uhr: Bis April soll die neue Millionen-Anlage fertig sein. Das Coronavirus hält die Chefs in Atem. Der Personaleinsatz ist groß - und es gibt Kritik.

Castrop-Rauxel

, 22.03.2020, 13:40 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rund 270 Mitarbeiter umfasst die Kolonne, die derzeit auf dem Werksgelände an der neuen HHCR-Anlage baut. Nicht immer sind alle gleichzeitig da und die Anlage, in der sogenannte wasserklare Harze aus einer Art Teer gewonnen wird, ist recht weitläufig: Sie erstreckt sich über eine Fläche von rund zwei Fußballfeldern. Aber doch ist viel los auf dem Gelände.

Es ist ein Wettlauf gegen die Uhr und die Ausbreitung des Coronavirus, den die Bauarbeiter da gerade bestreiten: Noch haben sie knapp zehn Tage Zeit, dann soll alles fertig sein. Dabei sind die Sicherheitsvorkehrungen im Werk gerade eigentlich besonders groß. Nur vielleicht nicht unter den Bauarbeitern selbst.

Fremdfirmen und Gäste werden derzeit eigentlich nicht auf das Gelände gelassen - wenn es nicht notwendig ist. Bei dieser Baustelle aber will man fertig werden. Denn die 60 Millionen Euro, die Rain Carbon hier bei Rütgers in Rauxel für die hochmoderne Anlage investiert hat, sollen sich bald rentieren.

Produktion soll im April anlaufen

Hier werden künftig rund 50.000 Tonnen der wasserklaren Harze im Jahr produziert - rund 10 bis 15 Prozent der weltweit produzierten Menge, sagte Dr. Günther Weymans, der Geschäftsführer bei Rütgers Germany, vor einigen Monaten. Damals weihte man die Anlage schon ein und hatte auch den Rain-Carbon-Präsidenten Gerard Sweeney zu Gast. Ab April soll sie dann wirklich produzieren.

So kamen die Mitarbeiter vor sechs Wochen noch mit einem Bus zur Baustelle: Sie parken auf dem Ex-Dehner-Gelände, von dort gibt es einen Shuttleservice. „Jetzt fahren sie mit drei Bussen“, erklärt Geschäftsführer Brand D‘hondt - „und jeder muss mit Abstand zu einem anderen sitzen“.

Der Abstand wird nicht immer eingehalten: Das wollen Zeugen des Busverkehrs beobachtet haben, der die Verkehrssituation auf dem Werksgelände selbst entzerren soll. Die Busse seien zum Teil voll. Und im Werk selbst sind auch nicht überall die zwei Meter Hygieneabstand zwischen den Männern: Bei einer Pause an einem der Arbeitscontainer sitzen sie direkt beieinander und essen etwas, um sich für die weitere Arbeit zu stärken.

Auf 16 „Operators“ aus der Rütgers-Belegschaft komme es besonders an, sagen die Chefs: Sie sind für den Betrieb der Anlage verantwortlich. Stand jetzt hat man das Anfahren der Anlage schon begonnen. Der Teil der Anlage, der Wasserstoff produziert und von der Firma Messer betrieben wird, läuft schon seit Ende Januar. Die Kühlwasser-Anlage: läuft schon. Die Notfackel, die einen entstehenden Überdruck ablüften kann, ist fertig und genehmigt.

In der HHCR-Anlage wird schon ab Anfang April, so der Plan, wasserklares Harz gewonnen. Sie ist die modernste Anlage, die die Rain-Gruppe weltweit hat. Hier sieht man den Gebäudeteil mit dem Pastillierband.

In der HHCR-Anlage soll schon ab Anfang April wasserklares Harz gewonnen werden. Sie ist die modernste Anlage, die die Rain-Gruppe weltweit hat. Hier sieht man den Gebäudeteil mit dem Pastillierband. © Tobias Weckenbrock

Das sogenannte Pastillierband, eine Art Fließband, das durch ein abgeschirmtes Gebäude läuft, ist fertig. Günther Weymans: „Das Drumherum ist also fertig. Dann kommt aber der große Moment: Der Hydrierreaktor muss angefahren werden.“ Das passiere in den nächsten zwei Wochen. „Jetzt bitte nicht Corona“, sagt der Chef.

Auf 16 Operators kommt es besonders an

Im schlimmsten Fall für Rütgers muss der Start verschoben werden: dann, wenn die 16 Operators anderswo an Schlüsselstellen im Betrieb gebraucht würden, weil dort andere Mitarbeiter erkrankt sind.

Dr. Günter Weymans (62), Geschäftsführer von Rütgers Germany, in seinem Büro in Rauxel.

Dr. Günter Weymans (62), Geschäftsführer von Rütgers Germany, in seinem Büro in Rauxel. Er hofft, dass die HHCR-Anlage noch fertig wird. Ab April soll sie laufen und den Standort unersetzlich machen für den weltweit agierenden Mutterkonzern Rain Carbon Inc. © Tobias Weckenbrock

COO Günther Weymans muss weiter denken: „Nach der Coronakrise kommt die Wirtschaftskrise“, sagt er. „Die Automobilindustrie fährt runter, die Abnehmer unserer Harze ist. Dafür werden aber in der Klebstoffindustrie unsere Harze verstärkt gebraucht.“ Die benötige man zum Beispiel für Atemschutzmasken. Und die Aluminium-Industrie brauche das Pech von Rütgers. So sei man „teilweise krisenresistent“, sagt er: „Aber wir wissen auch nicht, was kommt.“

Zum Thema Kurzarbeit erklärt er: „Ich bin im Moment froh, dass all unsere Leute da sind.“ 22 der unternehmenseigenen rund 470 Mitarbeiter mussten bis Mitte vergangener Woche wegen Verdachtsmeldungen wie Husten, Schnupfen oder Kontakt zu einer Person, die Kontakt zu einem Infizierten hatte, herausgenommen werden. „Wenn wir sie nach Hause schicken“, sagt Weymans, „dann weil wir froh sind, dass wir sie haben“.

„Solidarpakt“ gilt weiter

Man muss dazu auch wissen, dass die Firma mit ihren Rauxeler Angestellten, der Gewerkschaft und dem Betriebsrat einen „Solidarpakt“, so Weymans, geschlossen hat. Der sichert ihnen fünf Jahre Weiterbeschäftigung zu. Ausschließen, sagt der Chef, wolle er Kurzarbeit nicht. „Aber zurzeit kann ich mir ein solches Szenario nicht vorstellen.“

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