CDU, FDP, FWI, Linke und Grüne ermöglichen Rajko Kravanjas Erfolg

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Fünf Kandidaten standen als Bürgermeister zur Wahl. Nur Rajko Kravanja (SPD) konnte gewinnen. Und dafür sind die anderen Parteien ganz entscheidend verantwortlich, meint unser Autor.

Castrop-Rauxel

, 14.09.2020, 09:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Rajko Kravanja hat als Bürgermeister von Castrop-Rauxel Johannes Beisenherz beerbt. Das Amt ist ihm nicht in den Schoß gefallen, er musste es sich in einem harten Ringen gegen seinen Kontrahenten Michael Breilmann von der CDU erobern.

Kravanja hatte sich zuvor in der SPD-Fraktion eher einen Ruf als „Krawallja“ erarbeitet, war sowohl im Rat als auch in den Ausschüssen nicht gerade als Mann der feinen Klinge, sondern eher des groben Schwerts aufgefallen.

Und so einer sollte 2015 dazu angetan sein, die Stadtverwaltung, in der sehr viele Menschen sehr verschiedene Interessen haben, zu führen, eine chronisch klamme Stadt zu prägen und in der Politik tragfähige Mehrheiten zu erreichen? Nicht wenige Menschen in Castrop-Rauxel hatten ihre Zweifel.

Kravanja hat sich Amtsbonus erarbeitet

Und nun, fünf Jahre später? Hat sich Kravanja nicht zuletzt durch sein Auftreten in der Corona-Krise einiges an Achtung erarbeitet. In seinen Bürgermeister-Jahren ist der Ickerner vom Lautsprecher zum Vermittler mutiert, zu einem Mann, der sowohl im Rat wie auf dem Marktplatz funktioniert.

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Hier soll keine Lobeshymne gesungen werden, hier soll erklärt werden, dass er sich einen Bonus gesichert hat, den sich Amtsinhaber meistens erarbeiten können. Kravanja hat das geschafft mit vielen sehr maßvollen Worten, mit viel Einsatz in politischen Sitzungen, in Facebook-Sprechstunden und bei Kuchen-Besuchen.

Da trat also am Sonntag ein Mann an, der recht glaubhaft den bürgernahen Ickerner verkörpert, der Familienvater ist, den SPD-Vorteil und den Amtsbonus im Rücken hat.

Parteien kannten die Ausgangslage genau

Und was haben die anderen Parteien in Castrop-Rauxel getan, um dem Amtsinhaber einen Kandidaten entgegen zu setzen, der die Aussicht hatte, auf Augenhöhe mit Rajko Kravanja um Wählerstimmen zu buhlen?

Ganz einfach: Die anderen Parteien haben es verhauen. Ganz vorne dabei ist die CDU, die mit Michael Breilmann vor fünf Jahren einen nahezu ebenbürtigen Bewerber ins Rennen geschickt hatte. Der aber will heute nicht mehr ins provinzielle Amt in Castrop-Rauxel, sondern spekuliert lieber auf den Bundestag in Berlin.

Kann man machen, kostet die Partei vor Ort aber Boden. Wen schickten die Christdemokraten statt Breilmann in den Wahlkampf gegen den alerten, burschikosen und dauerlächelnden Bürgermeister?

Oliver Lind: Mehr kantig denn vermittelnd

Oliver Lind, einen schon in den politischen Gremien mehr kantig denn vermittelnd auftretenden Kandidaten, der zugibt, dass er vielleicht mal etwas brauche, um sich auf Leute einzustellen. Einen Mann, der weniger ob seines verbindlichen Lächelns denn ob seiner Fachlichkeit ankommen will.

Große Fachkenntnis streitet ihm niemand ab. Aber das hat noch nie ausgereicht, um ein Amt zu ergattern, in das man vom Volke direkt gewählt wird. Da braucht man auch Ausstrahlung, Charisma, Nähe.

Womit wir beim nächsten hoffnungslosen Kandidaten sind. Er werde nicht als reiner Zählkandidat in die Wahl geschickt, haben FWI, Linke und Grüne bei der Vorstellung von Manfred Fiedler (Grüne) als Konsens-Kandidaten der drei kleinen Parteien berichtet. Das hat geklappt, denn viele Stimmen mussten die drei Parteien mit Fiedler nicht zählen. Auch der ist menschlich und fachlich untadelig. Aber ein vor Ideen und Charme sprühender Kandidat, ein Mann, der den Bürgermeister jagen und stellen kann, sieht anders aus.

Bliebe noch Nils Bettinger, der wieder für die FDP antrat. Und wieder muss es heißen: Fachlich ein heißer Kandidat, der aber schon vor fünf Jahren nicht an Zahlen heran kam, die sein Vorgänger Christoph Grabowski vorgelegt hatte. Der war offenbar näher an Volkes Stimme und traf den Ton, den die Menschen hören wollen. Bettinger bekam diesmal die Breitseite, die Ohrfeige schlechthin: Er erhielt weniger Stimmen als Mario Rommel.

Parteien haben eine echte Chance verpasst

Auf welche Ideen hätten die Parteien im Wettstreit mit der SPD nicht alles kommen können: Man hätte gar, verwegen, verwegen, endlich in Castrop-Rauxel die Chance ergreifen und eine Frau als Kandidatin platzieren können. Um so nicht nur inhaltlich, sondern auch vom Auftreten einen echten Konterpart zum Amtsinhaber vorzustellen.

Man hätte als CDU gemeinsam mit möglichen Weggefährten wie der FWI oder/und der FDP einen Mann oder eine Frau antreten lassen können, der/die die Menschen der berühmten Mitte auch in Ortsteilen erreicht, die eher zu den SPD-Hochburgen zählen.

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So aber traten vier mittelalte Männer an, um einen anderen, etwas jüngeren Mann herauszufordern. Das klang ganz und gar nicht erfolgversprechend für alle Menschen, die Rajko Kravanja nicht als Idealbesetzung auf dem Bürgermeister-Stuhl sehen und sich bei der Wahl einen echten Konkurrenten gewünscht hätten. Und es war nicht erfolgreich.

„Ich will nicht sagen, ich kann es besser, aber wenn man nicht mindestens den Eindruck hat, man könne es genauso gut, dann würde man ja nicht antreten“: Das hat Oliver Lind im Januar gesagt, als er als Kandidat aufs Schild gehoben wurde. Eine Kampfansage klingt anders. So wird man nicht Bürgermeister. Auch nicht in der nun anstehenden Stichwahl.

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