Auf Streife in Corona-Zeiten: „Mach Maske, die sind vom Ordnungsamt!“

rnCorona-Kontrollen

Die Corona-Regeln zu kontrollieren, kann heikel sein. Gerade kurz vor dem Lockdown. Wir haben das Castrop-Rauxeler Ordnungsamt am Samstagabend begleitet – und in die Welt der Grauzone geschaut.

Castrop-Rauxel

, 01.11.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Ihre Familien haben es auch heute wieder zu ihnen gesagt: „Pass auf dich auf und komm heile wieder!“ - „Das spricht für sich, oder?“, sagt Christian Stallmann. Zusammen mit Jonas Klumpen ist er an diesem Samstagabend im Einsatz. Unterwegs für Corona-Kontrollen.

Anderswo sind Ordnungsamtsmitarbeiter bespuckt worden, wenn sie Menschen auf die Maskenpflicht oder das Abstandsgebot aufmerksam gemacht haben. „Bedroht wurden wir noch nicht. Aber Beleidigungen sind an der Tagesordnung“, erzählt Jonas Klumpen.

An sich heran lasse er die nicht: „Das prallt ein Stück weit ab: Ich weiß, dass sich das nicht gegen mich richtet, sondern gegen meine Uniform.“ Die Einsätze seien Routine, „es hat sich eingeschliffen“, sagt er. Seit März sind die beiden unterwegs. Häufig im Team. Beide sind nicht erst seit Corona-Zeiten beim Kommunalen Ordnungsdienst (KOD).

Es geht los mit der Anmeldung bei der Polizei

Um kurz nach 19 Uhr beginnt die Schicht für beide am Rathaus – ausnahmsweise im Mannschaftswagen, wegen der ungewohnten Begleitung durch einen Journalisten und eine Mitarbeiterin der städtischen Pressestelle. Der erste Weg führt die beiden zur Polizeiwache im Erin-Park. „Anmelden“, sagt Klumpen. Im Zweifel können beide Seiten profitieren, wenn Helfer gefragt sind.

Es könnte eine Menge Arbeit auf sie warten. Es ist Halloween und der letzte Samstag vor dem Lockdown. Vorerst die letzte gute Möglichkeit, noch mal in die Kneipe oder ins Restaurant zu gehen. Aktuell gilt die Regel: Maximal fünf Personen dürfen sich gemeinsam auf der Straße aufhalten, es sei denn, sie gehören zum gleichen Haushalt.

Ihren Einsatz beginnen Christian Stallmann und Jonas Klumpen in der Castroper Altstadt. Hier gilt es, nicht nur auf die Einhaltung der Gruppengröße zu achten, sondern auch auf die Maskenpflicht.

7er-Gruppe Jugendliche feiert Halloween

Stallmann lenkt den Wagen durch die Straßen, aus dem fahrenden Wagen achten die beiden auf Auffälligkeiten. Es dauert nicht lange, bis sie die erste entdecken. An der Ecke Biesenkamp / Obere Münsterstraße treffen sie eine 7er-Gruppe Jugendliche, maskiert, wenn auch eher wegen Halloween, als wegen Corona.

Und schon sind wir mittendrin in der Grauzone: Denn eigentlich dürften die beiden KOD-Mitarbeiter nun die Personalien aufnehmen, den Verstoß gegen die 5er-Regel sanktionieren. Doch will man das, nur weil die Mädchen zu siebt durch die Stadt ziehen? Jonas Klumpen belässt es bei einer Ermahnung.

Das Fahrzeug des Ordnungsamts am Samstagabend in der Castroper Altstadt.

Das Fahrzeug des Ordnungsamts am Samstagabend in der Altstadt. © Matthias Langrock

„Sollten wir Sie noch mal antreffen, dann nehmen wir die Personalien auf. Dann droht Bußgeld. Wir sind noch ein paar Stunden unterwegs.“ Allerdings müssen sich die sieben als Gruppe trennen, vier hierhin, drei dorthin. Dass es gut möglich ist, dass die Jugendlichen sich einfach zu siebt in irgendeiner Wohnung treffen, unter viel Corona-problematischeren Bedingungen als draußen auf der Straße, ist den beiden auch klar. Aber so sind die Vorschriften. „Leid tun mir die Jugendlichen nicht“, sagt Klumpen. „Es ist sehr gnädig, dass wir kein Bußgeld verhängen. Die Regeln gelten für alle.“

Weg sind sie – noch vor den Kontrollen

Weiter geht’s zum Busbahnhof. „Da ist immer was los“, sagt Stallmann. Auch am Samstag wieder. An den Haltestellen stehen vor allem Jugendliche. Einige laufen sofort weg, auch ohne dass Verstöße überhaupt erkennbar wären. „Mach Maske, die sind vom Ordnungsamt“, ruft eine ihrer Freundin zu. „Geh um die Ecke“, ruft eine andere. Und weg sind sie.

Christian Stallmann (l.) und Jonas Klumpen kontrollieren am Halloween-Abend (31.10.) in der ganzen Stadt mögliche Verstöße gegen die Corona-Richtlinien.

Christian Stallmann (l.) und Jonas Klumpen kontrollieren am Halloween-Abend (31.10.) in der ganzen Stadt mögliche Verstöße gegen die Corona-Richtlinien. © Matthias Langrock

Zurück im Auto, unterwegs nach Norden: Der Lockdown ab Montag werde ihnen die Arbeit erleichtern, sagt Klumpen. Es gebe weniger Grauzone, mehr, was geschlossen werden müsse. Stallmann ergänzt: „Das Wetter spielt uns auch noch in die Karten.“

So auch bei dieser Schicht, zumindest ab etwa 20 Uhr: Denn es regnet. Jonas Klumpen und Christian Stallmann wissen ziemlich genau, wo sie am ehesten auf Menschen treffen: am Berliner Platz, am Schulhof von Berufskolleg und Fridtjof-Nansen-Realschule, auf dem Marktplatz in Ickern, wo gerne mal die Tuning-Szene ihre Wagen präsentiere. All diese Plätze fahren wir ab. Doch es bleibt ruhig.

„Hast du ne Pizzeria? Nein? Dann hast du kein Problem“

In der Langen Straße spürt man, worauf es ankommt: den richtigen Ton zu finden. „Warten Sie auf den Bus? Dann bitte mit Maske“, ruft Christian Stallmann im Fahren Passanten zu. „Hier muss ich mal aussteigen“, befindet er wenig später und betritt einen Imbiss, um vorsorglich auf die Regeln hinzuweisen. Vor der Langen Straße 107 steht eine Gruppe: „Montag alles zu, Chef?“, fragt einer der Männer, die an der Ecke stehen. „Hast du ne Pizzeria? Nein? Dann hast du keine Probleme“, antwortet Stallmann.

Auf dem Weg durch die Lange Straße haben Stallmann und Klumpen einige falsch geparkte Wagen entdeckt. An der Ecke Borghagener Straße wenden sie. Auf dem Rückweg fotografieren sie die Autos und schicken die Fotos an die Verkehrsüberwachung. In den kommenden Tagen werden die Halter wohl Post bekommen.

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Spannend wird es wenig später: Als Christian Stallmann das Gelände der Agora in Ickern betritt, sind Stimmen zu hören. Menschen laufen weg, Stallmann und Klumpen hinterher. Sie rufen, leuchten mit Taschenlampen. Doch niemand meldet sich. Das ganze Gelände suchen die beiden nicht ab, auch nicht das Waldstück. „Wir suchen die nicht auf Biegen und Brechen. Ist auch nicht so gewollt“, sagt Jonas Klumpen.

„Warum hatten Sie es so eilig?“

Es wird nicht das letzte Mal an jenem Abend bleiben, dass Menschen vor den beiden fliehen. Hinter Real und Media Markt in Habinghorst trennt sich eine Gruppe, zwei von ihnen treffen Stallmann und Klumpen später. „Warum hatten Sie es so eilig? Wir sind doch nur vom Ordnungsamt“, fragt Stallmann. „Mein Kollege hat ganz, ganz schlechte Erfahrungen mit Ihnen gemacht“, antwortet der Jugendliche.

Es bleibt bei einer Ansprache. Das Gespräch verläuft freundlich. „Man entwickelt für alles ein Gespür“, sagt Jonas Klumpen, merke, welche Menschen harmlos seien. Andere träten deutlich arroganter auf, ließen die KOD-Leute auch mit ihrer Wortwahl spüren, dass sie „glauben zu wissen, was sie dürfen und was sie nicht dürfen“. Heute treffen wir solche Leute nicht.

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Wohl aber wenig später noch eine Gruppe von sieben männlichen Jugendlichen, die durch die Altstadt laufen. Auch hier das fast schon gewohnte Bild: Drei nehmen sofort Reißaus, rennen Richtung Leo und weiter am ASG vorbei. Stallmann läuft ein paar Schritte hinterher, bricht dann aber ab: „Wir machen uns nicht lächerlich“, meint er. „Bis ich meine 115 Kilo auf Geschwindigkeit habe, sind die über alle Berge.“ Zumal er ohnehin nicht weiß, ob es irgendeinen Verstoß gibt.

Der Vater ist nach zwei Minuten da

Die anderen drei fordert Klumpen auf, ihre Freunde zurückzuholen. Doch bevor das geschieht, seit der ersten Ansprache sind gefühlt keine zwei Minuten vergangen, fährt ein Wagen vor, parkt vor dem Bogi‘s. Ein Mann steigt aus, fragt: „Gibt es ein Problem?“ Einer der drei sei sein Sohn. Stallmann und Klumpen klären die Situation. Zwei der Jungs werden weggeschickt, der Mann steigt mit seinem Sohn wieder ins Auto.

21.20 Uhr. Für uns ist der Abend vorbei. Christian Stallmann und Jonas Klumpen sind noch bis 2.15 Uhr in der Nacht unterwegs. Gegen 23.30 Uhr ermahnen sie eine Gruppe Jugendlicher. Bei der Kontrolle der Sperrstunde stellen sie keine Verstöße fest. Ein Bußgeld haben sie an diesem Abend nicht verhängt. Ermahnt eine Menge.

Und am Ende sind sie heile nach Hause gekommen. Wie ihre Familien es gewollt haben.

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