Kurzarbeit alternativlos? Keine Zweifel trotz der Erfolge von Rütgers

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Auch ein Unternehmen, das seit 2019 eigentlich eine lange ersehnte Blütezeit erlebt, muss der Corona-Pandemie Tribut zollen. Alles deutet darauf hin: Kurzarbeit bei Rütgers war alternativlos.

Castrop-Rauxel

, 18.06.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Über Rütgers in Castrop-Rauxel schien der Himmel wieder blau zu sein: Nach den dunklen Wolken aus den Jahren 2018 und Anfang 2019 klarte es stark auf. Der Bau neuer Anlagen sicherte die Werkszukunft und ein Fünf-Jahres-Abkommen zwischen Geschäftsführung und Belegschaft die Beschäftigung vieler der fast 500 Mitarbeiter. Selbst die Corona-Pandemie schien dem Unternehmen nichts anhaben zu können.

Doch nun muss sich das Chemiewerk mit Standorten in Castrop-Rauxel und Duisburg mit insgesamt 650 Mitarbeitern auch beugen. Den gerade erst anlaufenden neuen Anlagen wie der für die wasserklaren Harze zum Trotz - und vor allem den Rekordzahlen aus 2019: Die gesamte Rütgers-Gruppe mit Standorten in Kanada, Polen, Russland, Belgien, den Niederlanden und den deutschen Werken schrieb im Ergebnis einen Gewinn von 180 Millionen Dollar. Rütgers Germany kam auf einen Gewinn vor Sondereffekten von 40 Millionen Euro, das zweitbeste Jahr der Geschichte in Castrop-Rauxel und Duisburg.

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Und nun: Muss es sich beugen? Oder beugt es sich ohne Not?

Wer einmal nachdenkt, kommt schon selbst darauf: Dass die weltweite Wirtschaftskrise auch ein Chemiewerk in Castrop-Rauxel treffen wird war klar. Mit einiger Zeitverzögerung allerdings, und das macht es schwerer vermittelbar. Denn als zum Beispiel die Automobilhersteller in Deutschland schlossen, da lief Rütgers weiter im Hochbetrieb.

Im Frühjahr lief noch alles auf Hochtouren

Am 31. März machte Volkswagen seine Werke bis Mitte April zu. Da waren auf dem Rütgers-Gelände noch mehr als 100 externe Arbeiter und die unternehmenseigenen Leute damit beschäftigt, neben dem Tagesgeschäft die Fertigstellung der HHCR-Anlage zu bewerkstelligen. Unter dem Druck, sich nicht mit Corona zu infizieren. Auch die Vorbereitungen für die Aufbauten der Riesen-Anlagen im neuen Dual-Solvent-Prozess mussten laufen. Schließlich liegt die Zukunft des Werksstandortes neben der Carbores-Herstellung genau auf diesen Schultern.

Jetzt aber, wo diese Großprojekte weitgehend abgeschlossen sind, wurde offenbar: Die Nachfrage auf dem Weltmarkt für Rütgers-Produkte ist rückläufig. Das hängt mit anderen Industrien zusammen, die diese Produkte weiterverarbeiten - zum Beispiel in Autoreifen. Wer keine Autos mehr baut, braucht keine neuen Autoreifen. Das kommt bei den Reifenherstellern an, und die kaufen weniger von dem, woraus sie Autoreifen bauen. Bei Rütgers Germany.

Dr. Günther Weymans (62), Manager bei Rain Carbon, muss nun mit ansehen, wie bei Rütgers die Anlagen nicht mehr im Vollbetrieb laufen. Der Markt für die Produkte des Chemieunternehmens ist eingebrochen.

Dr. Günther Weymans (62), Manager bei Rain Carbon, muss nun mit ansehen, wie bei Rütgers die Anlagen nicht mehr im Vollbetrieb laufen. Der Markt für die Produkte des Chemieunternehmens ist eingebrochen. © Tobias Weckenbrock

Rain-Carbon-Manager Günther Weymans, der in Rauxel, aber eigentlich weltweit arbeitet, sagt: „Die Märkte um uns herum brechen zusammen: Es fing im April an, da waren wir noch guter Dinge. Aber es war viel schlimmer als in der Finanzkrise. Das 1. Quartal lief auf Rekordkurs. Wir haben das 2. Quartal relativ gut überstanden. Aber nachdem wir viele Projekte umgesetzt haben, merken wir, dass die Arbeit nun weniger wird.“ Seit etwa einem Monat liefen die Anlagen nicht mehr im Vollbetrieb.

„Jetzt hat sich der Nebel um uns herum gelichtet, wir haben mehr Klarheit.“
Günther Weymans, Manager bei Rain Carbon

Mit der Inbetriebnahme der Projekte, so Weymans, habe sich der „Nebel um uns herum gelichtet, wir haben mehr Klarheit“. Und die besage: „Wir haben weniger zu tun und wollen das sozialverträglich ohne Entlassungen regeln.“

Fünf-Jahres-Vertragwerk sichert Stellen

Das geht auch nicht - wegen des oben erwähnten Fünf-Jahres-Vertrags mit Gewerkschaft und Betriebsrat. Das konnte die Geschäftsführung zusagen in dem Wissen, dass man sich gerade zukunftsfähig machte.

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Dieser Vertrag, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ulrich Sternemann am Donnerstag, habe ihm und der Gewerkschaft IGBCE „eine gute Verhandlungsbasis“ gegeben. „Es konnte damals keiner ahnen, dass wir auf eine so große Wirtschaftskrise hinsteuern.“ Aber jetzt helfe das umso mehr. „Wir haben die Krise gut gemeistert, letztlich ist es aber auch so, dass die Sinne vielleicht nicht für alle Dinge geschärft sind, wenn es toll läuft“, erklärt Sternemann.

Ulrich Sternemann, Betriebsratsvorsitzender der Rütgers Germany GmbH seit 10. April 2018

Ulrich Sternemann, Betriebsratsvorsitzender der Rütgers Germany GmbH seit 10. April 2018 © Tobias Weckenbrock

Rütgers habe gute Strukturen, gute Ansätze bei der Geschäftsführung „und eine super Belegschaft, die bewiesen hat, Krisen zu meistern“, sagt der Betriebsrats-Chef. Man stehe im engen Austausch mit der Geschäftsführung. „Falls die Konjunktur anziehen sollte und sich das so darstellt, dass wir wieder gut verkaufen, brauchen wir nicht viele Argumente, das Unternehmen dazu zu bringen, aus der Kurzarbeit wieder auszusteigen.“

Donnerstag verschickte der Betriebsrat das Maßnahmenpaket schriftlich an die Belegschaft, die davon in der digitalen Betriebsversammlung Mittwoch mündlich erfuhr. „Uns ist wichtig“, sagt Sternemann, „dass alle Mitarbeiter sich an uns wenden, dass wir in einen Austausch kommen“. Das sei in diesen Zeiten schwierig, aber nur daran könne sich der Betriebsrat orientieren.

Viele individuelle Fragen

Zurzeit sammle man Fragen und werde sie gebündelt in einem FAQ für alle beantworten. Es gebe individuelle Fragen und vor allem die nach dem genauen Handling. Denn die Regelung betreffe jeden Mitarbeiter auf andere Weise.

Bram D'hondt ist Geschäftsführer von Rütgers Germany. Er wird wie 450 von 600 Mitarbeitern auch einen Tag in der Woche weniger arbeiten.

Bram D'hondt ist Geschäftsführer von Rütgers Germany. Er wird wie 450 von 600 Mitarbeitern auch einen Tag in der Woche weniger arbeiten. © Tobias Weckenbrock

Die Geschäftsführung spricht von Nettolohn-Einbußen zwischen 6 und 8 Prozent bei 20 Prozent weniger Arbeitszeit. Sternemann sieht aber Detail-Sorgen: „Wenn jemand finanziell starke Einbußen hat und auch von Kurzarbeit in der Familie schon betroffen ist, dann sieht er das sicher anders als andere mit der neuen Freizeit.“ Diese Rechnung aufzumachen, sei schwer. „Wir haben versucht, das sozial so gut es geht abzufedern“, sagt er.

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