Wenn Sie sich für Bücher interessieren, ist die Auswahl schier unendlich groß. Unsere Redaktion empfiehlt Ihnen, was sie bedenkenlos in die Hand nehmen können. © dpa
Buchtipps

Lesen während des Corona-Lockdowns: Redaktion stellt Bücher vor

Während des Lockdowns bleiben wir zuhause. Doch irgendwann ist Netflix langweilig und genug Yoga haben wir auch gemacht. Darum stellen wir lesenswerte Bücher vor. Machen Sie es sich mit diesen Titeln gemütlich.

Um uns und andere Menschen zu schützen, bleiben wir während des Lockdowns zu Hause. Doch nachdem wir den letzten Film bei Netflix geschaut, genug Yoga mit Mady Morrison gemacht und alles möglich genäht haben, kommt Langeweile auf.

Darum gibt unsere Redaktion Lesetipps. Machen Sie es sich mit diesen ausgewählten Titeln gemütlich. In mehreren Kategorien stellen wir unsere persönlichen Lese-Highlights vor.

Der Klassiker: Hundert Jahre Einsamkeit

Könnte ein Buch die Stimmung des Lockdowns besser beschreiben als „Hundert Jahre Einsamkeit“? In seinem großen Roman von 1967 schafft Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez genau das, 53 Jahre vor der Corona-Pandemie.

„Hundert Jahre Einsamkeit“ zeigt, dass auch im Tragischen etwas zum schmunzeln stecken kann. © Fischer verlag © Fischer verlag

Der Leser lernt sechs Generationen der südamerikanischen Familie Buendia und die mit ihnen eng verwobene Geschichte des kleinen Örtchens Macondo irgendwo im Nirgendwo kennen. Obwohl die Buendias im Verlauf der Handlung so illustre und unterschiedliche Gestalten hervorbringen wie einen Revolutionsführer, einen Partykönig, einen Weltumsegler und das womöglich schönste Mädchen der Welt, verbindet sie doch immer eins: Alle Buendias fühlen sich einsam und isoliert in ihrer Umwelt.

Trotz der eigentlich tragischen Umstände – keinem Familienmitglied ist ein glückliches Leben vergönnt, so viel sei verraten – bringt Gabriel García Márquez eine gewisse Leichtigkeit und Humor in seine Familiensaga hinein. Skurrile Episoden, etwa wenn der Buendia-Stammvater entdeckt, wie man Wasser hart macht – Tipp: dann wird es kalt – oder Hunderte Nonnenschülerinnen, die teilweise bis zum nächsten Tag darauf warten, das einzige Bad benutzen zu dürfen, schaffen es doch ein Lächeln auf die Lippen des Lesers zu zaubern. Und zeigen damit, dass man auch den schwersten Zeiten etwas zum Schmunzeln abgewinnen kann.

Gabriel García Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit, 528 S., S. Fischer, 13 Euro, ISBN 978-3596907052

Neu entdeckt: Kurt

Wenn Moderatoren oder Moderatorinnen Bücher schreiben, muss das nicht unbedingt gut gehen. Aber es kann. Es kann sogar sehr gut gehen. Das zeigt Sarah Kuttners vierter Roman.

„Kurt“ heißt er, kurz und knapp. Und passend. Denn Kurt heißt der Partner der Ich-Erzählerin Lena. Und Kurt heißt auch der Sohn. Sein Sohn, das Kind stammt aus einer vorherigen Beziehung. Lena ist also nicht die Mama von Kurt. Sie hat den sechsjährigen Jungen sehr gern, hadert aber mit ihrer Rolle, das wird schnell deutlich: Darf sie Kurt Vorschiften machen? Darf sie ihn erziehen?

„Kurt“ erzählt die Geschichte einer Patchworkfamilie. © S. Fischer © S. Fischer

Ah, es geht um Patchwork-Familien und deren Probleme im Alltag, könnte man denken. Doch es geht noch um viel mehr. Denn Klein-Kurt stirbt. Ein tragischer Unfall reißt ihn aus seinem Leben in einem brandenburgischen Dorf, einem Leben zwischen Mama, Papa und dessen Freundin.

Und plötzlich geht es nicht nur um Alltagsfragen, um Lebensformen und Ansprüche in neu zusammengewürfelten Familienkonstellationen, sondern um Tiefergehendes: Wie kann man jemanden trösten, der seinen Sohn verloren hat? Geht das überhaupt? Und wie zum Teufel verhält man sich als Freundin des Papas? Darf man da auch trauern?
„Kurt“ ist ein kluge, anrührende Geschichte über Tod und Trauer, die durch die Patchwork-Konstellation eine besondere Dimension bekommt. Sie ist nüchtern geschrieben, geht aber gerade in ihrer Klarheit ans Herz, weil sie nie auf die Tränendrüse drückt.

Sarah Kuttner: Kurt, 240 S., Fischer, 11 Euro, 978-3-596-70415-6

Zum Vorlesen: Welches Tier spielt mit mir?

„Das ist Bodo mit dem Ball. Fußball spielt er überall.“ Wer die ersten zwei Zeilen des wunderbar gezeichneten Karton-Buches liest, der kennt den Stil und weiß, was ihn erwartet: Ein Buch über den liebsten Sport der Deutschen, das aber im Urwald spielt. Denn Bodo ist ein Bär, und der sucht Mitspieler, weil ihm das Fußballspielen allein nicht so viel Freude macht.

Erst fragt er die Krokodile, doch die wollen ihn nicht mitspielen lassen. Bodo trifft den Elefanten, den Flamingo, die Maus und den Gorilla. Auf seine Frage, ob sie mitspielen wollen, sagen alle zu. Bodos Skepsis, ob sie schnell, groß oder stark genug seien, können sie schnell widerlegen. Gemeinsam bilden sie eine Mannschaft – und spielen gegen Eintracht Krokodil.

Die Reime, die Bilder, die Verarbeitung des robusten Buches und vor allem die sogar am Ende leicht anrührende Geschichte: Alles macht einfach nur Spaß, nicht nur den Kindern, sondern auch den vorlesenden Eltern oder Großeltern. Und wenn man es zehn Mal vorgelesen hat, können Kinder und Vorleser es schon fast auswendig…

Welches Tier spielt mit mir? Ein tolles Vorlese- und Bilderbuch für Kinder ab zwei Jahren. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

„Welches Tier spielt mit mir?“ Eine lustige Reimgeschichte von Marta Costa (Illustration) und Bernd Penners (Text). Ravensburger Buchverlag 2016. 24 S.,
ISBN 978-3473435791.

Neuer Titel: Die Elenden

Was wäre wenn? Das Buch „Die Elenden“ der „Zeit“-Journalistin Anna Mayr beginnt mit einem Gedankenexperiment. Was wäre, wenn Sie plötzlich krank werden? Was wäre, wenn Sie infolge der Krankheit Ihren Job verlieren? Sie werden arbeitslos, leben von Hartz IV und müssen Ihre Bleibe verlassen, weil sie zu groß ist.

Wie würden Sie sich fühlen?

In ihrem Buch schildert Anna Mayr, warum die Gesellschaft Menschen ohne Arbeit verachtet, sie aber dennoch dringend braucht.

Die These: Ein arbeitsloser Mensch ist ein abschreckendes Beispiel für diejenigen, die Arbeit haben. Denn so, wie oben beschrieben, will ja niemand „enden“. Nur so kann unsere Gesellschaft funktionieren: indem wir Menschen in Erfolgreiche und Verlierer einteilen.

Das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr rüttelt wach und verändert die Sicht auf Menschen ohne Arbeit. © Hanser © Hanser

Warum gibt es beispielsweise Menschen, die für wenig Lohn auf Feldern Spargel stechen oder für Leiharbeiterfirmen putzen gehen? Anna Mayr stellt die These auf: weil sie Angst haben. Angst vor der Arbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verachtung der Mitmenschen.

Die Autorin wird auch persönlich: Ihre Eltern sind erwerbslos, Mayr hat erfahren, wie es ist, in Armut aufzuwachsen. In ihrem Buch unterstreicht sie aber immer wieder: Es geht nicht um sie und ihre Familie, sondern um die Menschen und ihren Geschichten, die in den Hochhaussiedlungen unserer Städte leben.

Anna Mayr gibt den Ungehörten eine Stimme und regt mit ihrem Buch dazu an, die eigene Sicht auf Menschen ohne Arbeit radikal zu ändern. Das Buch erweitert den eigenen Horizont.

Anna Mayr: „Die Elenden“, 197 S., Hanser Literaturverlag, 20 Euro, ISBN 978-3-446-26840-1

Der Krimi: Wolfssommer

Freunde der Sebastian-Bergmann-Reihe des schwedischen Autoren-Duos Hjorth & Rosenfeldt werden vor lange Geduldsproben gestellt. Der sechste Teil erschien nach einer dreijährigen Pause und das ist jetzt auch schon wieder mehr als zwei Jahre her. Nur gut, dass Hans Rosenfeldt in der Schaffenspause sein erstes Soloprojekt verwirklicht hat.

„Wolfssommer“ führt nach Haparanda an der Grenze zu Finnland. Der typisch skandinavische Thriller atmet die Atmosphäre dieser bedeutungslosen Provinzstadt im Niedergang, malt Bilder von Menschen, die sich durchs Leben kämpfen und sich mehr erhoffen. Als ein toter Wolf gefunden wird, in dessen Magen menschliche Überreste stecken, beginnt ein ungewöhnlicher Kriminalfall.

„Wolfssommer“ ist das Debüt von Hans Rosenfeldt als Soloautor. © Wunderlich © Wunderlich

Hans Rosenfeldt schickt gleich mehrere Fraktionen auf die Suche nach dem Mörder, den Drogen und dem Geld. Auf der einen Seite ist die Protagonistin: Polizistin Hannah Wester eine Frau in mittlerem Alter mit privaten Sorgen. Auf der anderen Seite wird die berüchtigte Profikillerin Katja aus Russland nach Haparanda geschickt. Sie hat noch nie versagt. Doch jetzt wird es eng für sie. Am Ende verknüpft Rosenfeldt einige Fäden und öffnet den Weg für weitere Folgen. Hoffentlich ist er allein schneller als im Duo.

Hans Rosenfeldt: Wolfssommer, 479 S., Wunderlich, 22 Euro, ISBN 978-3-8052-0002-8

Große Gefühle: Ein wenig Leben

Es geht um wirklich große Gefühle. Leichte Urlaubslektüre ist „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara aber nicht. Dieses Buch ergreift den Leser mit seiner Wucht im Sinne des Wortes. Was wie eine einfache Geschichte über vier junge Männer in New York beginnt, die das College unabdingbar zusammengeschweißt hat, wird zu einer Geschichte über Missbrauch und seine fürchterlichen Folgen. Aber es ist auch eine Geschichte über große Liebe.

Hanya Yanagihara schreibt über große Gefühle. © Hanser Verlag © Hanser Verlag

Aus wechselnden Perspektiven erfährt der Leser von Jude, JB, Malcolm und Willem, die alle Karriere machen werden – als Anwalt, Künstler, Architekt oder Schauspieler. Über mehrere Jahrzehnte verfolgt die Schriftstellerin und Journalistin Hanya Yanagihara ihr Leben und zieht den Leser unweigerlich immer mehr in einen Abgrund hinein.

Jude wird zum Zentrum des Buches. Nur langsam schält sich heraus, was ihm in seiner Jugend widerfahren ist. Denn Jude selbst umgibt eine große Sprachlosigkeit. Er kann nichts von sich, von seinem unfassbaren Leid erzählen, und auch seine Freunde fragen nicht, warum er immer lange Hemden trägt, woher seine Schmerzattacken kommen.

Das ist manchmal schwer erträglich, macht wütend, rührt zu Tränen. Doch die Autorin schreibt so bildstark und intensiv auch von Liebe, Freundschaft, Treue und Hoffnung, dass man sich dem Sog des Romans nicht entziehen kann. Ein Buch, das lange im Kopf und im Herzen bleibt.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, 960 S., Hanser, 28 Euro, ISBN 978-3-446-25471-8

Ihre Autoren
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Freddy Schneider, Jahrgang 1993, Dortmunderin. Gelernte Medienkauffrau Digital/Print und Redakteurin. Seit 2012 arbeitet sie bei den Ruhr Nachrichten.
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Volontär
Geboren in Dorsten, nach kurzem studienbedingten Besuch im Rheinland jetzt wieder in der Region. Hat Literatur- und Theaterwissenschaften studiert, findet aber, dass sich die wirklich interessanten Geschichten auf der Straße und nicht zwischen zwei Buchdeckeln finden lassen.
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