Ministerin Giffey in Castrop-Rauxel: „Müssen beim Thema Demenz die Forschung unterstützen“

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Die SPD-Familienministerin Franziska Giffey betonte am Samstag in Castrop-Rauxel vier Punkte, wie man mit Demenz umgehen sollte, wie Tabus gebrochen und Betroffenen geholfen werden kann.

Castrop-Rauxel

, 19.01.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hilflosigkeit, Machtlosigkeit und Panik. Das sind Wörter, die Angehörigen von Demenzkranken oder Betroffenen einfallen, wenn sie von der Krankheit sprechen. Die Caritas in Castrop-Rauxel beteiligt sich an dem Projekt „Nationale Demenzstrategie - lokale Allianz für Menschen mit Demenz“.

Darum machte sich die SPD-Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ein persönliches Bild von der Arbeit in Castrop-Rauxel. Als Treffpunkt wählten die Gesprächspartner das Haus für betreutes Wohnen an der Wittener Straße 145. In der Einrichtung der Caritas findet an jedem zweiten Dienstag eines Monats ein Demenzangehörigen-Abend statt.

Gespräch über Wünsche und Probleme

„Große Projekte, die in Berlin auf den Weg gebracht werden sind ja sinnvoll“, sagte die Ministerin. „Aber ich möchte sehen, wie die Arbeit in kleinen Kommunen funktioniert.“ Darum ist sie am Samstag extra nach Castrop-Rauxel gekommen. „Hier arbeiten die Kooperationspartner mit allen Kräften und der nötigen Ernsthaftigkeit zusammen“, sagte sie. Sie lobte die gemeinsamen Anstrengungen von Bürgermeister Rajko Kravanja, Veronika Borghorst als Verantwortliche der Caritas und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft um die Sorgen von Betroffenen zu mildern.

Am Kaffeetisch nahmen aber nicht nur Politiker, wie auch Frank Schwabe und Lisa Kapteinat Platz. Auch Angehörige von Demenzerkrankten und Betroffene selbst sprachen über ihre Wünsche und Probleme.

Essen versalzen, Verabredungen vergessen

Frank Julich erzählte, wie es ihm erging, als seine Mutter an Demenz erkrankte. „Am Anfang waren es nur Kleinigkeiten“, sagte er. „Meine Mutter hat das Essen versalzen oder Verabredungen einfach vergessen. Mir wurde schnell klar, dass ich jetzt für meine Mutter verantwortlich war. Zuerst machte sich da eine große Hilflosigkeit breit“, erinnerte er sich. Das Angehörigen-Kaffee habe ihm in dieser Situation sehr geholfen. Die Menschen, die sich dort regelmäßig treffen, seien erstaunlich offen. Von den Teilnehmern und anwesenden Fachleuten, wie Elisabeth Kister, habe er viele Ratschläge erhalten. Allein der Austausch von Problemen sei hilfreich.

Großer Wunsch nach Rücksicht

So sieht das auch Silke Reiß-Naumann. Die 48-Jährige ist selbst betroffen. „Mein Arzt hat mir vor 16 Jahren mitgeteilt, dass mein Gehirn so langsam abstirbt“, erzählte sie. Sie berichtete von peinlichen Situationen, die sie nicht steuern kann. „Mein Gehirn schaltet komplett weg. Ich versuche Defizite zu bekämpfen – aber man kann den Kampf nicht immer gewinnen“.

Ministerin Giffey in Castrop-Rauxel: „Müssen beim Thema Demenz die Forschung unterstützen“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (2.v.r.) besuchte die Caritas in Castrop-Rauxel. Mit am Tisch saßen auch Bürgermeister Rajko Kravanja (l.), Lisa Kapteinat (2.v.l.) und Veronika Borghorst (r., Caritas) © Volker Engel

Am meisten wünscht sie sich, dass die Menschen Rücksicht auf sie nehmen. Die Krankheit soll einfach akzeptiert werden. „Ich möchte nicht ignoriert oder dumm angestarrt werden. Blinde tragen eine Binde mit drei Punkten, für Aidskranke gibt es eine rosa Schleife. Auch für uns sollte es auch ein Logo geben“, schlug sie vor.

Ministerin Dr. Franziska Giffey arbeitet an vier Feldern, die nachhaltige Hilfe für Betroffene bringen soll.

  • 1. Beratung und Unterstützung von Angehörigen soll zu einer deutlichen Entlastung führen.
  • 2. „Wir arbeiten an einer bestmöglichen Vernetzung. Ein Austausch unter Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten hilft, Probleme zu lösen.“
  • 3. Wie kann man das Thema Demenz in der Gesellschaft integrieren? „Wir wollen untersuchen, wie man damit umgeht und eine starke öffentliche Wirkung erreichen.“
  • 4. „Wir müssen die Forschung unterstützen. Leider gibt es noch keine Heilungsmöglichkeiten. Aber wir wollen expansive Therapien auf den Weg bringen. Dazu muss auch das Finanzministerium eingebunden werden. Wir wollen aktives Altern unterstützen.“

Rajko Kravanja, Veronika Borghorst und Elisabeth Kister betonten, wie wichtig der Austausch unter Betroffenen sei. Hilfesuchende können sich an die Caritas unter Tel. (02305) 92355-35 wenden.

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