Joleen (8) geht an die Waldschule. Ihre Mutter sorgt sich, ob ihr Kind ausreichend geschützt ist. © privat
Schule und Corona

Mutter von Joleen (8): „Präsenzunterricht ist unheimlich gefährlich“

Luftfilter-Geräte gibt es nicht an den Schulen in Castrop-Rauxel – weil gelüftet werden kann. Einer Mutter reicht das nicht. Auch die Teststrategie kritisiert sie scharf.

Joleen (8) geht in die vierte Klasse. Und das gerne. Lernen fällt ihr leicht. Schwerer fällt es ihrer Mutter, ihre Tochter im Präsenzunterricht in der Schule zu wissen. Die jüngsten Entwicklungen alarmieren Tanja Ohm.

„Wir haben eineinhalb Jahre Rücksicht genommen“, sagt Tanja Ohm, „Es ist doch nun wirklich an der Zeit, unsere Kinder zu schützen.“ Was an den Schulen, in ihrem Fall an der Waldschule, getan wird, reicht ihr nicht. Weil in allen Schulklassen in Castrop-Rauxel gelüftet werden kann, werden keine Luftfilteranlagen eingesetzt. So hat es die Stadt Castrop-Rauxel bestätigt. „Präsenzunterricht ist unheimlich gefährlich“, sagt Tanja Ohm.

Tanja Ohm hat von ihrer Tochter gehört, dass Fenster geöffnet sind. Mal eins, mal zwei, mal stünden welche auf Kippe. Querlüften, wie es optimalerweise sein solle, gehe nicht in der Klasse. Sie hat Studien gelesen, die den Nutzen der Luftfiltergeräte gerade in Kombination mit Lüften belegen. Und sie spekuliert, dass es vor allem Kostengründe sind, weshalb solche Geräte nicht angeschafft werden.

Das bestritt die Stadt Castrop-Rauxel. Sie verwies zuletzt in einer Pressemitteilung auf eine Studie der Uni Stuttgart sowie auf das Umweltbundesamt. Demnach seien Luftfiltergeräte keine Alternative zum Stoßlüften, sondern lediglich eine Ergänzung. Auch die NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach hatte von einer „Scheinsicherheit“ gesprochen, die durch die Geräte entstehe.

Nur Lüften reicht nicht bei 30 Menschen im Raum

Tanja Ohm bezweifelt, dass bei 30 Personen im Raum ein ausreichender Luftaustausch nur mit Lüften zu erzielen sei. Immerhin würden die Kinder ja auch im Klassenraum frühstücken und das dann ohne Masken. „Keiner von uns muss mit 30 Menschen in einem Raum sitzen“, sagt sie. „Wir sorgen nicht vor, sondern nur nach.“

Sorgen machen ihr vor allem die langen Wintermonate. Sie hat Joleen schon einen dicken Poncho gekauft. Doch das werde nicht reichen. Vor allem nicht auf Dauer. „Im letzten Winter gingen die Kinder ja schon vor Weihnachten ins Homeschooling“, sagt sie. Und da blieben sie dann auch in den kalten Monaten. Ob tatsächlich bei Minustemperaturen weiter konsequent gelüftet werde – sie ist skeptisch.

Die Mutter der Achtjährigen ist vorsichtig. Im vergangenen Spätherbst und Winter hat sie ihre Tochter zu Hause gelassen und damit bewusst gegen die Schulpflicht verstoßen. Damals handelte sie aus der Sorge heraus, dass sie alle noch ungeimpft waren und sie ihre Mutter versorgen musste. Die Familie musste am Ende ein Bußgeld zahlen – „zähneknirschend“, wie sie damals sagte. Sie hat mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden eingereicht, ohne Erfolg.

Mutter kritisiert, dass es keinen Testnachweis für Schüler gibt

Inzwischen habe sie den Kampf aufgegeben, erzählt Tanja Ohm im Gespräch mit dieser Redaktion. Sie wolle die Sache ruhen lassen. Inzwischen seien sie auch alle geimpft, das gebe einen gewissen Schutz. Mit Sorge verfolgt sie auf der anderen Seite, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen an den mit dem Coronavirus Infizierten steigt. Am Dienstag lag die Inzidenz der 5- bis 14-Jährigen im Kreis Recklinghausen bei 281,8.

Luftfilter, geteilte Klassen und gesicherte Tests, so wünscht es sich Tanja Ohm. Ach ja, die Tests: „Warum bekommen wir keinen Testnachweis?“, sagt sie. Sie kritisiert, dass der Schülerausweis reiche, oder wie im Fall ihrer Tochter, die als Grundschülerin keinen Schülerausweis hat, allein ihr Alter belege, dass sie in eine Schule gehe und damit regelmäßig getestet werde.

„Was ist mit Schulschwänzern oder Kindern, die krank waren und dann am Samstag ungetestet mit ihrer Familie ins Restaurant oder mit Freunden in Kino gehen?“, fragt sie. „Grob fahrlässig“ nennt sie deshalb die Regelung. Sie selbst lasse sich und auch Joleen weiter in einem Testzentrum testen, wenn am Wochenende beispielsweise die Großmutter besucht werde. So richtig ruhig ist Tanja Ohm nur an den Tagen nach den Lolli-Pool-Tests in der Schule.

Eltern sollten Schulbesuch im eigenen Ermessen entscheiden dürfen

Tanja Ohm wird die Coronalage weiter verfolgen. Es müsste im Ermessen der Eltern sein, meint die Mutter. „Wenn es schneit, darf ich mein Kind zu Hause lassen. Bei der Pandemie, die lebensgefährlich ist, muss ich mein Kind in die Schule schicken.“

Ihr Mann und sie haben darüber gesprochen, was ihre Grenze ist. „Wenn es in Deutschland wieder 20.000 Neuinfektionen an einem Tag gibt oder die Inzidenz in Castrop-Rauxel auf 300 hochsteigt, werden wir Joleen wieder zu Hause lassen“, sagt sie. Und wenn dann wieder ein Bußgeld droht.

Über die Autorin
Redakteurin für Castrop-Rauxel und den Dortmunder Westen

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