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Nach dem Krebs: Das Café Antik in Castrop ist für Harald Krawietz sein ganzes Leben

rnCafé Antik

Harald Krawietz ist Konditor aus Leidenschaft. In der Altstadt hat er sich mit dem Café Antik einen Lebenstraum erfüllt. Der stand 2017 ganz plötzlich auf dem Spiel.

Castrop

, 22.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Das Café Antik an der Wittener Straße passt eigentlich so gar nicht in die Zeit. Es ist kein Lifestyle-Latte-Macciato-Loft, sondern nimmt den Gast mit in die Zeit der alten, traditionellen Kaffeehäuser. Und das mit voller Absicht, wie Harald Krawietz unterstreicht.

Seit elf Jahren betreibt er das Café jetzt schon. „Ich wollte, dass mein Café so ein bisschen schwer wirkt“, erzählt er an ungewohnter Position. Denn er sitzt dabei an einem seiner Café-Tische. „Und hier sitze ich eigentlich nie, höchstens, um mir morgens die Schuhe zu schnüren“, so Krawietz mit einem Pott Kaffee in der Hand.

„Meine Ehe ist das quasi.“
Harald Krawietz

Er ist hier nicht Gast, er ist der Herr des Geschehens. Sowohl in der Backstube und Küche als auch im Café an sich. Natürlich hat er Mitarbeiter, aber das Gesicht des Café Antik, die Seele, das ist Harald Krawietz. „Ich bin hier zu Hause“, sagt er, „ich bin hier 13 bis 14 Stunden am Tag, sieben Tag in der Woche. Das ist quasi meine Ehe.“

Genau das hatte er sich immer gewünscht, seit er seine Konditoren-Ausbildung gemacht hat. Gut, das mit der Ehe war anders geplant, aber der Rest ist gekommen, wie er es sich erträumt hat.

In Gelsenkirchen im Jahr 1961 geboren und aufgewachsen, hatte er es erst mit einer anderen Ausbildung probiert, stieg dann aber doch um. In Bottrop, im Café Beckhoff, „mit eins der schönsten Cafés überhaupt“, hat er seine Ausbildung gemacht. Danach tingelte er durch die Lande, wollte mehr erfahren über den Job, sich ausprobieren.

Ein Konditor aus Bochum brachte ihn nach Castrop

Seine Wege führten ihn nach England und Dänemark, nach Süddeutschland und nach Münster. Aber das mit der Arbeit als Geselle und später als Meister im Angestellten-Verhältnis, das behagte ihm nicht wirklich. Da gab es immer die Rezepte, die im Café Pflicht waren. Da war er mit seiner Kreativität gebunden. „Das war nicht mein Ding, das habe ich gemerkt“, sagt er.

Und dann war er irgendwann jenseits der 40 und stand vor der Frage, wo es im Leben hin gehen sollte.

Dass sein Weg nach Castrop führen würde, war kein Plan, sondern Zufall. Ein befreundeter Konditor aus Bochum machte ihn 2008 darauf aufmerksam, dass es da an der Wittener Straße in Castrop in einem Jugendstilhaus ein Café gebe, das einen Nachfolger suche. Nach der Besichtigung war sofort klar, dass es das war, was Harald Krawietz und seine Freundin suchten.

Die Freundin ließ ihn mit seinem Traum allein

Die Freundin, aus der Eifel kommend, fremdelte aber fern der Heimat. So trennten sich die Wege und Krawietz baute sich seinen Café-Traum allein auf und um.

Nach dem Krebs: Das Café Antik in Castrop ist für Harald Krawietz sein ganzes Leben

Harald Krawietz hinter seiner Anrichte, die er noch relativ neu aus einem Antiquitäten-Geschäft hat und an die er für den neuen Einsatzzweck selbst Hand angelegt hat. © Thomas Schroeter

Er hatte sich zuvor die Situation in der Altstadt angesehen, die Konkurrenz gecheckt. Er saß auch im Café Residenz, guckte sich an, was Hans-Joachim Schmale-Baars dort macht. „Aber wir haben ganz unterschiedliche Ansätze, ich bin einfach anders“, so der Antik-Besitzer, der nur wenige Meter entfernt, direkt am Markt, seine Wohnung hat.

Und so stürzte er sich Ende 2008 in die Arbeit. Viel Arbeit, wie er gesteht. „Aber ich will nicht tauschen“, sagt er und zeigt auf die Gänsehaut auf seinem Arm. Er hat sein Leben, seinen Lebensinhalt gefunden.

Es gab Stunden, da wurde es richtig schwierig. 2017 erkrankte er an Blasenkrebs. „Da war ich ein, zwei Tage am Ende“, sagt der Konditor. Es hatte sich angedeutet, dass etwas nicht stimmt, aber als Selbstständiger ziehe man eher durch und verdränge. Doch dann ging es nicht mehr. Er hatte Glück, konnte operiert werden, und stand nach sechs Wochen wieder in seinem Café. „Das war für mich Reha, wieder hier sein zu können“, erzählt er mit gesenktem Blick.

Die Kunden haben für Krawietz gebetet

Viel Hilfe und Zuwendung habe er in dieser Zeit erlebt. Von seinen Mitarbeitern, die mehr sind als Mitarbeiter, mit denen er sich gut verstehe, die den Laden im Frühstücksgeschäft in seiner Krankheitsphase phantastisch geschmissen hätten. „Wir sind eine Gemeinschaft, ohne meine Mitarbeiter wäre ich nicht an der Stelle, an der ich bin.“

Stammkunden, so habe er erfahren, hätten für ihn in der schweren Zeit gebetet, nach ihm gefragt. Und Stammkunden hat er viele: „In Castrop-Rauxel gibt es ja keine Laufkundschaft, da lebt man mehr oder minder von den Stammgästen.“

Wenn er in der Küche einen Frühstücksauftrag bekomme, wisse er anhand der Bestellung so manches Mal genau, wer da vorne im Café sitzt. Er habe Runden, die kämen seit Jahren. Eine Damengruppe hält ihm seit zehn Jahren die Treue.

Er bekommt viel mit vom Leben seiner Gäste

Da bekomme man viel vom Leben mit, sei vertraut mit den Gästen, deren Gewohnheiten. „Ich bekomme natürlich auch mit, wenn jemand stirbt, das ist manchmal auch schwer“, gesteht er - speziell, seit er selbst seine Krebsgeschichte hinter sich hat.

Nach dem Krebs: Das Café Antik in Castrop ist für Harald Krawietz sein ganzes Leben

In der Küche regiert Harald Krawietz allein. Im Service hat er Mitarbeiter, die ihm sehr am Herzen liegen. © Thomas Schroeter

Sein Café, seine Kuchen, seine Frühstücksangebote, die Einrichtung: All das habe er aber nicht in erster Linie für seine Gäste so gemacht, sondern für sich selbst. „Das hier werde ich machen, bis es nicht mehr geht“, ist er sich sicher. Er wird weiter an neuen Kuchenrezepten feilen, er wird weiter nach Einrichtungsgegenständen für sein mit vielen alten Möbeln, Bildern, Fotos und Dokumenten ausgestattetem Café suchen.

Neue Kuchen müssen getestet werden

Immer wieder schiebe er mal einen neuen Kuchen zwischen das Stammrepertoire. Vorsichtig zwar, denn zu viel will und kann er nicht anbieten, um nicht für die Tonne arbeiten zu müssen. Gerade in der Woche müsse er das Angebot begrenzen. Dafür gebe es am Wochenende um so mehr Kuchen. Ausprobieren muss dabei sein, „sonst wäre ich ja nicht Konditor geworden“, sagt er.

Bei manchen Rezepten seien es nur Nuancen, die einen Kuchen gelingen ließen, aber gerade solche Feinheiten seien es. Und natürlich die Güte und Frische der Zutaten. „Das ist Pflicht“, so Harald Krawietz.

Eine Blaubeer-Milchreis-Torte habe er etwa als Special getestet. Mit Erfolg. Käsekuchen, Apfelkuchen, das seien Standards, die müsse er haben. Tiramisu habe er ins Programm aufgenommen, habe damit experimentiert, jetzt stehe sie und werde gut angenommen.

„Ich will hier arbeiten, bis zum Ende, damit bin ich zufrieden.“
Harald Krawietz

Warum er keine Angst vor der Konkurrenz hat

Was wird die Zukunft bringen? Sind die Backstuben-Cafés der Ketten Konkurrenz? Nicht wirklich, glaubt Harald Krawietz. Er sei immer wieder in der Stadt unterwegs, gucke überall hinein. „Von meinen Kunden sehe ich da wirklich wenige, das ist ein anderes Klientel, das da mit seinem Gedeck sitzt“, meint der Mann, den man eigentlich nie ohne sein Konditoren-Schiffchen auf dem Kopf zu Gesicht bekommt. Da könne man für kleines Geld bei seinem Kaffee lange sitzen.

Aber viel mehr Kunden will er eigentlich gar nicht haben. „Viel ist nicht immer gut“, sagt er dazu, „wenig ist manchmal mehr.“ Dabei blickt er vom ungewohnten Platz am Tisch in sein Café, in sein Leben. „Wir arbeiten hier mit Herz, das sollen die Gäste mitbekommen“, dafür brauche er nicht die große Kundschaft. „Ich werde hier nicht reich, ich muss das auch nicht werden. Ich will hier arbeiten, bis zum Ende, damit bin ich zufrieden.“

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