Nach Obdachlosigkeit: Neustart beginnt in Ickern

André W. erzählt

„Wir sind eine Randgruppe der Gesellschaft“, sagt André W. Wenn er von „Wir“ spricht, spricht er von einer Gruppe, der er nicht mehr angehören will. Die er schon ein paar Schritte hinter sich gelassen hat. André W. war obdachlos, alkohol- und drogenabhängig.Jetzt ist er 48 Jahre alt und auf dem Weg zurück ins Leben. In Ickern.

ICKERN

, 18.03.2017, 03:27 Uhr / Lesedauer: 7 min
Nach Obdachlosigkeit: Neustart beginnt in Ickern

André W. (48) aus Dortmund lebt zurzeit in der Obhut des Heimathofes Ruhr in Ickern.

 „Wir wollen teilnehmen. Am Vereinsleben, an Theater und Kultur. Das kennen wir alles nicht", sagt André W.  Der ehemalige Obdachlose war  Kaufhaus-Dieb, Gefängnis-Insasse. Er möchte zurück ins Leben - nicht ins alte, in ein neues. In Ickern. Wer hilft ihm dabei? Kann er das wirklich schaffen?

Wir treffen den Mann in einem Büro des Heimathofes Ruhr. Friedhofstraße 1, mitten in Ickern. Regional-Chef Michael Fallenstein von den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel und Einrichtungsleiter Sebastian Lasner sitzen mit am runden Tisch.

Der ehemalige Obdachlose ist bereit, über sein Leben zu reden

André W. blickt durch die dunkel umrandete Brille. Er ist bereit, über sein Schicksal zu reden. „Es ist wie eine Therapie an einem Krückstock“, sagt er und meint das Methadon, das er hier täglich verabreicht bekommt. Das gibt es nicht in vielen Einrichtungen, dieses Substitutionsangebot. „Das ist die einzige vor Ort, die das macht“, sagt André W.

Der Heimathof Ruhr in Castrop-Rauxel: Ein unscheinbares Gebäude, das sich entlang der Ickerner Straße bis zur Friedhofstraße erstreckt, das aussieht, wie viele andere Häuser in Ickern, in dem Kik seine Kleidung verkauft, in dem viele Ickerner wohnen. Und in dem es 24 Plätze in Wohnungen gibt für Klienten des Heimathofes, einer Einrichtung der „Bethel regional“ für wohnungslose Suchterkrankte. Für Menschen wie André W., den Mann aus Dortmund.

Viele Menschen in seinem Umfeld sind gestorben

Viele meiner Freunde sind gestorben, weil man sie im Stich gelassen hat“, sagt André W. Wenn er von seinen Freunden spricht, dann meint er die, die er hinter sich lassen musste: die Männer aus der Dortmunder Obdachlosenszene. Gebettelt habe er, sagt André W., am Hansaplatz in der Dortmunder Innenstadt, um seine Alkoholsucht und seinen Drogenkonsum zu finanzieren. „Ich bin polytoxikomanisch“, erzählt er – abhängig von unterschiedlichen Drogen. Aber trocken. Clean seit mehr als einem halben Jahr.

Als er sagt, er habe „keinen Rückfall gehabt“, bildet sich ein kurzes Lächeln um die Augen herum. Es kommt von Herzen. Er sagt es mit Stolz. Denn Rückfälle hatte er in seinem Leben genug. Entgiftungen. Verluste der Wohnung. Die Abwärtsspirale.

Und jetzt? „Wenn keiner offen darüber spricht“, sagt André W., „dann kann es ja keiner aus erster Hand erfahren.“ Dieses Schicksal, das Michael Fallenberg eine Erkrankung nennt. „Wir packen die Menschen nicht in Watte“, sagt er, „sie haben auch ihren Anteil an ihrem Schicksal. Aber sie sind krank.“

Hilfe durch eine Wohngemeinschaft in Ickern

André W. ist krank. Er braucht Hilfe. Die bekommt er seit einem halben Jahr im Heimathof Ruhr in Ickern. Er lebt dort mit einem anderen Klienten in einer Wohngemeinschaft. Klient, so nennt die Einrichtung, die seit vier Jahren an dieser Stelle in Castrop-Rauxel ist, ihre Bewohner. Jeder hat sein eigenes Zimmer, die beiden Männer teilen sich eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Bad. Von den 24 Plätzen der Einrichtung, sagt Sebastian Lasner, sind derzeit 23 belegt. 15 bis 20 Mitarbeiter unterstützen die Bewohner auf unterschiedlichen Arten. Jeden so, wie er es braucht.

„Ich bin krank“, sagt André W. „Ja. Ich habe einen Splint im Kopf. Ich musste das meiner Mutter auch erst erklären. Sie hat es lange nicht verstanden. Sie sagte immer: ‚Du bist doch kein Alkoholiker.‘ Doch, bin ich. Es war für mich ein Versuch der Selbstmedikation.“

Michael Fallenstein trinke auch gerne mal ein Glas oder ein Fläschchen Wein, sagt er. Zurzeit nicht, denn er faste, aber sonst. „Die Grenze, was gesellschaftlich akzeptiert ist, ist fließend“, meint er und verweist auf das Beispiel Fußball, weil es so aktuell ist: Die Bethel.regional war vergangenen Sonntag wegen des 150-jährigen Bestehens der Stiftung von der Stiftung „Schalke hilft“ in die Veltins-Arena eingeladen. Dort spielte Schalke 04 gegen 1899 Hoffenheim.

Das normale Leben aushalten können

Die Gruppe, Mitarbeiter und Klienten aus den Einrichtungen des Netzwerks Sucht Mittleres Ruhrgebiet, kam vor dem Bundesligaspiel in den Genuss einer Stadionführung. Sie besuchten die Kapelle in den Katakomben, feierten einen Gottesdienst dort. Ex-Profi Olaf Thon begrüßte sie persönlich in einer VIP-Loge, danach sahen sie das 1:1. Und viele Fans, die zum Fußball Bierchen tranken. Die einen mehr, die anderen weniger. Diese Gruppe: gar keins. Aber die Konfrontation, die gehört hier zur Therapie dazu, erklärt Fallenstein. „In den meisten Therapien fühlen sich die Patientinnen und Patienten wie in einer Käseglocke. Und sobald die weg ist, kippen sie um. Hier sind der Kiosk und die Szene nebenan. Unsere Klienten sind nah dran am normalen Leben. Das müssen sie aushalten können.“ André W. sagt: „Das ist mein Training.“

Strategie: Die Menschen während der Therapie nicht isolieren

Das ist Teil der neuen Bethel-Strategie, die auch mit dem Teilhabe-Gedanken der Inklusion zu tun hat: Die meiste Zeit der 150 Jahre ihres Bestehens galten die „von Bodelschwinghschen Stiftungen“ in Bielefeld als der Ort, zu dem man die Menschen schickte, die psychische Erkrankungen, Behinderungen, Alkohol- oder andere Suchtkrankheiten hatten. Bethel, ein großer Stadtteil in Bielefeld, ist der hebräische Begriff für „Haus Gottes“. Oder die Menschen kamen nach Breckerfeld in eine isolierte Anstalt in einem Waldgebiet mit 64 Plätzen. Sie hieß Heimathof und gewährleistete ein abstinentes Leben der Klienten für mindestens drei Monate, für manche bis zu zwei Jahre.

Start der Einrichtung in Ickern war vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren baute Bethel dann an der Langen Straße in Ickern auf dem Zechengelände eine Heimathof-Außenstelle namens Heimathof Victor, in das Menschen, die erfolgreich die Breckerfeld-Zeit durchlaufen hatten, umziehen konnten. In den vergangenen Jahren wurde der Heimathof dann mit kleineren Platzkontingenten in drei Dependancen dezentralisiert. Eine davon kam nach Ickern an die Ickerner Straße. In Breckerfeld werden heute unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut.

Inklusion statt Abschirmung

Abschirmen, das bringe nichts. Die Klienten seien mit der Rückkehr danach überfordert. Fallenstein sagt: „Inklusion, das steht für teilhaben lassen, nicht für das Exportieren aus unserer Gesellschaft. Sie leben hier nicht in einem gesonderten Gebäude, sondern mittendrin unter anderen Mietern.“ André W. muss um 8 Uhr morgens, wenn er aufsteht, zunächst zur Atemalkoholkontrolle. Er bekommt dann seine Medikamente. Es gehört zu seinem Tagesablauf genauso wie Gespräche und andere Angebote, die die Einrichtung macht. Die Klienten arbeiten zum Teil im Haus in der Hauswirtschaft oder im hauseigenen Café, er selbst leistet Dienste als Reinigungskraft.

Der Alkohol machte das normale Leben zunichte

Eigentlich ist André W. Dachdecker. Immer wieder fand er eine Stelle, doch der Alkohol machte ihm das zunichte. „Einige Kollegen machen hier Praktikum auf einem Bauernhof oder in einer Schreinerei“, sagt er. Sebastian Lasner ergänzt, dass man auch mit einem Altenheim zusammenarbeite. Und man beteiligt sich am Ortsleben mit ehrenamtlicher Hilfe: Mein Ickern, die evangelische Kirchengemeinde direkt nebenan – das sind Gruppen, die immer mal wieder Helfer anfragen. Zum Weihnachtsmarkt direkt vor der Tür zum Beispiel, als der Heimathof einen eigenen Waffelstand hatte, Bäume mit aufstellte und schmückte; oder demnächst wieder beim Straßenfest.

Arbeit auf Augenhöhe als Leitbild

Fallenstein sagt: „Früher hat man sehr konfrontativ gearbeitet mit den Klienten. Sie mussten erst am Boden liegen, dann hat man sie aufgerichtet. Unserem Leitbild entspricht aber die Arbeit auf Augenhöhe. Wir wollen die intrinsische Motivation der Menschen wecken und sozialraumorientiert mit ihnen arbeiten.“ Das klingt fachsprachlich, wenn der Regionalleiter das sagt. Konkreter: „Die Klienten können und sollen ihr Leben selbst organisieren. Vorher mussten sie vor allem die Beschaffungsfrage für ihre Drogensucht klären. Dazu kamen Strafsachen, Schulden, auf denen sie sitzen – als ein großes Problemgebilde. Herr W. hat mal gesagt: bei dem man eigentlich nur von der Brücke springen kann“, sagt Fallenstein. André W. nickt. „Genau.“ „Hier“, fährt Fallenstein fort, „wird das Ganze sortiert. Wir begleiten und unterstützen die Menschen dabei.“

Neubau einer weiteren Einrichtung ist geplant

Neben der Einrichtung Lange Straße, die 16 Plätze hat und bei einem Umbau vor einem Jahr barrierefrei gemacht wurde, und dieser an der Friedhofstraße gehört bald auch ein Neubau an der Waldenburger Straße zum Netzwerk Sucht Mittleres Ruhrgebiet. 24 neue Plätze in Ickern kommen dann dazu – einhergehend mit einem Abbau von weiteren Plätzen in Bielefeld. Man habe einen guten Kontakt zur Stadt Castrop-Rauxel, sagt Fallenstein, die Stadt habe das Grundstück zur Verfügung gestellt. Bald erfolge hoffentlich der erste Spatenstich.

Kontakt zur Familie wieder herstellen

André W. hat eine Tochter, sagt er. Aber er hatte nie eine Frau. Er habe den Kontakt zu seinen Eltern wieder aufgenommen, hat mit der Schuldnerberatung einen Plan aufgestellt. „Ich bin in meinem Leben gescheitert“, sagt er. „Aber ich kann aus der Ecke wieder herauskommen und Fuß fassen.“ Früher sei das oberste Credo in der Heilung von Suchtkranken die Abstinenz gewesen. Heute lasse man sich auf die fachliche Arbeit mit dem Rückfallgeschehen ein, das zu der Krankheit dazu gehört, so Michael Fallenstein. Dabei leben die Menschen im Heimathof nicht in einer geschlossenen Einrichtung. „Aber sie werden gescreent“, so Sebastian Lasner. Sie haben eigene Wohnungsschlüssel, aber sie unterliegen einer klaren Hausordnung und müssen sich abmelden, wenn sie gehen, indem sie sich in ein Buch eintragen.

Die Nachbarschaft wurde eingeladen und informiert

Die Nachbarschaft und Kirchengemeinde, sagt Michael Fallenstein, habe man bei der Eröffnung der Einrichtung eingeladen und informiert. Einzelne äußerten erst Sorgen – heute komme man meist gut miteinander und nebeneinander aus. „Es gibt die üblichen Probleme unter Nachbarn wie Lautstärke oder andere Kleinigkeiten – aber auch hohe Akzeptanz“, sagt Sebastian Lasner, der 34-jährige Einrichtungsleiter aus Hamm, der seit einem halben Jahr hier arbeitet. Die Klienten hätten zum Beispiel Hausflure gestrichen und so für ein angenehmeres Wohnumfeld für alle gesorgt.

André W. möchte wieder als Dachdecker arbeiten

André W. sagt, er fühle sich wohl hier. Wenn er an seine Zukunft denkt, dann sei er erst einmal froh, dass er gerade erst verlängern konnte: Ein weiteres halbes Jahr wird er hier wohnen. Was dann kommt? „Ich habe schon zwei Anfragen von zwei Firmen. Ich will wieder als Dachdecker arbeiten. Aber ich lasse mir Zeit.“

Michael Fallenstein sagt dazu: „Nun geht es für Sie darum, Ihre Träume in erreichbare Ziele umzuwandeln.“ „Klar denke ich, dass ich das alles schaffe. Und ich weiß, dass das eines meiner Probleme ist. Diesen Gedanken hatte ich nämlich schon öfter. Nach einer der vielen Entgiftungen“, sagt André W.

„Er gibt den Weg vor. Wir helfen ihm dabei“, sagt Michael Fallenstein. In Gruppen- und Einzelgesprächen, in Therapiesitzungen mit den Sozialtherapeuten, der Arbeitstherapie und Alltagsunterstützung. „Wir sind froh, dass wir mit Privatdozent Dr. Demmel einen versierten und fachlich bundesweit anerkannten Fachmann als Therapeutischen Leiter im Leitungsteam haben“, so Fallenstein. Er präge die konzeptionelle und therapeutische Arbeit des Heimathofes entscheidend.

Ickern und der Heimathof als ein Ruhepol

„Vielleicht kann ich nach dem halben Jahr mit anderen in ein ambulantes betreutes Wohnen, eine große Wohnung“, sagt André W. Er habe angefangen, den Wohnungsmarkt zu sondieren. In Ickern? „Ich finde es schön in Ickern, ja.“ Zurück nach Dortmund? „Das kann ich nicht. Dort ist es zu gefährlich für mich.“

Der Heimathof Ruhr ist anerkannt als Einrichtung, die Menschen aufnehmen kann, die im Zusammenhang mit ihrer Suchterkrankung straffällig geworden sind und einen Teil ihrer Haftstrafe umwandeln können, wenn sie zur Therapie bereit sind. Es gibt eine Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften und Gerichten, ein sehr genau definiertes Verfahren, das bei guter Prognose greifen kann. Geht es schief, geht es sofort zurück in den Knast. Zwei Jahre hatte André W. bekommen für seine wiederholten Ladendiebstähle. Er saß nicht die volle Zeit ein. Jetzt profitiert er von dieser Möglichkeit, erlebt Teilhabe. Sein Weg zurück?

Der Heimathof
"Der Heimathof Ruhr Castrop-Rauxel gehört zum Heimathof Ruhr, den drei sozialtherapeutischen Einrichtungen im Ruhrgebiet, die sich im Verbund den Belangen wohnungsloser – oder von Wohnungslosigkeit bedrohter – Männer und Frauen widmen, die unter eine Alkohol- oder Drogenabhängigkeit leiden.“
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