Nominiert für Unternehmenspreis: Wie sich die Firma Smake im Erin-Park digitalisiert

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Das Unternehmen hat 37 Mitarbeiter. Es ist aus dem Erin-Park in Castrop nicht mehr wegzudenken. Thomas Drees ist mit seiner Firma Smake Vorreiter der Industrie 4.0. Was dahinter steckt.

Castrop

, 25.02.2019, 11:45 Uhr / Lesedauer: 5 min

Irena Kruska ist seit 19 Jahren Mitarbeiterin bei Smake. Das Unternehmen im Erin-Park ist gerade 20 Jahre alt geworden. Es hat sich durchdigitalisiert, ganz zur Freude auch von Irena Kruska. Das sagt sie zumindest; und wer sich fragt, ob ältere Arbeitnehmer vielleicht ein Hinderungsgrund für Unternehmer sind, weil sie an altem und bewährtem festhalten wollen, der wird bei ihr eines besseren belehrt. Smake gilt als Vorreiter in unserer Region für die Digitalisierung. Und Irena Kruska geht diesen Weg mit. Gern, wie sie sagt. Nun ist Smake wegen des Pioniergeistes nominiert für den Vestischen Unternehmenspreis.

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Smake-Gründer Thomas Drees über die Digitalisierung seines Unternehmens

„Es ist vielleicht ein bisschen wie bei Marc Zuckerberg und Barack Obama“, sagt Thomas Drees Freitagnachmittag. Der Smake-Geschäftsführer trägt an diesem Freitag beim Besuch von Presse, IHK und Stadtspitze Sakko über grauem Kapuzenpulli, aber Sakko nur ausnahmsweise. Ihm gegenüber sitzt Bürgermeister Rajko Kravanja – im Anzug, inklusive Krawatte. Er der Obama, Drees der Facebook-Erfinder?

Eigentlich bedruckt und bestickt Smake bloß Textilien...

„Unsere Software ist seit etwa vier Jahren in der Welt“, sagt Drees. Smake hat 37 Mitarbeiter, bedruckt und bestickt relativ smart T-Shirts – und zwar so, wie der Kunde es braucht, von Einzelstücken bis zur Massenanfertigung. Und in kürzester Zeit. „Wenn der Kunde bis 15 Uhr die Bestellung eingibt“, sagt IT-Chef und Teilhaber Thomas Stewen (Drees: „Tobi, mein bester Mann“), „dann wird das Produkt noch nächsten Tag geliefert.“ Amazon hätte die Welt in puncto Tempo verändert. „Teile“, sagt Thomas Drees zur Unternehmensphilosophie, „und sei schneller.“

Thomas Drees in der Stickabteilung des Unternehmens Smake, das mehr und mehr auf Software-Entwicklung setzt, um die Digitalisierung voranzutreiben.

Thomas Drees in der Stickabteilung des Unternehmens Smake, das mehr und mehr auf Software-Entwicklung setzt, um die Digitalisierung voranzutreiben. © Tobias Weckenbrock

Vor acht Jahren ging es für Smake nicht mehr weiter wie zuvor. „Entweder wir ändern was, oder bis zur Rente halten wir nicht mehr durch“, erinnert sich Thomas Drees. Also änderte man was. Und zwar mit Erfolg. Die Smake GmbH sitzt an der Erinstraße 28. Die Firma gibt es seit 1995. Ihr Geschäft: Textilveredelung – also das Besticken, Bedrucken und Personalisieren von Textilien. Als man damals am Scheideweg stand, habe man am Markt für ein T-Shirt einen Preis von 7,50 Euro erzielt – und dabei draufgezahlt, erklärt Drees. Heute kann Smake ein T-Shirt für 5 Euro anbieten – und verdient daran Geld. Wie geht das?

... aber im Bearbeitungsprozess steckt die Revolution

Das Zauberwort lautet „Digitalisierung“. Im Fall von Smake sah das so aus: Nicht die Textilverarbeitung an sich wurde großartig revolutioniert, sondern vielmehr der gesamte Bearbeitungsprozess von der Bestellung bis zum Versand. Früher war der Prozess kompliziert. Oder „old-school“, wie Thomas Drees sagt. Bestellungen wurden persönlich von einem Sachbearbeiter entgegengenommen, eingegeben, in einer Excel-Tabelle gesammelt, von einem Kostenstellen-Verantwortlichen abgesegnet, später wurden die Daten per USB-Stick zur Maschine gebracht. Es folgten die Bearbeitung der Textilien, Verpackung, Warenkontrolle, Versand, Rechnungsstellung. Alles manuell. Das Problem: Der Prozess war zeitaufwendig, kostenintensiv – und fehleranfällig.

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Was Smake für wen macht

Smake-Kunden sind Unternehmen wie Kia und seine Autohäuser, die Dekra oder Engelbert Strauss, die eigene Web-Bestellshops nutzen, um für ihre Mitarbeiter Kleidung personalisiert hier zu bestellen. Hinter vielen Webshop-Lösungen bekannter Anbieter für Abi-Shirts oder den Junggesellenabschied steckt auch Smake-Know-How.

Heute funktioniert vieles automatisch. Der Prozess beginnt im Smake-Online-Shop. „Der Kunde gibt seine Bestellung ein und wird damit quasi selber zum ersten Sachbearbeiter, ohne es zu merken“, erklärt Drees. Auch die Rechnungsstellung funktioniert automatisiert. Zudem werde jedes Produkt und jede Bestellung durch individuelle Barcodes gekennzeichnet. Druck- oder Stickfehler erkennen die Maschinen so oft schon vor der manuellen Qualitätskontrolle, ebenso Fehler beim Verpacken.

Doch bis dahin war es ein weiter, teurer, nervenaufreibender Weg. Digitalisierung ist komplex und vielschichtig. Dass sich ein Mittelständler oder ein Handwerksunternehmen eine Homepage baut oder sich in sozialen Netzwerken präsentiert – geschenkt. Das ist seit Jahren Standard. „Es geht bei Digitalisierung heute um Prozesse und Produktentwicklung“, sagt Matthias Parlings, Leiter von „Digital in NRW, dem Mittelstand-4.0-Kompetenzzentrum in Dortmund. Es begleitet viele Unternehmen in diesem Prozess. Der Wirtschaft gehe es zwar gerade gut, so Parlings: „Sobald sich das ändert, gewinnen die, die sich anpassen können.“

„So habe ich die ersten 100.000 Euro versenkt“

Als Thomas Drees vor acht Jahren die ersten Ideen zur Prozessoptimierung hatte, habe man sich an Agenturen und externe IT-Entwickler gewandt. „So habe ich dann schnell die ersten 100.000 Euro versenkt“, verbucht Drees den Fehlschlag heute mit einem herzhaften Lachen als Lerneffekt. Das Problem damals: Die Kommunikation mit den Entwicklern. „Die muss zu 100 Prozent eindeutig sein“, weiß er heute.

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Die Lösung: Man holte die Entwickler zu sich in die Firma. Heute sind bei Smake 10 der 37 Mitarbeiter in der IT-Abteilung beschäftigt. Mittlerweile hat sich die „Software made in Castrop-Rauxel“ (O-Ton Drees) zu einem Nischenprodukt entwickelt, dass es sonst nirgendwo gibt. So beliefert Smake auch andere Firmen mit der eigenen Soft- und zugehöriger Hardware und ist längst auf internationalen Messen unterwegs. Fünf Millionen Euro seien etwa in die Programmierung geflossen, so Drees, der auch sagt, dass er gern 20 Millionen Euro investieren würde, wenn er könnte.

Auf shirtfull.com kann man Textilien selbst designen. Das gibt es auch auf anderen größeren Plattformen - aber die Unternehmen arbeiten eng zusammen und hinter vielen IT-Lösungen steckt auch die Firma Smake.

Auf shirtfull.com kann man Textilien selbst designen. Das gibt es auch auf anderen größeren Plattformen - aber die Unternehmen arbeiten eng zusammen und hinter vielen IT-Lösungen steckt auch die Firma Smake. © Tobias Weckenbrock

Früher habe Drees morgens unter der Dusche eine neue Idee für den Online-Shop gehabt. Dann habe er seine Entwickler darauf angesetzt, die dann „quick and dirty“ – also schnell und schmutzig – ein Programm geschrieben hätten, das dann abends in den Online-Shop eingebettet worden sei. Da man mittlerweile andere Unternehmen mit der Software beliefere, sei das so einfach nicht mehr möglich. Alles muss dokumentiert und, gerade für internationale Kunden, per Videoanleitung weitergetragen werden.

„So merken wir schneller, wenn wir auf dem Holzweg sind“

Außerdem sei man dazu übergegangen, Neuerungen nur in kleinen Schritten einzuführen und keine großen Projekte mehr zu schnüren. „So merken wir schneller, wenn wir auf dem Holzweg sind“, erklärt Drees. Heißt gleichzeitig, dass es viele, oft nur minimale Updates gibt. 1200 Stück seien es allein im vergangenen Jahr gewesen.

Hört man Nachrichten, fokussiert sich das Thema Digitalisierung auf den Ausbau der Netze. Im Vergleich zu anderen Ländern hinke Deutschland hinterher, viele Mittelständler in ländlichen Regionen kennen „schnelles Internet“ nur vom Hörensagen.

Thomas Drees stöhnt bei dem Thema auf. Er habe schon mit der Stadt gesprochen. Die zeige zwar Verständnis, ansonsten stoße sein Wehklagen aber auf taube Ohren. 1000 Euro zahle er pro Monat „für eine lächerliche 100-Mbit-Leitung“. Das sei sehr viel Geld – und für kleinere Unternehmen wohl überhaupt nicht zu stemmen. „Und eigentlich bräuchten wir zwei solcher Leitungen“, erklärt Drees. Denn der Bestellprozess bei Smake funktioniere Cloud-basiert. Also über eine Datenwolke im Internet. Heißt im Umkehrschluss: „Wenn hier ein Bagger aus Versehen die Leitung kappt und wir kein Internet haben, steht die Produktion still“, so Drees.

Vernichtendes Urteil für den Wirtschaftsstandort

Nicht nur deshalb fällt sein Fazit für den Wirtschaftsstandort Deutschland vernichtend aus. „Um ehrlich zu sein: Hier würde ich so etwas nie wieder umsetzen.“ In den USA seien nicht nur die technischen Gegebenheiten besser, auch sei dort mehr Risikokapital vorhanden. „Wenn man in Deutschland mit so einem Projekt scheitert, gilt man als verbrannt“, sagt Drees.

Irena Kruska ist eine der dienstältesten Mitarbeiterinnen bei Smake. Sie arbeitet seit 19 Jahren im Unternehmen und schätzt die Digitalisierung sehr - trotz ihres Lebensalters.

Irena Kruska ist eine der dienstältesten Mitarbeiterinnen bei Smake. Sie arbeitet seit 19 Jahren im Unternehmen und schätzt die Digitalisierung sehr - trotz ihres Lebensalters. © Tobias Weckenbrock

Wie aber schafft man den Weg, den Smake gegangen ist? Auch mit einem guten Team. „Es ist total wichtig, die Mitarbeiter abzuholen und mitzunehmen“, weiß Thomas Drees. Das sei bei Smake ein großes Thema. Deshalb versuche man, die Digitalisierung so einfach an die Mitarbeiter heranzutragen, wie möglich. Auch er kennt Abneigungen von Mitarbeitern gegenüber Neuerungen. „Dann kommt oft das Argument: Der neue Prozess ist viel aufwendiger. Und ja, an mancher Stelle verliert man vielleicht tatsächlich ein wenig Zeit. Dafür gewinnt man sie aber an anderer Stelle“, erklärt Drees. Personell habe sich Smake durch die Digitalisierung nicht verkleinert. „Das kann auch nicht das unternehmerische Ziel sein. Aber die Tätigkeiten haben sich verlagert“, erklärt Drees.

Die Bereitschaft zum Wandel hängt nicht am Alter

Der Smake-Chef sieht dabei keinen Zusammenhang zwischen dem Alter und der Bereitschaft zum Wandel. Bei Smake würden viele ältere Mitarbeiter arbeiten und beim Thema Digitalisierung voll mitziehen – so wie Irena Kruska. Vielmehr gehe es um die Einstellung. Kruska hat verstanden, was Drees meint, wenn er sagt: „Wenn wir in der globalisierten und technisierten Welt nicht mitgehen, gehen wir unter.“

Vielleicht wird diese Philosophie, aus der eine Strategie wurde, bald auch mit einem Preis belohnt: Der Vestische Unternehmerpreis wird am 27. März beium 19 Uhr der Sparkasse in Recklinghausen verliehen. Elf Unternehmen bewarben sich, sechs sind nominiert – nur einer kann gewinnen. Dotiert ist dieser Preis nicht. Aber schön wäre er ja doch. Auch für Smake.

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