Paradies mit Widerhaken

Castrop-Rauxel Auch sie hat sich infizieren lassen - vom Ometepe-Virus, wie Dr. Susanne Lindner sagt. Die Castrop-Rauxeler Ärztin ist zurück aus Nicaragua, einem «Paradies mit Widerhaken».

02.07.2007, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Durch einen Freund ist die 43-Jährige, die eine Gemeinschafts-Praxis in Dorf Rauxel betreibt, erstmals mit dem Ometepe-Projekt Nicaragua in Berührung gekommen. Das kümmert sich um die Ärmsten auf der Insel Ometepe im Großen Nicaraguasee. «Wir haben Popcorn gemacht und ich habe mir davon erzählen lassen», berichtet Dr. Lindner.

Großer Garten

Um sich ein eigenes Bild zu machen, reiste sie zusammen mit dem Neurologen Diether Steves aus Wiehl, fast schon Stammgast auf der Insel, in das zweitärmste Land Lateinamerikas. «Ich hatte das Gefühl, einen großen paradiesischen Garten mit vielen blühenden Pflanzen und etlichen frei herumlaufenden und fliegenden Tieren zu betreten», beschreibt sie. Doch bald sei sie des Widerhakens gewahr geworden: der großen Armut der Menschen.

Vor 14 Jahren, erzählt Dr. Lindner, hat das Pfarrer- und Autorenehepaar Monika und Michael Höhn aus dem oberbergischen Wiehl zunächst mit Privatgeldern beim Bau einer Schule und eines Gesundheitspostens für die bitterarme Bevölkerung geholfen. Daraus ist das Ometepe-Projekt Nicaragua entstanden. Medizin, Bildung, Ernährung, Landwirtschaft und Häuserbau sind die Schwerpunkte. Lindner: «Die Vulkaninsel Ometepe ist außerdem die Partnerstadt von Herne. Herne übernimmt beispielsweise das Gehalt des ortsansässigen Arztes Dr. Roberto Alvarado.»

Susanne Linder war als Allgemeinmedizinerin mit dem Schwerpunkt Naturheilverfahren mehr als gespannt zu erfahren, wie Medizin in einem Entwicklungsland funktioniert. «Bei schwülwarmen Temperaturen behandelten Alvarado, Steves und ich vor allem Patienten mit neurologischen Erkrankungen, Infektionen durch Parasiten und entzündliche Hauterkrankungen», berichtet sie.

Sie habe auch Gelegenheit gehabt, bei der Schmerztherapie ihre Kenntnisse in Akupunktur weiterzugeben. Ansonsten würden Antibiotika und auch Cortison großzügig eingesetzt, nicht zuletzt weil eine engmaschige Kontrolle oft nicht möglich sei und die Patienten erst nach einer Woche oder später wieder einen Arzt sähen.

Ernährungsprogramm

Dank der Spendengelder sei das Projekt auf einem guten Weg. Mittlerweile gebe es ein Ernährungsprogramm gegen die Unterernährung für Mütter, eine Kreditgenossenschaft, Studienunterstützung für über 30 junge Leute und den Mut machenden Bau von 131 kleinen Häusern für die ärmsten Familien mit vielen Kindern. «Hilfe zur Selbsthilfe» lautet der Ansatz der Projektgruppe aus Deutschland.

Die Castrop-Rauxelerin will wieder nach Ometepe reisen. «Wenn ich es einrichten kann, auf jeden Fall», sagt sie. Und hofft, dass weitere Menschen aus ihrem Umfeld sich vom Ometepe-Virus anstecken lassen. Lindner: «Durch den Einsatz von Menschen lässt sich in der globalisierten Welt viel bewegen - gerade auch zum Vorteil der Ärmsten.» abi

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