"Proberäumen" in Castrop-Rauxel droht der Abriss

50 Bands und mehr betroffen

Den Proberäumen in der Baracke an der Wartburgstraße droht der Abriss. Ein Investor plant dort einen Discounter. Der Verkauf sei schon seit Jahren geplant gewesen. Für 50 Bands, ein Tanzstudio, zwei Autoschrauber und drei Bewohner ist das keine gute Nachricht. Wo sollen sie dann hin?

CASTROP-RAUXEL

, 30.03.2017 / Lesedauer: 6 min
"Proberäumen" in Castrop-Rauxel droht der Abriss

Die Proberäume an der Wartburgstraße

Wie das Gebäude heißt? Das weiß keiner. Sie nennen es Proberäume. Einfach Proberäume. Es ist ein subkulturelles Ökosystem, gewachsen über die Jahre. Neuester Mieter ist die Rock ’n‘ Roll Musikschule von Patrick Nagel und Kevin Balke. Neben den beiden jungen Musikfreunden sind 50 Bands, zwei Autowerkstätten und ein Tanzstudio Mieter der Eigentümergemeinschaft Trudewig / Küper. Drei Menschen wohnen in der alten Industrie-Baracke. Wo sollten sie hin, wenn es dieses Haus nicht mehr gäbe, weil ein Discounter neu baut?

Und das ist kein rein fiktives Szenario. Ende Januar erreichte der Investor, der am Kauf des Gebäudes interessiert ist, vor Gericht, dass er tatsächlich zum Zug kommen darf: Die Schoofs Gruppe aus Kevelaer hat einen Kaufvorvertrag mit den aktuellen Eigentümern Trudewig / Küper geschlossen. Der wird nach Informationen unserer Redaktion im Frühjahr 2018 wirksam, wenn die behördlichen Genehmigungsverfahren erfolgreich abgeschlossen sein sollten.

„Wir planen auf dem Grundstück die Errichtung eines Lebensmittelmarktes“, teilte der Prokurist der Josef Schoofs Immobilien GmbH, Kosmas Thämmig, Dienstagnachmittag auf Anfrage mit: kleinflächig, also rund 800 Quadratmeter Verkaufsfläche. Vor Gericht ging es um einen Bauantrag aus 2012, den die Stadt als unvollständig zurückgewiesen hatte. Schoofs hat aber Gelegenheit, die Unterlagen zu vervollständigen und den Bauantrag erneut vorzulegen. Zu gegebener Zeit und sukzessive werde man das tun, so Thämmig. Nach unseren Recherchen ist ein Netto-Umzug vom Kreisverkehr wenige Hundert Meter weiter südlich hierher angedacht.

Mieter wollen Initiative gegen Abriss gründen

Es hat sich offenbar noch nicht in jedem der durchnummerierten Proberäume herumgesprochen. Aber ein paar der Mieter hier wissen bereits, dass ihr Vermieter Trudewig / Küper den Verkauf plant. So hören Peter Unnerstall, der Bewohner, und Bö, der seinen vollen Namen nicht sagen will, nicht zum ersten Mal von dem Thema.

Bö ist Mitglied bei Prellbokk, einer Band, die laut ist, eher schreit als zu singen, die sich hier trifft, hier probt, einspielt, aufnimmt, abmischt. „Sprich mal mit Bö, der will eine Initiative gründen“, rät Peter Unnerstall uns, als wir uns vor dem Gebäude umsehen.

Unnerstall: Seit vier, fünf Jahren, sagt er, wohne er in den Gemäuern, die früher mal Teil des Klöckner-Großbesitzes waren. Im ersten Obergeschoss ist seine Bude. Er spiele Gitarre und singe, sagt er. Sich selbst nennt er „Edelpenner“, und unter diesem Namen ist er auch anderen Leuten aus dem Gebäude bekannt, wie sich im Laufe der Recherche herausstellt. Unter anderem Bö.

Supermarkt-Plan stößt auf Unverständnis

Ohne Musik könnte man es vermutlich nicht so gut aushalten in diesen Mauern: Rund 50 Räume gibt es hier, 50 Bands haben hier insgesamt ihre Proberäume und zahlen Mieten von etwa 150 bis 300 Euro. Es ist immer was los abends in der Woche. Vor allem donnerstags. „Komm mal im Sommer, was dann abgeht“, sagt Peter Unnerstall. Dann werde hier gegrillt und auch mal gefeiert.

Er selbst habe auf der Straße gelebt, ehe er hier einzog. Für die Miete bekomme er Hilfe von der Stadt, sagt er – sie wisse also davon. „Das darf man uns nicht wegnehmen“, sagt Unnerstall. „Ja ja, einen Netto, den brauchen wir hier auch noch. Guck mal: Da hinten ist Aldi. Da drüben Lidl. Und da Real.“

Wir stehen auf der Rampe, er zeigt in zweieinhalb Himmelsrichtungen. Wenn man den Fußweg als Maßstab nimmt, erreicht man alle drei genannten Lebensmittelläden in maximal drei Minuten. „Ach ja, und hier ist ja so wenig Platz. Da hinten Richtung Rütgers-Werke, da wäre ja kein Platz für Netto. Nein, da muss man die ganzen Freiflächen erhalten...“ Sarkasmus.

Kulturschaffende setzen auf Bürgermeister Rajko Kravanja

Bö, der Mann mit dem Bart von Prellbokk, hat in der Tat schon Wind davon bekommen, dass hier ein Netto gebaut werden soll. Er will sich einsetzen, will kämpfen für den Raum, vielleicht zusammen mit anderen. „Die Ipek“, sagt er, „hat schon mit dem Bürgermeister gesprochen. Sie will vielleicht eine Initiative gründen. Ich wäre dabei.“

Er meint Dr. Ipek Abali, 36 Jahre alt, Kulturschaffende in der Stadt, Sängerin der Rock-Coverband Gun-Fire seit etwa drei Jahren. Diese hatte den Proberaum vorne rechts vom Eingang des noch recht repräsentativen Hauptgebäudes. Sie räumen gerade aus, weil sie umziehen – in den „THW-Bunker“, wie sie sagt. Einen Ort, wo etwa 15 Bands proben. Nicht mal ein Drittel von dem, was hier zu Hause ist.

Hier geht es zum gesamten Interview mit Ipek Abali:

„Es geht mir darum, ob wir – also alle Bands – raus müssen oder nicht“, sagt sie. „Ich habe mir gedacht: Ich kenne ja viele der anderen Musiker, man könnte sich doch zusammentun...“, meint Ipek Abali. Im Februar habe sie Bürgermeister Rajko Kravanja angesprochen. Er wolle sich einsetzen für die Bands, habe sie aus dem Gespräch mitgenommen. „Ich weiß, dass der Bürgermeister ein Kunst- und Kulturfreund ist.“

Ein neuer Inhaber würde auch neue Vorschriften bedeuten

Gespräche gab es viele, auch in den vergangenen Jahren schon. Das sagen alle, die wir sprechen. Auch Kevin Ratajczak, Frontmann der Band Eskimo Callboy. Ein Promi, wenn man so will. Die Profi-Band, international auf Tournee, soll am Kauf interessiert gewesen sein. Irgendwo bei 800.000 Euro soll der Kaufpreis gelegen haben – Verhandlungsbasis. Der Eigentümer Dieter Trudewig sagt: „Das Angebot stand, aber dann haben sie sich nicht mehr gemeldet.“

Ratajczak sagt: Wenn es einen Inhaberwechsel bei diesem Gebäude gäbe, käme alles auf den Prüfstand. „Das Gewohnheitsrecht wird dann wohl gestrichen“, erklärt Trudewig dazu – man müsste dann vermutlich eine Nutzungsänderung erwirken, mit allen Nebenwirkungen: Lärmschutz, Brandschutz, Rettungswege – baurechtlich müsste alles noch wasserdichter sein als bisher.

Unabsehbare Renovierungskosten schrecken potenzielle Käufer ab

Seit zehn Jahren wolle er ja schon verkaufen, weil er seine Firma Ferroinspect – einst 35 Mitarbeiter – schloss und sich in den Ruhestand verabschieden wollte. Dieses Jahr werde er 71. Jeden Werktag von 9 bis 12 Uhr komme er her, um den Bürokram zu erledigen, sagt Trudewig bei unserem Besuch in seinem Büro, das er sich mit seiner Frau teilt.

Eine Goldgrube sei das aber bei weitem nicht: 12.000 Euro im Monat nehme man etwa ein durch die Mieten. „11.000 Euro geben wir aus“, so Trudewig. Drei „ganz ernsthafte Kaufinteressenten“ habe man in den vergangenen Jahren gehabt. Darunter die „Eskimos“, wie er sagt, und ein Tankstellenbetreiber aus der Umgebung. Beide hätten das Ökosystem so erhalten, konnten oder wollten es aber am Ende doch nicht finanzieren – vor allem, weil die dann wohl anfallenden Renovierungskosten unabsehbar sind.

Stadt um Erhalt der Probemöglichkeiten bemüht

Was kann, was will die Stadt tun, um dieses Ökosystem zu erhalten? Das fragten wir bei der Pressestelle an. Antwort Montagnachmittag: „Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz, die Stadtverwaltung hat keinen Einfluss auf die Nutzung.“

Aber nachdem Ipek Abali den Bürgermeister angesprochen habe, sei man derzeit dabei, verschiedene Ideen und Möglichkeiten zu prüfen – „denn natürlich hat die Stadt ein Interesse daran, dass Castrop-Rauxeler Bands weiterhin auch Probemöglichkeiten in Castrop-Rauxel haben“, schrieb Sprecherin Maresa Hilleringmann.

Die Proberäume in der Baracke an der Wartburgstraße, die Zukunft der Band-Szene in Castrop-Rauxel: „Vielleicht findet man einen Deal“, sagt Ipek Abali.

Das sagt die Schoofs Gruppe

Kosmas Thämmig, Prokurist der Josef Schoofs Immobilien GmbH, teilte am Dienstag auf Anfrage mit: „Wir haben im Winter 2016 einen notariellen Grundstückskaufvertrag, aufschiebend bedingt der Baugenehmigungserteilung, mit den aktuellen Grundstückseigentümern rechtskräftig geschlossen.“

Sind mit Wirksamkeit des Kaufvertrages auch die Mietverträge beendet? „Mit Wirksamkeit des Grundstückskaufvertrags bzw. im Zuge der Erteilung der Baugenehmigung werden die Mietverhältnisse innerhalb der nach den mietvertraglichen Vereinbarungen vorgesehenen Möglichkeiten/Fristen ordnungsgemäß gekündigt. Sobald wir den Zeitpunkt, zu dem die Baugenehmigung erteilt wird, absehen können, werden wir uns mit den Mietern in Verbindung setzen. Wann der Bauantrag genehmigt wird, vermögen wir noch nicht abzusehen.“

 

Redakteur Tobias Weckenbrock kommentiert:

Es ist ihr gutes Recht

Man sucht immer schnell nach Schuldigen, wenn es um das vermeintliche Ende einer guten Sache geht. Als solche muss man die Proberäume bezeichnen. „Wir binden hier 300 Jugendliche“, sagt Dieter Trudewig. Und er hat Recht: Er hat über Jahre einer Musikszene hier ein Obdach gegeben. Er tut es auch weiter – aber nun wohl nur noch ein Jahr.

Es ist sein gutes Recht, mit 70 oder dann 71 Jahren an den Ruhestand zu denken und nicht täglich von Witten hier ins Büro zu fahren.

Es ist das gute Recht eines Investors, Grundstücke, die zum Verkauf stehen, zu kaufen, und dort für einen Lebensmittelhändler, der Standorte sucht, die Bahn zu bereiten. Auch dann, wenn es aus städteplanerischer Sicht an der Stelle sicher wenig sinnvoll ist. Schließlich sind Lidl, Aldi und Real schon da, K+K und Netto nicht weit.

Es ist das gute Recht der Bands, sich nun zusammenzuschließen, um für den Erhalt zu kämpfen – auch wenn es für diesen Standort vielleicht schon zu spät käme.

Es ist das gute Recht, nun auf die Stadtverwaltung und die Politik zu zeigen: Sie muss Wege finden und ermöglichen, die 50 Bands hier zu halten und Ex-Obdachlose unterzubringen. Dafür hat sie ein Jahr Zeit. Sie sollte sich schnell Verbündete suchen.

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