Raserei: Ordnungsamt erwischt auch Temposünder mit über 100 km/h

rnVerkehrskontrollen

Verkehrsberuhigung und Tempo-30-Zonen zum Trotz: Raserei in Castrop-Rauxel bleibt für das Ordnungsamt ein generelles Problem. Auch wenn die echten Raser eher die Ausnahme bleiben.

Castrop-Rauxel

, 22.11.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Seit 30 Jahren, so Achim Waldert vom Ordnungsamt der Stadt Castrop-Rauxel, gibt es jetzt die „Verkehrsberuhigten Bereiche“ in Deutschland. Mit vorgeschriebener Schrittgeschwindigkeit, mit der Regelung, dass Parken außerhalb der dafür gekennzeichneten Flächen verboten ist, mit der expliziten Erlaubnis von Kinderspielen auch auf der Fahrbahn. „Und seit 30 Jahren gibt es Beschwerden, dass sich niemand daran hält“, weiß Waldert aus leidvoller Erfahrung.

Zahl der Beschwerden ist explodiert

Denn bei ihm laufen diese Beschwerden auf. „Und seit es elektronische Kommunikationswege gibt, etwa die CAS-App, kommen unfassbar viele Beschwerden. Da muss man auch gut einordnen, was an der Beschwerde dran ist“, so Waldert.

Dabei werde jeder Fahrschüler darauf getrimmt, wie man sich in einem solchen Bereich verhalten müsse. „Das weiß jeder“, ist Waldert sicher. Aber längst nicht jeder hält sich dran. Allein schon die Frage der Schrittgeschwindigkeit scheint dabei für die meisten Verkehrsteilnehmer schwierig auszulegen zu sein.

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Maximal 7 km/h sind das laut Gesetzgeber. Ein Amtsrichter habe auch schon mal 15 km/h abgenickt, erinnert sich Waldert. Auch wenn das mit realer Schrittgeschwindigkeit nichts mehr zu tun hat, wie jeder Mensch, der schon mal gewandert ist, ziemlich genau weiß.

Aber wer im Auto sitzt, ist eben kein Fußgänger. „Und 7 km/h zeigt auch kein Tacho an“, sagt Achim Waldert. So sind viele, sehr viele Autofahrer in allen Verkehrsberuhigten Zonen Castrop-Rauxels zu schnell unterwegs. In den Tempo-30-Zonen übrigens auch, wie das Ordnungssamt aus unzähligen Messungen weiß.

„Ich werde bei jeder Gelegenheit darauf angesprochen“

„Bei jeder Gelegenheit, bei der ich draußen mit meiner Ordnungsamts-Jacke unterwegs bin, sprechen mich Menschen auf Raserei an“, erzählt Waldert. „Das ist eines der wichtigen Themen der Menschen.“

Panzerblitzer „Gunther“ unterstützt das Ordnungsamt seit Oktober bei der Jagd nach Temposündern.

Panzerblitzer „Gunther“ unterstützt das Ordnungsamt seit Oktober bei der Jagd nach Temposündern. © Thomas Schroeter

„Die Frage ist dann aber eben immer: Was kann eine Gemeinde dagegen tun? Wir können keine Hindernisse bauen, wir können nur messen. Als ich anfing, da durften wir als Stadt ja noch nicht mal messen. Das durfte nur die Polizei“, erzählt der Verkehrs-Routinier der Stadt. Das war Anfang der 90er-Jahre.

Längst dürfe die Stadt nun selber blitzen, habe in den letzten Jahren technisch aufgerüstet. Mit dem Messwagen könne man nach vorn oder hinten blitzen. Und jetzt kam noch Panzerblitzer „Gunther“ dazu.

Bei aller Messerei müsse sich das Ordnungsamt aber streng nach einem Landeserlass richten. Die Polizei darf danach immer und überall messen, die Städte müssen sich auf Unfallhäufungsstellen konzentrieren und auf sensible Bereiche etwa vor Schulen, Kitas oder Altenheimen. Inzwischen können sie aber auch an Stellen stehen, „wo nachweislich, und das wird betont, oft zu schnell gefahren wird“, erklärt Achim Waldert.

Messerei zeigt manchmal Wirkung

Um solche Stellen nachzuweisen, müsse man in Absprache mit der Polizei Langzeitmessungen, zum Teil über 24 Stunden, vornehmen. So könne man Raserbereiche belegen. Als solche Bereiche gelten Strecken, auf denen 10 bis 15 Prozent aller Verkehrsteilnehmer zu schnell gemessen werden.

Inzwischen habe man so rund 120 Messstellen in Castrop-Rauxel, die man turnusmäßig oder wegen besonders nachhaltiger Beschwerden ansteuere. Wie die Grimbergstraße, die man seit rund fünf Jahren immer wieder mal besuche.

Das Messen zeige an vielen Stellen durchaus Wirkung. An der Marsstraße etwa habe man an der B235 Jahre lang gestanden und zig Raser erwischt. Waldert: „Jetzt haben wir da Ruhe, da wird extrem angepasst gefahren. Das gilt übrigens auch für die Leveringhauser Straße, auch wenn da einzelne Menschen anderes sagen.“

Vor Schulen habe sich die Verkehrsdisziplin gebessert, es werde deutlich langsamer gefahren. „Das haben die Leute jetzt verinnerlicht. Ausreißer gibt es dabei immer, die finden wir aber bei jeder Messung“, schränkt der Verkehrsexperte ein. Man sehe oft schon am Fahrzeugmodell, wie es um die Einstellung zur Geschwindigkeit bestellt sei.

Castrop-Rauxel macht eher ein Minus

Und so komme es bei 24-Stunden-Messungen „auch schon mal vor, dass wir da einen Spezialisten dabei haben, bei dem wir auf eine dreistellige Zahl kommen. Oft sind das dann allerdings auch Rettungswagen, die quer durch die Stadt jagen.“

Viele Geschwindigkeitsüberschreitungen lägen in Bereichen knapp über der erlaubten Höchstgeschwindigkeit. „Aber es gibt auch die echten Raser. Und da ziehen wir dann den Führerschein ein. Die haben es dann auch verdient“, sagt Waldert.

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Kompletter Nonsens sei dabei die immer wieder vorgebrachte Mär, dass die Stadt nur blitze, um die Stadtkasse aufzubessern, dass es sich um „moderne Wegelagerei“ handele. Das Gegenteil sei der Fall: Die Stadt erwirtschafte mit den Messaktionen ein Minus. „Ich schließe es für unsere Stadtverwaltung komplett aus, dass da auf die Kasse geachtet wird. Wir nehmen das Geschäft ernst: Es geht um die Sache, nicht ums Geld“, so Waldert.

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