Real: Mit „viel Druck auf die Konzernspitze“ in den Kampf für den Tarifvertrag

rnStreik bei Real

Die Mitarbeiter des Real-Marktes an der Siemensstraße streikten am Montag, doch dabei wird es vielleicht nicht bleiben. Frank Schwabe traf die Belegschaft vor Ort und sprach ihnen Mut zu.

Castrop-Rauxel

, 27.11.2018, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Schrill trillerten die Pfeifen am Montagmorgen vor dem Real an der Siemensstraße. Trotz Eiseskälte und dicker Wolkendecke am Himmel hatten sich knapp 30 Mitarbeiter der Supermarktkette vor dem Eingang des Geschäfts an der Siemensstraße positioniert. Es lief Musik, die Stimmung war gut, aus einem Einkaufswagen verteilte eine Mitstreikende Kaffee.

„Großer Mitarbeiter-Verkauf. SALE“, stand auf roten Schildern, die sich die Streikenden um den Hals gehängt hatten. Auf den gelben Westen: „Einkommen zum Leben, nur mit Tarif!“ Mit dabei war Désirée Simon, 39 Jahre alt, seit 22 Jahren angestellt und heute Verkäuferin bei Real: „Wir stehen hier zum Streik, weil wir die Allgemeinverbindlichkeit unserer Verträge zurück haben wollen. Wir wollen dem zukünftigen Käufer von Real zeigen, dass er mit uns Arbeitnehmern nicht machen kann, was er will.“

Real: Mit „viel Druck auf die Konzernspitze“ in den Kampf für den Tarifvertrag

Castrop-Rauxels Bürgermeister Rajko Kravanja und SPD- Bundestagsabgeordneter Frank Schwabe unter den Streikenden. © Silja Fröhlich

Die Metro AG hat die alte Tarifbindung mit Verdi durch die Umfirmierung des Tochterunternehmens beendet. Neue Mitarbeiter werden zu wesentlich schlechteren Bedingungen eingestellt als Alt-Mitarbeiter, die nach dem alten Rahmentarif bezahlt werden. Sie erhalten um 30 Prozent weniger Gehalt. So verdient eine Kassiererin nach neuem Tarif 1800 statt 2600 Euro brutto. Verdi hatte alle Beschäftigten von Real für Montag zu bundesweiten Streiks aufgerufen. Die Streikenden setzen sich für die Anwendung des Verdi-Flächentarifvertrages auf die 34.000 Beschäftigten des Unternehmens ein, erklärte Betriebsratsvorsitzender Dennis Walter. „Wir streiken heute und wenn es sein muss, auch die nächsten Wochen. Wir müssen den Arbeitgeber dazu zwingen, zurück an den Verhandlungstisch zu kommen.“

Es liege an der Real-Geschäftsführung, die nicht neu mit Verdi verhandeln wolle. Dennis Walter: „Wir wollen öffentlichen Druck erzeugen, um einen Tarifvertrag zu bekommen, der den Namen verdient. Um uns zu unterstützen, können Kunden den Streik unterstützen, also nicht einkaufen oder die Geschäftsführung im Laden ganz direkt fragen, warum sie so etwas macht.“ Die Geschäftsführung, so Walter, wolle sich zu dem Streik nicht äußern.

Doch Kunden fanden passende Worte für die Situation der Arbeitnehmer. Wilhelm Adler geht seit 40 Jahren an der Siemensstraße einkaufen, und seit es den Real gibt, auch dort. „Die Wursttheke ist komplett dicht, aber ich würde auch streiken, wenn es um mein Geld ginge“, sagte er am Montagmorgen nach seinem Einkauf in dem Geschäft. Es sei schließlich auch nicht in Ordnung, sein Gehalt kampflos den „Großen“ überlassen zu müssen, wie er es nennt.

60 Castrop-Rauxler Familien betroffen

Die Streikenden bekamen auch prominente Unterstützung von Castrop-Rauxels Bürgermeister Rajko Kravanja und dem SPD- Bundestagsabgeordneten Frank Schwabe. Beide standen gut eine Stunde in der Gruppe, sprachen den Streikenden Kraft und ein langes Durchhaltevermögen zu. Bürgermeister Rajko Kravanja sagte: „Es sind auch 60 Castrop-Rauxeler Familien betroffen, die hier arbeiten. Wir können das nicht einfach hinnehmen und müssen ein Zeichen setzen.“ Es gelte, hinter den Arbeitnehmern zu stehen, Solidarität zu zeigen und den Streikenden Mut zuzusprechen. „Es kann nicht sein, dass der Staat dafür aufkommt, wenn irgendwo niedrige Löhne gezahlt werden“, sagte Rajko Kravanja. „Der Real-Markt soll erhalten bleiben, aber das geht nur in Gemeinschaft, wenn gute Löhne bezahlt werden. So ein Arbeitskampf kann ein langer Arbeitskampf werden, doch er lohnt sich, wenn alle davon profitieren.“

Real: Mit „viel Druck auf die Konzernspitze“ in den Kampf für den Tarifvertrag

„Einkommen zum Leben: Nur mit Tarif!“, fordert die Belegschaft. © Silja Fröhlich

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Frank Schwabe beschrieb die Situation als „schlimm“. „Die Arbeitnehmer brauchen jetzt so viel Solidarität wie möglich, der Druck auf die Konzernspitze muss hoch gehalten werden.“ Versprechungen könne er nicht machen, doch eines könne er tun. „Ich habe den Streikenden zugesagt, dass wir ihre Situation zum Thema in der morgigen Fraktionssitzung der SPD machen. Natürlich liegt die Entscheidung am Ende beim Konzern, doch er muss wissen, dass die Öffentlichkeit sieht, was er tut.“

Solidarität anstatt billiger Erfolg

Doch nicht alle Real-Mitarbeiter standen am Montag vor den Türen. Einige gingen normal arbeiten, einige Streikende vermuteten, dass sie die Gefahr ignorieren, dass es in einem halben Jahr aus sein könnte mit den Arbeitsplätzen. „Es wird an vielen Orten in vielen Unternehmen bewusst versucht, die Belegschaft zu spalten. Das kennt man von anderen Betrieben und ist eine riesen Gefahr“, so Frank Schwabe. „Man muss klar sagen, es geht um alle. Wenn es denen, die streiken, schlecht geht, geht es den anderen nicht besser. Hier geht es nicht um einen Streik für den billigen Erfolg, sondern sich solidarisch gegenseitig den Rücken zu stärken.“

Die streikende Belegschaft fuhr um 10 Uhr dann zu einer Kundgebung nach Düsseldorf, an der auch der Bundesminister für Arbeit, Hubertus Heil, teilnahm.

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