Ist Hypnose Hokuspokus? Redakteurin Marén Carle kann das Wasserglas nicht mehr anheben

rnHypnoseshow in der Stadthalle

Die Hypnoseshow „Schlaf! Mit mir! 2.0“ kommt in die Stadthalle. Funktioniert Hypnose wirklich? Redakteurin Marén Carle hat es ausprobiert. Ihr Körper klebte am Sofa fest.

Castrop-Rauxel

, 28.12.2019, 16:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Nüchterne Partymuffel, die singend auf Tischen tanzen und denken, sie seien DJ Ötzi. Ein Physiker, der sich beim besten Willen nicht mehr an die Zahl drei erinnern kann. Ein Auto-Fan, der ein einfaches Bobby Car bestaunt, als sei es ein Luxuswagen der Extraklasse.

„Das zu sehen, fasziniert mich selbst immer wieder“ sagt Aaron mit einem breiten Grinsen. Aaron ist einer von insgesamt fünf Profi-Hypnotiseuren, die es in Deutschland gibt. Auf der ganzen Welt ist er mit seinen Hypnose-Shows unterwegs.

Selbstversuch: Funktioniert Show-Hypnose wirklich?

Doch ist es wirklich möglich, dass die freiwilligen Probanden auf der Bühne durch einen einfachen Schnipser plötzlich komplett hypnotisiert sind? Dass sie Zitronen essen, als seien es Mandarinen? Dass sie sich selbst für Supermodels und Filmhelden halten, aber sich nicht mehr an ihren eigenen Namen erinnern können? Oder ist das alles nur gespielt?

Das möchte ich am eigenen Leib erfahren – und mich von Aaron in die Welt der Show-Hypnose entführen lassen. Und Aaron ist guter Dinge, dass die Hypnose funktionieren wird. Es gebe nur einen Grund, weshalb Hypnose nicht funktioniert: Wenn sich der Proband bewusst oder unterbewusst dagegen wehrt.

„Menschen, die nicht hypnotisiert werden wollen, können auch nicht in Hypnose versetzt werden“, erklärt Aaron. Funktionieren kann das Ganze also nur, wenn es beide Seiten wollen. Leichter gesagt als getan.

Der verzweifelte Versuch, die Gedanken still zu stellen

Ich setze mich bequem auf das Sofa in unserer Redaktion, schließe die Augen und versuche mich zu entspannen, den beruhigenden Worten von Aaron genau zu folgen.

Doch meine Gedanken wirbeln weiter umher und durchbrechen Aarons Worte: ‚Wird das Ganze wirklich klappen? Werde ich gleich völlig verrückte Sachen machen? Einfach so, von jetzt auf gleich? Obwohl ich noch alles normal mitbekomme?‘ Verzweifelt versuche ich die Gedanken auszublenden, denn ich weiß, wenn ich alles zu sehr hinterfrage, wird es nicht klappen.

Umso mehr überraschen mich die Worte von Aaron: „Das Flattern deiner Augenlider zeigt mir, dass du genau auf dem richtigen Weg bist.“ Und plötzlich spüre ich sie tatsächlich flattern – so stark, wie ich sie noch niemals gespürt habe. Verrückt.

Ich soll meine Augenlider noch mehr entspannen, so sehr, dass sie sich nicht mehr öffnen lassen. Und wieder durchbricht die kritische Stimme in mir den ruhigen Wortfluss von Aaron: ‚Das kann nicht funktionieren! Wenn ich meine Augen öffnen will, öffnen sie sich auch.‘ Tun sie nicht. Ich versuche es wirklich, aber sie öffnen sich nicht.

Hypnotiseur: „Alles was ich sage, wird genau so eintreffen“

Als nächstes soll ich mir vorstellen, oben an einer langen Rolltreppe zu stehen – und immer tiefer runterzufahren, immer entspannter zu werden. Ich versuche es, versuche mir die Bilder genau so vor meinem inneren Auge auszumalen, wie Aaron sie beschreibt. „Alles was ich sage, wird genau so eintreffen“, verspricht Aaron und lässt mich immer weiter entspannen, immer weiter in die Hypnose sinken.

Ich höre weiterhin alles, was um mich herum passiert. Ich sitze mitten in der Redaktion – mitten im hektischen Alltag, es werden Absprachen getroffen, die Kollegen tippen fleißig in die Tasten und durch das offene Fenster schallen die Klänge einer Ukulele.

Den eigenen Namen unter Hypnose vergessen?

Dennoch fühle ich mich völlig entspannt, innerlich ganz ruhig. Ich versuche, nur auf die Worte von Aaron zu hören. „Wenn ich dir das nächste Mal auf die Stirn tippe, wird etwas Überraschendes passieren“, verspricht mir der Hypnotiseur: „Denn dann hast du entweder deinen Namen aus deinem Gedächtnis vollkommen gestrichen oder er liegt dir auf der Zunge, aber du kannst ihn einfach nicht aussprechen.“

‚Kann nicht sein‘, meldet sich meine innere Stimme wieder zu Wort und sagt mir, ohne dass ich es will, immer wieder meinen Namen, prüft ob ich ihn noch kenne. ‚Marén, Marén, Marén.‘ Noch fällt er mir ein. Aber ob das gleich auch noch so ist, wenn ich die Augen öffne? Oder ist er dann wirklich einfach weg?

Ich öffne die Augen. „Was machst du hier?“ stellt Aaron mir die scheinbar leichteste Frage der Welt als erstes. Doch ich muss tatsächlich etwas drüber nachdenken. Es fühlt sich an, als sei mein komplettes Gehirn mit eingeschlafen, ebenfalls in tiefe Entspannung versunken. „Ähm, arbeiten“, fällt es mir schließlich wieder ein. „Und was?“ „Artikel schreiben“ – mehr als diese kurze Grundschul-Definition habe ich nun wirklich nicht auf Lager.

Ein nächster Versuch in noch tieferer Hypnose

Meinen Namen dafür schon. „Sagst du mir kurz, wie du heißt?“ – „Marén.“ Ich soll wieder die Augen schließen. Noch tiefer in den entspannten Zustand sinken. Dann kündigt Aaron den nächsten Versuch an: „Tippe ich dir auf die Stirn, kannst du die Augen öffnen, du wirst nicht erwachen – und dann wird etwas Spannendes passieren. Hier vorne steht ein Glas. Sobald du versuchst, das Glas zu heben, klebt das Glas förmlich am Tisch fest. Das Glas ist schwer wie blei.“

Aaron hypnotisiert freiwillige Probanden bei seinen Shows. Er kommt im Mai nach Castrop-Rauxel.

Aaron hypnotisiert freiwillige Probanden bei seinen Shows. Er kommt im Mai nach Castrop-Rauxel. © Shirin Stoth

Ich öffne die Augen. „Tust du mir einen Gefallen, kannst du einmal das Glas hochheben, bitte?“ fragt Aaron mich ganz freundlich und deutet auf das Glas auf dem kleinen Tisch vor mir – das wir immer fleißig mit Gummibärchen füllen.

Mir ist durchaus bewusst, dass es ein einfaches Glas ist, ich versuche es also zunächst lässig mit einer Hand hochzuheben – erfolglos. Ich nehme meine zweite Hand zur Hilfe, doch noch immer scheint dieses blöde Glas einfach zu schwer zu sein, um es hochzuheben. Erst mit vollster Anstrengung gelingt es mit, das Glas ein wenig vom Tisch zu lösen.

Wenn der eigene Körper am Sofa festklebt

Beim dritten und letzten Durchgang soll ich versuchen, vom Sofa aufzustehen. „Dein ganzer Körper klebt quasi am Sofa fest“, sagt Aaron und bittet mich, vom Sofa hochzukommen. Mit Mühe und Not quäle ich mich auf – es klappt, doch mein Körper fühlt sich dabei an, als würde er mich wieder zurück aufs Sofa drücken wollen. Quasi wie morgens, wenn der Wecker klingelt.

Danach weckt Aaron mich auf aus der Hypnose, ich fühle mich anfangs noch etwas müde und weggetreten, dann immer fitter. Es war ein erholsamer Ausflug, ich habe alles um mich herum weiterhin ganz normal wahrgenommen, war nie wirklich weg. „Das ist auch einer der größten Irrglauben“, erzählt Aaron. „Je nach Tiefe der Hypnose bekommt man alles mit und fühlt sich vollkommen präsent.“

Eine spannende Erfahrung, die den Glauben an Hypnose geweckt hat

So sehr ich zuvor auch an der Hypnose gezweifelt habe – und auch, wenn bei mir nicht alles geklappt hat – glaube ich nun daran. „Sie waren sehr analytisch und haben viel nachgedacht“, weiß Aaron – das ist wahr! „Kein Wunder, Sie müssen ja auch noch einen Artikel darüber schreiben. Aber dadurch ist Hypnose schwieriger.“

In Hypnose-Shows werden aus diesem Grund Menschen aus dem Publikum ausgewählt, die sich besonders gut hypnotisieren lassen und das auch wollen. Zum Beispiel Menschen, die viel Phantasie haben. Bei Hypnosen mit therapeutischem Hintergrund ist das nicht ganz so relevant, da dem Hypnotiseur noch viel mehr Zeit bleibt, um den Patienten in Hypnose zu versetzen.

Es war auf jeden Fall eine spannende Erfahrung: Das gesamte Umfeld habe ich wie gewohnt wahrgenommen, ich habe mich völlig normal gefühlt – und dennoch konnte ich so ein blödes Glas einfach nicht hochheben.

Auch meine Kollegin Shirin Stoth hat es gewagt und sich auf die schnelle „Schnips-und-Weg“-Weise hypnotisieren lassen, wie man es von den Hypnose-Shows kennt. Wie das ablief, sehen Sie im Video:

Lesen Sie jetzt