Schicksalsschlag im Kopf: Mit „nur“ 0,3 Promille in Schlangenlinien über die Herner Straße

rnUnfallfahrt

Das Auto fuhr in Schlangenlinien und riss ein Schild um. Ein Polizist wurde Zeuge dieses Unfalls auf der Herner Straße. Ein Unfall mit wirklich überraschendem Hintergrund.

Castrop-Rauxel

, 14.07.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Polizist hatte frei. Er hatte soeben seine Tochter in den Kindergarten chauffiert. Auf dem Heimweg fiel ihm Ende Februar ein Auto auf, das ihn beim Fahrbahnwechsel zunächst fast gerammt hätte. Dann fuhr es in Schlangenlinien weiter, passierte bei Rot eine Ampel, schrammte zwischendurch mit den Reifen am Bordstein entlang und überfuhr auf der Herner Straße schließlich eine Verkehrsinsel - mitsamt Schild. Jetzt saß der 52-jährige Unfallfahrer auf der Anklagebank.

„Ich habe so gut wie keine Erinnerung“

Zur Sache selbst konnte der Frührentner nicht viel beitragen. „Ich habe so gut wie keine Erinnerung“, gab er an. Zu stark lastete in jenen Tagen ein schreckliches Ereignis auf ihm.

Sein Sohn, der in den Vereinigten Staaten lebte, war gestorben. Seitdem konnte er nicht mehr schlafen, hatte in der Nacht vor der angeklagten Autofahrt Musik gehört, um sich abzulenken. Dabei habe er auch eine halbe Flasche Wein getrunken.

Er stand mit 0,3 Promille neben sich

Was für andere ein regelmäßiges Pensum ist, warf den Mann völlig um. Denn zu allem Unglück kam sein persönliches Schicksal: Der Mann lebt mit einer transplantierten Leber. Seine Nieren arbeiten auch nicht mehr gut. Seine tägliche Medikamentendosis ist entsprechend hoch - und Alkohol tabu.

Der Alkoholtest auf der Polizeiwache nach dem Unfall schwankte zwischen 0,29 und 0,31 Promille, gemittelt also bei 0,3 Promille. Exakt die Grenze, ab der die Teilnahme am Straßenverkehr strafbar ist.

„Es war kein Gespräch mit ihm möglich“

Was bei manch einem kaum Auswirkungen zeigt, hatte dem Angeklagten schwer zugesetzt. Das bestätigt eine Polizistin, die den Fall aufnahm. „Es war kein Gespräch mit ihm möglich“, sagte sie aus. „Seine Antworten kamen, wenn überhaupt, verzögert.“

Dass der Angeklagte die Unglückslage nicht erkannte, belegte auch die Aussage eines anderen Polizisten. „Der Fahrer glaubte, er könne noch nach Hause fahren. Dabei war der Unterboden seines Autos platt, die Reifen kaputt“, sagte er. Ein Totalschaden, wie später festgestellt wurde.

Keine Gnade beim Urteil

„Sie haben einen schlimmen Schicksalsschlag erlitten“, sagte der Richter. Er erklärte, dass dies aber bei der Bewertung eines Vergehens im Straßenverkehr nicht berücksichtigt werden dürfe. „Alle Verkehrsteilnehmer haben ein Recht auf Sicherheit“, erläuterte er. Und da müsse er sich an die Vorgaben und das entsprechende Strafmaß halten.

Das sieht eine Geldstrafe und den befristeten Entzug der Fahrerlaubnis vor. Das Urteil: eine Geldstrafe über 600 Euro und neun Monate keine Fahrerlaubnis für den Mann, der bislang weder Vorstrafen noch einen Eintrag im Straßenverkehrsregister hat. Besonders bitter, weil der 52-Jährige regelmäßig zur ärztlichen Behandlung fahren muss.

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