Schuldnerberater erwartet in der Coronakrise künftig mehr Arbeit

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Manchmal geht es um 100 Euro, die nicht bezahlt werden können, manchmal um Millionen. Schuldnerberater Ralf Wenzel kann vielen helfen. Eine Privatinsolvenz ist nicht immer der richtige Weg.

Castrop-Rauxel

, 19.11.2020, 20:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Stühle auf dem Gang von dem Büro von Ralf Wenzel im Rathaus sind oft leer. Auch bei Ralf Wenzel geht in der Coronakrise vieles per Telefon. Wer dort aber Platz nimmt, hat Sorgen, große Sorgen. Ralf Wenzel ist Schuldnerberater bei der Stadt Castrop-Rauxel. Familien, Rentner, Selbstständige, Geschäftsleute, Hartz-IV-Empfänger kommen zu ihm auf der Suche nach einem Ausweg.

Die Coronakrise hat sich allerdings auf seine Arbeit nicht ausgewirkt. Noch nicht, sagt Ralf Wenzel. Er rechnet damit, dass die finanziellen Folgen der Krise sich auch in Castrop-Rauxel niederschlagen werden. Menschen, die in Kurzarbeit sind und bei denen das knapp kalkulierte Budget deshalb nicht ausreicht, könnten dazu gehören, aber auch Kleinunternehmer und Selbstständige.

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Angesichts des zweiten Lockdowns haben sich Soloselbstständige bei ihm gemeldet. Doch noch können sie auf Überbrückungshilfen setzen. „Das kommt im nächsten Jahr“, sagt Ralf Wenzel. Auch wenn Förderungen später teilweise zurückgezahlt werden müssen, kann das zu neuen Schulden führen. „Wenn die Pandemie noch lange anhält, befürchte ich das Schlimmste.“

Arme Schlucker und Wirtschaftskriminelle suchen Beratung

Die Bandbreite der Menschen, die zu Ralf Wenzel kommen, ist groß. 460 Menschen, oder besser gesagt 460 Haushalte, hat Ralf Wenzel im vergangenen Jahr beraten. „Es steckt immer die ganze Familie dahinter“, so der Castrop-Rauxeler. Da gibt es den Mann, der seinen Handy-Vertrag nicht mehr bezahlen kann oder den Zocker, der Haus und Hof verspielt hat. Bei ihm waren auch schon Menschen, die 30, 40 oder 50 Gläubiger hatten. Und einer, der 1 Million Euro Schulden hatte. „Ein Fall von Wirtschaftskriminalität.“

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„Der Klassiker ist der hohe Kredit bei der Bank. Die Rate ist eigentlich zu hoch, das Girokonto wird überzogen, das Darlehen wird aufgestockt, bis man die Rate endgültig nicht zahlen kann“, so erzählt es Ralf Wenzel. Typische Schulden, um die es in der Beratung geht, sind neben Darlehensforderungen die Fernsehgebühren, Handyschulden und Forderungen des Versandhandels.

Häufig stellt Ralf Wenzel ein Suchtpotenzial fest. „Spiel-, Kauf- oder Drogensucht, das sind alles Gründe, die Klienten in die Verschuldung treiben“, sagt er. Seine Klienten kommen aus allen sozialen Schichten. Rund 60 Prozent bei der Beratung bezieht sich auf Empfänger von Hartz-IV. „Ich habe Familien, die berate ich in der dritten Generation“, so Ralf Wenzel.

Verwaltungswirt ist auch für psychologische Beratung gefragt

Viele sind verzweifelt, wenn sie das erste Mal zu Wenzel kommen, viele schämen sich. „Viele fangen erst mal an zu weinen“, sagt er. Da ist neben einem Taschentuch auch psychologisches Geschick gefragt. Er sei zu einem Drittel Jurist, zu einem Drittel Seelsorger und zu einem Drittel Sozialarbeiter, so erzählt es der Schuldnerberater, der also viel mehr ist als der Verwaltungswirt, der Beruf, den er erlernt hat.

Eine Klientin hat kürzlich bei Google eine Bewertung hinterlassen, die Ralf Wenzel sehr freut. „Ich wünsche es niemandem, so einen Engpass im Leben durchlaufen zu müssen und jeder hat seine individuellen Geschichte, in die sich Herr Wenzel mit sehr viel Empathie und Feingefühl einlässt“, heißt es da und weiter: „Mittlerweile gehe ich aus dem Büro und weiß, da ist ein Licht am Ende des Tunnels und ich bekomme eine zweite Chance, neu anfangen zu können!“

Jede Beratung beginnt mit der Bestandsaufnahme der Situation. Was sind Ein- und Ausgaben? Welche Ausgaben sind überflüssig? Können Sozialleistungen beantragt werden? Das klärt Ralf Wenzel. Dann wird eine Gläubigerliste angelegt, um die Gesamtschuldhöhe zu ermitteln.

Insolvenzverfahren ist der letzte Ausweg, aber nicht für jeden geeignet

So unterschiedlich die Schuldner, so unterschiedlich die Hilfsansätze. „Manchem ist mit einer kleineren Ratenzahlungsvereinbarung geholfen oder mit einer Stundungsvereinbarung.“ Sehr effektiv seien außergerichtliche Vergleichsverhandlungen. Wenn ein Klient zum Beispiel 10.000 Euro Schulden habe, zudem aber ein unpfändbares Einkommen, könne man dem Gläubiger ein Einmalzahlangebot von vielleicht 3500 Euro machen.

Hilft das alles nicht, bleibt ein Insolvenzverfahren. Sechs Jahre dauert die sogenannte Wohlverhaltensphase. Danach erfolgt die Restschuldbefreiung. Ralf Wenzel erläutert: „Viele Kunden haben die Vorstellung, sie müssten ins Insolvenzverfahren, dann sei alles in Ordnung.“ So leicht sei es aber nicht. Man sei quasi auf Bewährung und habe Mitwirkungspflichten. Man müsse also nach Möglichkeit Schulden abtragen. Wer 30 Jahre alt, gesund und arbeitsfähig ist, muss sich in der Zeit auch um Arbeit bemühen.

„Man muss stabil sein für ein Insolvenzverfahren“, sagt deshalb Ralf Wenzel. Bisheriges Fehlverhalten müsse geändert werden. Neue Schulden, die in der Zeit entstünden, könnten nach den sechs Jahren nicht befreit werden.

Viele Schuldner warten noch, bis Verfahren stark verkürzt wird

Für 2021 erwartet Ralf Wenzel viel Arbeit. „Viele sind in der Warteschleife.“ Der Grund: Ein Gesetzesentwurf des Bundesjustizministeriums sieht vor, das Restschuldbefreiungsverfahren von sechs auf drei Jahre zu verkürzen. Noch gibt es keine Bestimmungen dazu. Auch wenn angekündigt wurde, dass dies rückwirkend ab 1. Oktober 2020 gilt, warten viele ab. Bereits nach drei Jahren schuldenfrei zu sein, ist reizvoll. Ralf Wenzel erläutert „Wem monatlich ein Betrag von 300 Euro gepfändet wird, zahlt diese 300 Euro nur 36 Mal und nicht wie bisher 72 Mal.“

Für Ralf Wenzel ist die Verkürzung der Zeit sinnvoll. Drei Jahre allerdings findet er zu kurz. „Ich fürchte, dass das Konsum und Kreditverhalten noch laxer wird.“ Auf ihn komme dann mehr Arbeit zu. Noch ist seine Schuldnerberatung ein Ein-Mann-Betrieb. „Dann werden wir hier noch mehr Mitarbeiter brauchen.“

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