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Drei Familien im Jahr kommen zu Dr. Ingo Meyer, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Nur ein Bruchteil, doch ein kritischer. Warum können Sie die Eltern nicht überzeugen, Herr Meyer?

Ickern

, 15.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Die Bundesregierung diskutiert über eine Impfpflicht für Masern - ein kontroverses Thema. In Castrop-Rauxel gab es nach Angaben des Gesundheitsamtes in den vergangenen Jahren keinen Masern-Fall. Dennoch spricht sich der Ickerner Kinderarzt Dr. Ingo Meyer für eine Impfpflicht aus. Am Ickerner Markt betreibt er zusammen mit Mechthild Höhler eine Kinderarztpraxis.

Wie beraten Sie Eltern, wenn es ums Thema Impfen geht?
Grundsätzlich sind glaube ich fast alle Kinderärzte Verfechter der Impfung. Es gibt glaube ich nur wenige medizinische Maßnahmen, die sich so segensreich auf die Gesundheit ausgewirkt haben wie das Impfen. Wenn wir die Kinder als Neugeborene das erste Mal sehen, händigen wir den Eltern Impfinformationen aus, und wenn dann der erste Impfkontakt ist, ist nochmal Gelegenheit, das zu besprechen.

Das ist dann mit sechs Wochen die Rotavirenimpfung?

Wir fangen mit acht Wochen an und machen direkt die Sechsfachimpfung und die Pneumokokkenimpfung. Also zwei Spritzen und einen Schluck. Das machen wir einfach, um den Eltern einen Termin zu ersparen. Wir richten uns grundsätzlich nach der STIKO-Impfempfehlung.

Halten Sie eine Impfflicht, wie sie die Bundesregierung derzeit diskutiert, für sinnvoll?

Für uns wäre das schön. Wir haben kein allzu großes Problem mit Familien, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen. Ein Problem ist allerdings die Dokumentation. Auch im Zeitalter der Digitalisierung haben wir noch ein kleines Büchlein, in dem die Impfungen drin stehen. Diese Büchlein haben eine hohe Neigung, zu verschwinden. Spätestens bei einem Umzug wird das dann schwierig. Demnach wäre es großartig, wenn Impfungen auf der Gesundheitskarte gespeichert würden.

Wie oft kommen Familien zu Ihnen, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen?

Drei im Jahr ungefähr. Einige wollen die Rotaviren-Impfung nicht. Das akzeptieren wir in der Regel. Rotaviren sind relativ gefährlich für junge Säuglinge. Bei einer Infektion müssen die Säuglinge in der Regel stationär aufgenommen werden. Aber dass die Kinder lebensbedrohlich erkranken, passiert wirklich extrem selten. Bei allen anderen Impfungen legen wir uns sehr ins Zeug, um die Eltern zu überzeugen. Trotzdem wüsste ich niemandem, bei dem das etwas gebracht hätte.

Was tun Sie, wenn Eltern konsequent dabei bleiben, nicht impfen zu wollen?
Wir tauschen eine Impfargumentation aus und dann haben die Eltern Zeit. Beim nächsten Kontakt fragen wir nochmal nach. Und wenn sich nichts geändert hat, müssen die Eltern uns unterschreiben, dass sie aufgeklärt worden sind über den Sinn dieser Impfungen und in vollem Bewusstsein der Krankheitsrisiken diese Impfung für ihr Kind nicht wollen; und, dass sie ihre Entscheidung jederzeit revidieren können. Damit sichern wir uns ab. Es gibt eine Reihe von Kollegen, die ungeimpfte Kinder gar nicht aufnehmen.

Sie haben also Patienten, die ungeimpft sind?

Ja, aber das sind wenige. In der Regel sind die dann auch komplett ungeimpft. Dass jemand auf nur eine Impfung verzichtet, ist selten.

Der „Verein für individuelle Impfentscheidung“ plädiert dafür, jedes Kind einzeln zu beurteilen und jede Impfung für jedes Kind auf den Prüfstand zu stellen. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Dem stehen wir kritisch gegenüber, weil es für das Kind eine schlechte Entscheidung ist. Die Verträglichkeit einer Impfung ist umso besser, je jünger das Kind ist und je weniger vorgeformt das Immunsystem ist. Je jünger das Kind, desto besser die Immunantwort und desto geringer die Nebenwirkungsrate.

Was ist, wenn Kinder zu früh oder krank geboren werden?
Bei Frühchen sagt man, sie sollten 2500 Gramm wiegen, bevor sie das erste Mal geimpft werden. Dann gilt aber das chronologische Alter. Ansonsten gibt es nur ganz wenige Kontraindikationen, also beispielsweise ein angeborener Immundefekt.

„Seit 26 Jahren bin ich niedergelassener Arzt, seitdem habe ich keine Masern mehr gesehen.“
Dr. Ingo Meyer, Kinderarzt in Ickern

Krankheiten, gegen die man impfen kann, sehen Sie die noch hier in der Praxis?

Fast nie. Windpocken sind extrem selten geworden. Da sehe ich vielleicht einen Patienten im Jahr. Seit 26 Jahren bin ich niedergelassener Arzt, seitdem habe ich keine Masern mehr gesehen. Ich glaube mal, wenn jemand jetzt seinen Facharzt für Kinderheilkunde macht, hat der nie Masern gesehen. Die sind wirklich extrem selten geworden. Es kann also sein, dass man Facharzt für Kinderheilkunde geworden ist und die Kinderkrankheiten nie gesehen hat. Bei Kinderlähmung und Pocken ist es auch so. Ich bin seit 40 Jahren im Beruf und habe nie eine Diphtherie gesehen, anders als mein damaliger Oberarzt.

Angenommen, es kommen Eltern zu Ihnen, die ihre Kinder nicht nach dem STIKO-Plan impfen lassen wollen. Was sind deren Argumente und Sorgen?

Die Argumente sind hauptsächlich, dass die Impfung Schaden anrichtet, dass bestimmte Krankheiten durch die Impfung ausgelöst werden, es besser sei, die Krankheit durchzumachen, als sie zu verhindern. Man will der Pharmaindustrie kein Geld zukommen lassen.

Wie entkräften Sie die Argumente?
Diese Hauptargumente bekommen wir nicht entkräftet - obwohl sie nicht stimmen. Es gibt kein Medikament, das so nachhaltig und engmaschig überprüft wird wie ein Impfstoff. Der Verdacht, dass Masernimpfung Autismus oder Diabetes verursacht, ist beispielsweise zigmal untersucht und ausgeschlossen worden.

Nehmen wir mal die Krankheit Hand-Mund-Fuß. Die ist früher - als noch nicht so viel geimpft wurde - doch deutlich weniger aufgetreten.
Wir impfen ja nicht, damit die Leute gar nicht mehr krank werden. Das würden wir gar nicht hinkriegen. Wir impfen gegen Erkrankungen, die mit Komplikationen behaftet sind, die wir nicht behandeln können oder die ein hohes Sterberisiko beinhalten, beispielsweise Masern. Diese Krankheit gehört weltweit mit Tuberkulose zu den Krankheiten, die mit der höchsten Todesrate behaftet sind. Wenn Sie einmal die Subakute sklerosierende Panenzephalitis infolge einer Masernerkrankung gesehen haben, kann man sich nicht vorstellen, dass man das nicht verhindern möchte.

Würden Sie sagen, die Impfpflicht sollte sich auf alle von der STIKO empfohlenen Impfungen beziehen?
Ja, da könnte ich gut mit leben. Eine Impfflicht nur gegen Masern geht gar nicht, weil es keinen isolierten Masernimpfstoff gibt, sondern nur in Kombination mit Mumps und Röteln. Eine Impfpflicht nur gegen Masern ist gar nicht durchführbar. Es wird nie einen isolierten Impfstoff geben, weil den nie jemand haben will. Wenn man alle erreichen will, muss man zudem im Säuglingsalter anfangen. Später erreicht man die Menschen nicht mehr.

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