So viel Geschichte entdeckt man im Grutholz

Blick in die Historie

Das Grutholz ist nicht nur ein netter Ausflugsort, sondern auch eine historische Fundgrube. Denn wo sich heute Wildgehege, Spielplatz und Biotop befinden, herrschten noch vor wenigen Jahrzehnten ganz andere Zustände. Wir haben uns auf Spurensuche begeben – und sind unter anderem auf den Namen Alfred Nobel gestoßen.

CASTROP-RAUXEL

, 05.09.2017, 15:53 Uhr / Lesedauer: 3 min
Im Grutholz befand sich früher ein Sprengsotfflager.

Im Grutholz befand sich früher ein Sprengsotfflager.

Wer dem Weg am westlichen Rand des Deininghauser Naherholungsgebiets in Richtung Norden folgt, stößt am Waldeingang unweigerlich auf zwei große Betonpfosten, aus denen noch ein kleines Stück Eisen ragt. Die durchaus martialisch wirkenden Pfähle sind mit etwas ominösen Markierungen versehen, die einer Art logischer Formel gleichen: „xE A1 = –>“. Wie bitte?

Was bedeutet diese Markierung?

Revierförster Matthias Klar ist auf Anfrage unserer Redaktion zunächst auch ein wenig ratlos. „Diese Markierungen sind mir nicht bekannt. Aber ich gehe davon aus, dass es sich um Wanderwege handelt. Vielleicht vom Sauerländischen Gebirgsverein“, sagt Klar. Beim SGV erreichen wir aber leider niemanden. Aber im Netz werden wir fündig. Der Wanderweg A1 ist 4,7 Kilometer lang, in beiden Richtungen von ehrenamtlichen Wegemarkierer gekennzeichnet. Und beim xE handelt es sich um einen Teil des Emscherpark-Wanderweges von Kamen nach Duisburg. Alles klar.

Aber was ist mit den Betonpfosten, an denen sie stehen? Die dokumentieren ein Stück Geschichte. Sie bildeten die Eisenbahneinfahrt in ein frühere Sprengstofflager, das hier lag. In drei großen Bunkern lagerten hier bis 1939 insgesamt 42 Tonnen Sprengstoff der Dynamit Nobel AG, der unter anderem für den Bergbau verwendet wurde. Das Unternehmen wurde von dem Industriellen Alfred Nobel gegründet, der später auch den Nobelpreis stiftete.

August Wundrok vom Verein DoCas-Blinker kann sich noch gut daran erinnern, wie es hier früher einmal ausgesehen hat: „Das ganze Gelände war mit Stacheldraht umzäunt. Und um die Bunker herum gab es große Erdwälle“, sagt er. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde der Sprengstoff der Nobel AG aus dem Lager im Grutholz weg zur Dattelner Zeche Emscher-Lippe gebracht. Die Nazis nutzten die Bunker anschließend als Munitionslager. Ein Grund dafür, dass das Grutholz im Weltkrieg Ziel vieler Fliegerangriffe war.

So viel Sprengstoff wurde hier in der Vergangenheit entdeckt:

Das zeigen auch die Funde, die man hier in den 1970er-Jahren gemacht hat. Allein zwischen März und August 1976 fanden und entschärften Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes im Grutholz 665 Sprengkörper – darunter jede Menge Panzer- und Sprenggranaten, Eier-Handgranaten, Splitter- und Sprengbomben sowie Phosphorbrandbomben. „Die Alliierten haben die Bunker damals aber nicht zerstören können. Das hat das Technische Hilfswerk später übernommen, als es dort Sprengübungen durchgeführt hat“, erklärt Wundrok.

Munition fanden auch die DoCas-Blinker, als sie vor ein paar Jahren den Grutholzteich – den ehemaligen Löschteich des Lagers – zu einem amphibienfreundlichen Raum umgestalteten. „Wir sind darauf gestoßen, als wir einen Tümpel angelegt haben“, sagt Wundrok. Eine heikle Sache sei das gewesen – die der Vereinsvorsitzende beinahe selbst hätte erledigen können.

Auf der Zeche Victor arbeitete der Naturschützer in den 1950er-Jahren schließlich als Sprengmeister. So wie sein Vater, der sogar noch mit Sprengstoff aus dem Lager gearbeitet hat. Unter Tage sei der Umgang mit Dynamit natürlich eine besonders gefährliche Sache, erklärt Wundok: „Die eigentliche Gefahr ist aber nicht, dass plötzlich alles einstürzt, sondern dass es in Kombination mit dem leicht entzündlichen Grubengas zu einer Schlagwetterexplosion kommt.“ Die gab es hier schon lange nicht mehr. Mit der Zeche Erin schloss im Jahr 1983 das letzte Bergwerk in Castrop-Rauxel.

Beliefert wurden alle Zechen einst jedoch mit Sprengstoff aus dem unscheinbaren Lager im Grutholz. Zu diesem Zweck wurde Anfang der 1920er Jahre sogar eine eigene Bahnstrecke angelegt, die bis heute als „Nobelbahn“ in Erinnerung geblieben ist. Von der bereits Anfang der 1930er Jahre wieder stillgelegten Strecke ist heute so gut wie nichts mehr zu sehen. Genauso wenig wie von den Bunkern des Lagers.

Davor warnt der Revierförster:

Dass sich im Boden des Grutholzes aber immer noch explosive Stoffe verbergen, ist laut Revierförster Matthias Klar nicht ausgeschlossen. Sorgen machen müsse sich deshalb aber niemand – weder die Tiere im Wildgehege noch die Spaziergänger. „Nur wenn man tiefe Erdarbeiten vornimmt, muss man vorsichtig sein“, sagt Klar. Solche Arbeiten seien aber derzeit im Grutholz nicht geplant. Grundsätzlich rät der Förster Waldbesuchern allerdings davon ab, sich mit Detektor und Spaten auf die Suche nach Sprengstoff zu machen – vor allem in der Nähe von kleinen Gewässern, die aus Bombentrichtern entstanden sein könnten. Da sind dann auch Hobby-Spürhunde fehl am Platz.

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