Vom schwierigen Schüler zum Lehrer – Ruben Uhlich rappt und unterrichtet

rnRappender Lehrer

Ruben Uhlich hat lange nicht geglaubt, dass er sein Abitur bekommen oder gar Lehrer wird. „Aus dir wird eh nichts“, sagten ihm seine Lehrer. Dass er rappt, hilft dem Castrop-Rauxeler in seinem Beruf.

Castrop-Rauxel, Dortmund

, 14.06.2020, 15:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Woran denken Sie, wenn Sie an Rap-Musik denken? Haben Sie ein Bild im Kopf? Und jetzt fragen Sie sich: Würden Sie ihr Kind von einem Rapper unterrichten lassen? Ruben Uhlich ist Lehrer und Rapper. Seiner jeweiligen Rolle entsprechend ist er entweder Herr Uhlich oder Trair.

Lehrer, ein nicht unbedingt außergewöhnlicher Beruf und Trair, ein Alias. Man könnte meinen, dies ist die Handlung eines weiteren Superhelden- – nein Moment, vergessen wir nicht das Bild, das Sie wahrscheinlich im Kopf haben – eines Superschurken-Films.

Tagsüber ist er Lehrer, nachts zieht er mit einer schwarzen Maske über dem Kopf rappend durch dunkle Gassen und begeht Verbrechen. So wäre es wohl im Film, nun zur Realität, denn es gibt da ein paar Unterschiede. Zu erst mal: Ruben Uhlich ist nicht kriminell, sonst wäre er kein Lehrer. Die müssen nämlich ein sauberes Führungszeugnis vorlegen. Die dunklen Gassen in besagten Filmen, befinden sich meist in irgendwelchen US-amerikanischen Metropolen, Uhlich wohnt in Castrop-Rauxel.

In der Hochhausiedlung Clarenberg in Dortmund-Hörde hat der Rapper in seiner Kindheit viel Zeit verbracht.

In der Hochhausiedlung Clarenberg in Dortmund-Hörde hat der Rapper in seiner Kindheit viel Zeit verbracht. © David Nicolas Döring

Schüler fanden schnell heraus, dass Uhlich rappt

Und der 27-Jährige sieht auch nicht wirklich aus wie ein Superschurke, wie er da in einem Sessel in einer Wohnung in Dortmund-Berghofen sitzt, die er und sein Musiker-Kumpel Hemmo zu einem Studio umbauen. Das Licht aus dem Dachfenster fällt auf sein schmales Gesicht mit den müden blauen Augen und dem leichten Bartwuchs auf Oberlippe und Kinn. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, eine Kappe bedeckt die dunklen Haare.

Seit Anfang Mai unterrichtet Uhlich Deutsch und Sozialwissenschaften an einer Hauptschule in Herne, vorher hat er sein Referendariat an der Sekundarschule Süd in Castrop-Rauxel gemacht. Dafür ist der gebürtige Dortmunder auch in die Europastadt gezogen. „An der Schule in Herne weiß noch keiner, dass ich rappe. In Castrop-Rauxel hat das allerdings nicht lange gedauert“, sagt Uhlich und lacht.

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Nach ein paar Tagen in der Castrop-Rauxeler Schule ploppen die ersten Instagram-Nachrichten auf seinem Handy auf. Danach immer mehr. Als Uhlich auf Instagram ein Video hochlädt, in dem er rappt, bekommt er eine Nachricht nach der anderen. „Boah, Herr Uhlich, das wusste ich gar nicht von Ihnen. Voll korrekt.“

„Keine 100.000 Klicks auf Spotify“

Nicht nur in sozialen Medien auch in der Schule sind die Reaktionen positiv. „Ich mache halt Hip-Hop, viele meiner Schüler identifizieren sich mit dieser Musik“, sagt Uhlich. „Ich habe keine 100.000 Klicks auf Spotify, aber eine kleine Basis an Leuten, die meine Musik feiert.“ Wie viele Zuhörer Uhlich hat, spielt für seine Schüler keine Rolle, alleine dass er rappt, hilft dem Lehrer, um Zugang zu ihnen zu bekommen.

Selbst die Schüler, die aus einer ohnehin schwierigen Klasse noch einmal herausstechen, kriegt er damit. Einer von ihnen, der im vergangenen Sommer, die Schule verlassen hat, schreibt ihm vor kurzem: „Herr Uhlich, durch Sie habe ich gelernt mich respektvoll zu verhalten, auch wenn ich das am Anfang nicht so gemerkt habe, als sie mich auch mal angemeckert haben.“

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Es habe ihn stolz gemacht, das zu lesen, sagt er. Wenn er das Wort „stolz“ sagt, schwingt es gleichzeitig in seiner Stimme mit und vielleicht leuchten die blauen Augen in diesem Moment auch ein wenig mehr. „Ich weiß dann, irgendwie fruchtet es. Gerade Respekt ist ein Wert, auf den ich“, er muss kurz schmunzeln, wegen der Dopplung, die folgt, „Wert lege. Das will ich erreichen.“

Abitur und Studium waren lange nur ein Traum

Er wollte immer mit Kindern arbeiten. Das habe er früh gewusst. Ob er mal gedacht hätte, dass er Lehrer wird und Schüler unterrichtet? Uhlich denkt lange über die Frage nach, dann kommt ein langgezogenes „Neeee.“ Dass er sein Abi bekommt, hätte er bis zur Oberstufe auch nicht geglaubt, als er es hatte, hätte er nicht gedacht, dass er studiert, sagt er. Studieren, das war bei ihm in der Familie nie Thema und deshalb ganz weit weg.

Ruben Uhlich im selbstgebauten Studio in Dortmund-Berghofen.

Ruben Uhlich im selbstgebauten Studio in Dortmund-Berghofen. © Lukas Wittland

„Das war eigentlich nicht auszudenken. Auch als dann irgendwann der Wunsch da war, Lehrer zu werden, dachte ich: Fünf Jahre Studium, das ganze Referendariat, das packe ich eh nicht. Das mache ich eh nicht.“ Weil es sein Traum ist, beißt er sich durch. „Mit Disziplin und Durchhaltevermögen geht das. Das will ich auch meinen Schülern mitgeben.“

Uhlich hat sich bewusst dafür entschieden an eine Hauptschule zu gehen. Er will mit Jugendlichen arbeiten, die schlechte Voraussetzungen haben. Denn, und das ist ein weiterer Unterschied von Uhlichs Leben zum Film: Es verlief nie, als wäre es einer. Sein Vater haut kurz nach seiner Geburt ab, lässt ihn und Uhlichs Mutter alleine. Seine Mutter ist immer wieder arbeitssuchend. Geld ist immer ein Thema, meist ist es knapp.

Mach es einfach

Er musste sich immer durchbeißen, sagt er. Über das Knie gelegt, wippen die strahlendweißen Sneaker mit den orangefarbenen Schnürsenkeln in der Luft. Auf ihnen steht der Slogan des Herstellers wie ein Mantra. Just do it. Just do it. Just do it. Man könnte meinen, Uhlich hat sie gekauft, um sich diesen Satz ins Gedächtnis zu prügeln. Mach es einfach. Mach es einfach. Mach es einfach.

Als Schüler sei er damals selbst nicht einfach gewesen, sagt er. „Aus dir wird eh nichts“, hört er von Lehrern. „Teilweise kann ich verstehen, dass man mir das vorgeworfen hat. Ich habe mich anderen gegenüber respektlos verhalten. Dieser Satz geht aber nie.“ Es ist ein Satz, den auch seine Schüler schon häufiger gehört haben. Als er sie fragt, was sie mal werden wollen, hätten viele gesagt: „Weiß ich nicht. Aus mir wird eh nichts. Aus mir kann nichts werden.“

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Sie bekommen diesen Satz immer wieder zu hören. Von ihren Eltern, von Freunden, von Lehrern. Irgendwann brennt er sich ein. Aus dir wird eh nichts. Aus mir wird eh nichts. Aus dir wird eh nichts. Aus mir wird eh nichts. „Ein Schüler sagte mal zu mir, dass er diesen Satz von einem Lehrer gehört habe und fragte dann: ,Warum soll ich also für die Schule lernen?‘“

Der Lehrer rappt über sein Leben

Uhlich wirkt nachdenklich, als er davon erzählt. „Daran sieht man, dass das richtig tief sitzt. Viele kommen da nicht mehr raus“, sagt er. Wenn er erzählt, hört man den Rapper heraus. Häufig wählt Uhlich seine Worte so, dass sie gut zusammenklingen, eingebettet in dem Klang seiner tiefen Stimme. „Und wenn den Schülern nicht fast täglich gesagt wird, aus dir kann aber etwas werden, dann haben sie auch keine Motivation, etwas aus sich zu machen.“

Ruben Uhlich vor einer Tafel in der Castrop-Rauxeler Schule, in der er sein Referendariat gemacht hat. Auf dem rechten Unterarm ist auch sein Rappername Trair tätowiert. Der bedeute übrigens nichts, sondern klinge einfach nur gut, sagt Uhlich.

Ruben Uhlich vor einer Tafel in der Castrop-Rauxeler Schule, in der er sein Referendariat gemacht hat. Auf dem rechten Unterarm ist auch sein Rappername Trair tätowiert. Der bedeute übrigens nichts, sondern klinge einfach nur gut, sagt Uhlich. © Lukas Wittland

Dass er es gepackt habe, zeige seinen Schülern, dass es geht, glaubt er. Sie kennen seine Vergangenheit ein wenig aus seinen Songs. Die meisten sind autobiografisch: schlecht aufgewachsen, wenig gehabt, fertig studiert, fertiger Lehrer, Freunde, die einen enttäuschen, Freunde, die er enttäuscht hat. Es ist kein frauenverachtender, homophober Rap, in dem es um dicke Uhren, Drogen und teure Autos geht.

„Ich habe ja keinen Lamborghini, da kann ich also auch gar nicht drüber rappen“, sagt er und lacht. Dann wird er wieder ernst. Problematisch sei, dass es viele Jugendliche gebe, die das, worüber Rapper in ihren Texten sprechen, nicht reflektieren könnten.

Es muss nicht immer „auf die Fresse“ sein

„Wenn es zu sehr unter die Gürtellinie geht, kann man das meiner Meinung nach nicht gut finden“, sagt der Lehrer. Es müsse ja nicht immer „auf die Fresse sein“. Man könne ja auch davon erzählen, wie man aufgewachsen ist, was man für Niederschläge hatte, was man alles geschafft hat. „Für mich ist Rap die einzige Musikform, ich der ich das so ausdrücken kann, wie ich es gerade fühle. Das geht nicht auf einen Techno-Beat“, sagt Uhlich.

Lag die Musik während des Studiums brach, sollen nun neue Sachen von ihm kommen. Viele seiner alten Tracks hat er gelöscht. Das Lied „Danke, Mama“ nicht. Es ist das persönlichste, das er gemacht hat, sagt er. Der Name seiner Mutter ist in geschwungenen Lettern auf seinen linken Unterarm tätowiert. Als er die Ärmel seines Pullis hochkrempelt, sieht man ihn, ebenso die bunten Tattoos auf dem anderen Arm.

Trifft er, küsst er den Namen seiner Mutter

Bis zum Bund, der nun am Ellbogen sitzt, ist er tätowiert. Auch sein Rapper-Name Trair ist dort unter die Haut gestochen. Der habe übrigens keine tiefere Bedeutung, sondern klinge einfach nur gut, erzählt Uhlich. In der neuen Schule würde er die Ärmel seines Hemdes erst mal noch unten lassen. Schießt der Amateurfußballer am Wochenende auf dem Sportplatz ein Tor, zieht er den Ärmel des Trikots hoch und küsst den Namen seiner Mutter. Egal, ob es das 1:0 oder das 7:2 ist.

Uhlichs Leben bis hierhin ist eine klassische Rap-Geschichte und irgendwie nicht. Von unten nach oben, davon ist im Rap häufig die Rede. Mit oben, ist meist „Reich-sein“ gemeint, für Uhlich ist oben, seinen Traum zu erfüllen. Auch er will mit seiner Musik etwas erreichen, als Lehrer hat er das schon geschafft.

Ein Schüler, der schlecht Deutsch spricht und sonst immer nur Sechsen schreibt, sei nach einer Deutscharbeit zu ihm gekommen. Er hatte eine Vier Minus. Die Augen des Schülers hätten gestrahlt, als er sagte: „Herr Uhlich, ich habe nur für Sie gelernt.“ Und auch Uhlichs Augen leuchten, als er davon erzählt.

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